Das Geschäft mit dem Nikotin

tabacos

Die Hände bewegen sich sicher und schnell, sie haben kaum 30 Sekunden Zeit, um die Zigarren, die für den Schwarzmarkt bestimmt sind, unter den Tisch zu legen. Zwei Kameras schweifen über den Saal, wo die duftenden Blätter gerollt werden und schließlich in Schachteln mit der Bezeichnung Cohiba, Partagás und H. Upmann landen. Jedes Kameraauge schwenkt über einen 180 Gradwinkel und lässt für einen ganz kurzen Moment eine Zone unbeobachtet, einen schmalen Streifen von Zigarrendrehern ohne Überwachung. Der geeignete Augenblick, um unbeobachtet vom Aufsichtspersonal den Lancero* oder jenen Robusto* verschwinden zu lassen, der später am Rande des offiziellen Marktes verkauft werden soll. Ein anderer Angestellter kümmert sich darum, das Aufsichtspersonal zu bestechen, damit die Zigarren aus dem Firmengelände geschmuggelt werden können. Am Tag darauf wird sich ihr starkes Aroma bereits auf den Straßen verbreiten.

Wenn mich meine Spanisch-Schüler nach der Qualität der Rauchwaren fragen, die unter der Hand verkauft werden, scherze ich und sage, dass sie in besagten Schachteln auch eine eingerollte Granma vorfinden könnten. Ich weiß jedoch auch, dass ein nicht unerheblicher Teil dieses heimlichen Angebotes denselben institutionellen Quellen entstammt, in denen die hergestellt werden, die man in den legalen Geschäften ausstellt. Drei von fünf Kubanern rühmen sich, wenn man sie befragt, wirklich einen Dreher zu kennen, der an authentische, frische Zigarren herankommt. Der Handel mit Tabak umfasst Tausende von Menschen in dieser Stadt und generiert ein Netz von Korruption und Gewinne von unschätzbarer Größe. Ziel ist es, dass das Endprodukt dem ähnelt, das der Staat vertreibt, aber drei oder vier Mal weniger kostet.

Unter den häufigsten Angeboten, die die Touristen bekommen, hört man jene: „Mister, Zigarren!“ oder „Lady, Havannas!“ an jeder Ecke. Wenigstens ist das nicht so schockierend, wie wenn ein Zuhälter ihnen eine Reihe von Angeboten zuflüstert, darunter: „Mädchen, Jungs, Mädchen mit Jungs“. So führt der oben beschriebene Ablauf, der in der Fabrik in den 30 Sekunden beginnt, wenn die Kameralinse zur anderen Seite schaut, dazu, dass der Ausländer für 24 Zigarren nur so viel zahlt, wie für zwei auf legale Art. Alle sind zufrieden: der Dreher, der Aufsichtsführende, der illegale Verkäufer und … der Staat? Naja … wen interessiert das schon?

Anm. d. Ü.
*Zigarrenformate

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Übersetzung: Iris Wißmüller
Werbung in eigener Sache: Für professionelle Übersetzungen spanisch deutsch, deutsch spanisch wenden Sie sich bitte an unser Übersetzerteam unter:
iris.wissmueller@gmx.de
Empfehlung:
Die DVD „Soy libre“, unter anderen mit Yoani Sanchez (s. Blogeintrag vom 30. Dez. 10), ist bei der Regisseurin Andrea Roggon unter: anishra@gmx.de für 12 € zu beziehen.
Es handelt sich um einen sehr eindrucksvollen kritischen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in Havanna, ganz ohne die sonst üblichen touristischen Klischees. Der Film lief schon auf vielen Festivals, z.B. in Amsterdam und Florenz. Optional mit deutschen, englischen Untertiteln oder im spanischen Original.

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4 Gedanken zu „Das Geschäft mit dem Nikotin

  1. „Original geklaut“ – genialer Begriff von @Ernesto. Zutreffend und lapidär.

