Bitterer Kaffee

cafeteras
Foto: Ein Kunstgebilde aus Espressokannen

Ein kleiner Schluck Kaffee am Morgen ist das kubanische Äquivalent zum Frühstück. Es ist fast alles entbehrlich: Brot, Butter und sogar die so schwer beschaffbare Milch. Aber wenn unser heißes und anregendes Tässchen Kaffe nach dem Aufstehen fehlt, ist das der Auftakt für einen schlechten Tag. Meine Großeltern, mein Eltern und alle anderen Erwachsenen, die mich als Kind umgaben, tranken Tasse um Tasse dieser dunklen Flüssigkeit, während sie sich unterhielten. Immer wenn jemand nach Hause kam, wurde der Espressokocher auf den Herd gestellt. Denn das Ritual, gemeinsam eine „Colada“* zu trinken, war genauso wichtig, wie sich zu umarmen oder sich gegenseitig nach Hause einzuladen.

Vor einigen Wochen verkündete Raúl Castro, dass der Kaffee des staatlich rationierten Marktes von nun an mit anderen Zutaten gestreckt würde. Es war sympathisch, einen Regierungschef über solche kulinarischen Themen sprechen zu hören, aber zugleich war es auch Anlass zu Scherzen unter der Bevölkerung, dass nun etwas offiziell verkündet wurde, was schon seit Jahren auf der gesamten Insel ganz normale Praxis ist. Nicht nur wir Bürger verfälschen schon seit Jahrzehnten unser wichtigstes Nationalgetränk. Der Staat selbst hat uns schon längst an Einfallsreichtum überholt, ohne irgendwelche Angaben auf die Etiketten der Produkte zu schreiben. Auch die Herkunftsbezeichnung „kubanisch“ kann man für den Vertrieb des anregenden Gebräus nicht mehr verwenden, denn es ist für niemanden ein Geheimnis, dass unser Land große Mengen aus Brasilien und Kolumbien importiert. Während die Nationale Kaffeeproduktion einst 60 000 Tonnen pro Jahr verarbeitete, werden heute nur noch 6000 Tonnen erreicht.

In den letzten Monaten ist der „schwarze Nektar der weißen Götter“, wie er einmal genannt wurde, zu einer Rarität geworden. Die Hausfrauen mussten die alte Gewohnheit wieder aufnehmen, geröstete Erbsen zu mahlen und mit dem Kaffee zu vermischen, um jenes bittere Schlückchen zu sichern, das wir zu uns nehmen sobald wir die Augen aufschlagen. Ob man das noch Kaffee nennen kann, können wir schon nicht mehr sagen. Aber zumindest ist es etwas Heißes und Bitteres, das man morgens trinken kann.

Anm. d. Ü.
* „Colada“ ist eine kubanische Kaffeespezialität. In einer kleinen Tasse wird ein sehr starker, schwarzer Kaffee serviert, etwa vergleichbar mit dem italienischen Espresso.
Übersetzung: Florian Becker
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9 Gedanken zu „Bitterer Kaffee

  1. also, wenn ich eine radikale Vision diesbezüglich formulieren würde, dann hieße sie:
    Öko wird mit wenig Lizenzgebühren genehmigt und Kooperationen gefördert. Nicht-Öko ist nur unter hohen Lizenzgebühren als Ausnahmegenemigung möglich und Freiheit von Genmanipulation ist verfassungsmäßig geschützt. Und das alles in einer Demokratie, die das tatsächlich will.

    Zuviel an Vision? Dumm und naiv? Ja, möglich.
    Aber ich habe keine Lust alte Gedanken – alte Knochen – stets wieder zu kauen, mal von links und mal von rechts.

  2. OK, Claudia, wenn das Öko-Reservat Geld in die Kasse biringt, bin ich auch dafür.

    Aber wer soll garantieren, das gleich neben dem Öko-Campesino nicht ein anderer Unternehmer die genmanilupierte Produkte erzeugt? Und, weil das Öko teuerer ist, die beiden Produkte nicht vermischt werden? In einem korrupten Vaterland der Lüge und des Betrugs wäre es ein ein leichtes Spiel. Eine Moral kennen Kubaner nicht, und der Kapitalismus wird auch keine Moral bringen.