    Ist mir irgendwie sympatischer als der „Bio“ Betrug in Deutschsland, denn bei Bio Profite gehören einer kleinen Gruppe der Kapitalisten.

  2. Wenn ich Kuba besuche, „besorgt“ meine Familie eine Kiste Zigarren. Ich will sie nicht wirklich haben, aber ich nehme sie nach Deutschland und versuche, diesen Schatz unter Freunde zu verteilen. Da ich weiß, dass der Zigarren-Schatz aus Kuba von meinen Freunden nicht wirklich geschätzt wird, habe ich mich die letzten Male ein bisschen geweigert, die hölzerne Kiste ins Flugzeug mitzunehmen. Die Verweigerung hat aber keinen Zweck gehabt, sie hätten sonst nichts, was sie nach Deutschland schicken könnten, als Gegenleitung für die vielen Geschenke und für die spendierten getragenen Kleidungen. Kurzum, ich halte den Mund und nehme ich sie mit nach Deutschland, als Geste meiner Familie gegenüber.

    Das letzte Mal habe ich eine Bemerkung fallen lassen, in der Hoffnung, ich hätte damit ein Argument gefunden, die Kiste in Kuba zu lassen: ich sagte meiner Mutter, ich könnte mit diesen Zigarren im Flughafen Probleme bekommen. Ich hätte gehört, oder noch besser: im Internet gelesen …, sie prüfen im Flughafen, ob die Kiste versiegelt ist, ob ein komischer Stempel drauf ist … Meine Mutter erwiderte sofort: Die Kiste stamm original aus der Fabrik, mit Stempel und mit allem drum und dran. Sie hatte die Kiste bei dem Sohn einer guten Nachbarin gekauft, der in der Fabrik arbeitet und selbst ein patenter junger Mann ist … Original geklaut, sozusagen. Ein Onkel von mir, der mit am Küchentisch saß, erklärte mir: Selbst wenn du die Zigarren im Hotel kaufen würdest, hast du auch keine Sicherheit, dass sie nicht geklaut worden sind. Die Mitarbeiter der Hotels schmuggeln ihre auf der Straße gekauften Zigarren ins Hotel und verkaufen sie im Laden als „saubere“ Ware. Die staatlichen Zigarren bleiben in den Regalen des Ladens dann liegen, und über den Ladentisch gehen die geklauten Zigarren der Verkäuferin. Du bekommst das Spiel gar nicht mit, du hast auch keine Chance, dich davor zu schützen.

    Fazit: Nichts ist sauber in diesem Land. Idioten wie ich würden den doppelten oder dreifachen Preis bezahlen, um nur das Gefühl zu haben, ich kaufe legal und besitze Originalware. Völlige Idiotie, alles gefälscht, alles nur Schein.

    Alles bio, oder?

  3. „Ich muss doch klauen, denn für $20 im Monat kann ich nicht leben“, sagt der Zigarren Dieb/Arbeiter. Und mit ihm Millionen anderer Kubaner.

    Der Artikel von Yoani zeigt sehr gut die Widersprüche kubanischer Gesellschaft.

    Das System ist viel zu mild, um die Menschen zur ehrlichen Arbeit zu zwingen und viel zu hart, um eigenständige, produktive Tätigkeit zu erlauben.

    Ich würde mir für Kuba einen Lee-Kuan-Yew (Singapore, 60-, 70-, Jahre) wünschen. Harte Gefängnise, Schlagstock ofiiziel als Strafe, Spucken auf der Strasse als Delikt aufgenommen. Einie chinesische Yoani müsste damals mit guten 10 Jahren Haft rechenen.

    Das Ergebnis: aus armen, durch Malarie und Hunger geprägten Kolonie des UK-Imperialismus ein Traumland der 1. Welt. Zeitrahmen: vergleichbar mit der Revolution.

    Viva Singapur

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