    Ich beantworte meine eigene Frage: nur eine Diktatur kann die sauberkait der Öko-Produkte garantieren, wenn sie es für gutes Geschäft hält.

  3. @Ricardo
    Noch gibt es keine Verhandlungen über einen Schuldenerlass. Voraussagen über China und Spanien sind schwierig. Aber Forderungen stellen für Kuba dringend nötig!

    Ich glaube auch nicht an die Landwirtschaft des letzten oder vorletzten Jahrhunderts. Und die Sache mit den Strohhüten stelle ich mir auch eher grotesk vor. Aber die selbstständige Tätigkeit als (Kaffee)bauer – auch genossenschaftlich organisiert – mit ordentlichen Preisen, Land und Haus kann ein Einkommen sichern.

    Wußtest du, dass die Produzenten von Bio-Sojaprodukten den Kunden nicht garantieren können, dass das Biosoja NICHT genmanipuliert ist, weil es kein Rohstofflieferant der Welt garantieren kann? (soweit sind wir auf dieser Welt!)
    Eine Insel wie Kuba hat – wenn es sich kategorisch von Genmanipulationen in der Natur fernhält – seine Chance auf dem internationalen Weltmarkt für verschiedene Bioprodukte. Alleinstellungsmerkmale sind eine prima Sache. Und wenn sie für alle Beteiligten gut sind – dann her damit!

    Davon gibt es einen Haufen Beispiele, die man findet, wenn man nicht dem globalen Mainstream (= internationale Globalplayer, ob Schönheit oder Reis wie „Monsanto“ in Indien…) hinterher jagt.
    Von mir aus kann man Kuba dann als Öko-Reservat bezeichnen – Worte sind Schall und Rauch.

  4. @Claudia
    Kennst Du ein Land, dem China die Schulden erlassen hat? Oder Spanien vielleicht, das selbst in der Klemme steckt?

    Hoffentlich gehörst Du nicht zu den Träumern, die in Kuba gerne Kaffeebauer mit Strohüten sehen. Sie führen die Eseln, trinken guarapo aus Lederflaschen, tragen Machete an der Gürtel, Gitarre in der Hand und singen „Guantanamera“.

    So ein Kuba wird es nicht geben. Oder vielleicht doch – als Reservat für Öko-Touristen. Good business.

  5. @Ricardo
    Kuba braucht einen funktionierenden, behutsam aufgebauten Wirtschaftskreislauf („regional produzieren – global verkaufen“ – darum macht das Internet soviel Sinn in der Welt!!!), sowie einen Schuldenerlass und keinen kurzfristigen Ausverkauf seiner Substanz.

    Schönheitskliniken für frustrierte Selbstwertneurotiker, Aufbau einer Immobilienblase mit der Folge von exorbitanten Immobilienpreissteigerungen sind wirklich „ganz tolle und weitsichtige Ziele“.
    Grauenvolle Visionen, der reinste Horror! Da sind wohl viele Kubaner im Moment besser dran……

  6. Kaffee muss nicht unbedingt in Kuba produziert werden.

    Sobald es den emprededores (business start-ups) erlaubt wird, z.B. eine Schönheitsklinik zu eröffnen, oder eine Immobile an Ausländer zu verkaufen, wird Kuba genug Geld für Importe haben.

    Und für Rückzahlung der Auslandsschulden.

  7. In meiner Jugend gab es ein Lied, ich erinnere mich an das Ende da wurde empfohlen besser kein Kaffee zu trinken und das endete mit den Worten:“Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann!“Ach die Muselmaenner!!Da ist ja jetzt allerhand los,,,,Die Revolte ist uebergeschlagen in alle moeglichen arabischen Laender die von Dikdatoren regiert werden… Wie geht das weiter?Ware es moeglich dass auch iKuba??,,,,,Aber nachdem dort ja alles verschwiegen wird und Interet dort

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