Die Abwertung der Produktpiraterie

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Mit farbigen Covers und in Cellophan verpackt werden seit Neuestem an jeder Straßenecke meiner Stadt CDs und DVDs angeboten. Der Verkauf von Musik, Fernsehserien und Spielfilmen ist ein Geschäftszweig der selbstständigen Straßenhändler, der sich, besonders in den letzten Wochen, stark verbreitet hat. Jeder will seinen eigenen Verkaufsstand haben und die Kreativeren unter den Händlern verkaufen Zusammenstellungen mit mehreren Filmen eines bestimmten Schauspielers oder der gesamten Diskographie einer Sängerin. Vor den Autorenrechten wird kein Halt gemacht, wobei die Priorität der nordamerikanischen und spanischen Fernsehserien in erster Linie auf der Anzahl der verkauften Kopien liegt. Die Film- und Musikpiraterie hat die Zeit hinter sich gelassen, in der den potenziellen Kunden das Angebot ins Ohr geflüstert wurde. Heute zeigt sie sich in aller Öffentlichkeit auf improvisierten Verkaufstischen aus Holz oder Karton. Jeder kann den Film- und Musikproduktionen Konkurrenz machen, vorausgesetzt er überschreitet nicht die Grenze des ideologisch Akzeptierten.

Es fällt jedoch auf, dass es, bei allem Mut, sich über das Copyright hinwegzusetzen, niemand wagt, jene verbotenen und zugleich beliebten Fernsehprogramme anzubieten, die aber in den alternativen Informationsmedien die Runde machen. Jene Dokumentarfilme, die die Geschichte unseres Landes aus einem anderen Blickwinkel als dem offiziellen betrachten, werden zwar in den kubanischen Wohnzimmern oft gesehen, sind jedoch im öffentlichen Verkauf nicht zu finden. Auch die Filme, die die Situation in Rumänien unter Ceausescu, in Russland unter Stalin oder in Nordkorea unter Kim Jong Il zeigen, sind auf den in Torbögen und Fenstern aufgebauten Verkaufstischen nirgends zu sehen. Die wirklichen Underground Hits würden die Lizenz eines jeden frischgebackenen Straßenhändlers in Gefahr bringen. Man hört sogar von „Warnbesuchen“, die den neuen Verkäufern abgestattet werden, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, gewisses, konfliktgeladenes Filmmaterial anzubieten. Und schon ist das Zensurabkommen beschlossen.

Jenseits des Themas der Kontrolle steht das der Wirtschaftlichkeit dieser kleinen Geschäftetreibereien. Als diese zu wachsen begann, kostete eine DVD mit fünf Filmen um die 50 kubanischen Pesos. Heute zahlt man, bedingt durch das Überangebot an Verkäufern, selten mehr als 30. Viele der Händler werden als Selbstständige nicht mal bis zum Herbst durchhalten. Andere werden wohl ihr Angebot erweitern und ihre Verkaufsstelle vergrößern. Dennoch werden sie, um sich über Wasser zu halten und für Gewinne zu sorgen, auf jene, heute noch verurteilten Thematiken zurückgreifen. In ein paar Monaten wird sich ein Großteil von ihnen über das sichtbare Angebot hinaus noch ein weiteres, verstecktes Warenregal angeschafft haben, dessen Innhalt nur für absolut vertrauenswürdige Kunden bestimmt ist, um die Nachfrage derer zu befriedigen, die ruhelos nach dem Verbotenen suchen.

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Übersetzung: Florian Becker

Empfehlung:
Die DVD „Soy libre“, unter anderen mit Yoani Sanchez (s. Blogeintrag vom 30. Dez. 10), ist bei der Regisseurin Andrea Roggon unter: anishra@gmx.de für 12 € zu beziehen.
Es handelt sich um einen sehr eindrucksvollen kritischen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in Havanna, ganz ohne die sonst üblichen touristischen Klischees. Der Film lief schon auf vielen Festivals, z.B. in Amsterdam und Florenz. Optional mit deutschen, englischen Untertiteln oder im spanischen Original.

9 Gedanken zu „Die Abwertung der Produktpiraterie

  1. Also es ist doch traurig wenn man die kurzen Videos sieht von den „Damas de Blanco “ die da aufrecht und tapfer marschieren ….und nicht eine einzige Person begleitet sie!! Eher scheinen sie dieselben zu meiden…. und die einzigen die sich um sie kuemmern sind die beauftragten Ruepel von Fidel die ihre „Hombria socialista“ da los lassen…es tut doch einem direkt weh… so was wie Tunez ist scheinbar nicht drin…

  2. @algabony
    Obwohl die Amerikaner und die Kubaner sich ähnlicher sind, als man denkt, ist es richtig: es sind zwei Nationen. Das zweifle ich auch nicht an.

    Der Fall einer Mauer ist für mich auch, wenn mentale Blockaden als auch konkrete Wirtschaftsblockaden einstürzen bzw. überwunden werden. Geld- und Gedankenströme kommen zuerst und dann wird es auch äußerlich sichtbare Veränderungen geben…das ist meine „Theorie“.

    Und es gibt sicher Amerikaner, die den „Vorhof“ wieder hätten – diese Absicht (Rückgabe von Ländereien etc.) gab es damals in Deutschland auch – aber es gibt viele viele andere, vernünftige Menschen, die andere Lösungen suchen und auch akzeptieren können. Obama ist einer von ihnen. „Zufällig“ Präsident der USA – wie praktisch.

    Aber interessant ist, von einem globaleren Standpunkt betrachtet, dass Amerika „sozialistischer“ und Kuba „kapitalistischer“ wird. Es würde nicht passieren, wenn nicht alle Beteiligten unbewußt diese Absichten hätten!

    Über das Abgestempeltwerden als Sozialist würde ich mir nicht zuviele Gedanken machen…..das machen Menschen den lieben langen Tag. Aber möglicherweise ist das ein „Preis“, den Obama für seine Reformen insgesamt zu zahlen hat…..Es gibt schlimmeres.

  3. Claudia@
    Also von Mauerfall zu reden ist schon n bißchen übertrieben oder?. Als wären die Kubaner und die Amis ein Volk, wie damals Ossis und Wessis. Und wer soll wohingesogen werden?
    Die Amis hätten gerne „ihren“ Vorhof wieder, ihre Haciendas und Rohrzuckerfelder, aber nicht den Strom der Kubaner
    der sich über die USA ergießen würde, bei einem „Mauerfall“.
    Aber vielleicht hast du Recht und Obama bewirkt einen positiven Wandel, das wäre sehr zu erhoffen für Kuba,wobei er höllisch aufpassen muß in seinem Land nicht als Sozialist oder Verräter abgestempelt zu werden.

  4. Das mit den USA finde ich interessant. Es wird in jedem Fall etwas nutzen. Denn rein psychologisch und volkswirtschaftlich wie auch betriebswirtschaftlich ist es doch so, dass Menschen, die Geld in der Tasche haben dieses auch gerne ausgeben und in den persönlichen Konsum oder die persönliche Weiterentwicklung stecken wollen. Geld ist ein Tauschmittel! Auch die Kubaner werden „tauschen“ wollen und sie wollen einen Markt auf dem sie das können. Und kann die Regierung ihnen dieses zur Verfügung stellen?

    Geld und seine Energie stärkt das Selbstbewußtsein enorm!!!!! Es führt dazu auch ganz neue Kontakte einzugehen….und veraltete Standpunkte über den Haufen zu werfen.

    Ein ausgesprochen kluger Zug der Obama-Regierung. Öffnungen in geschlossene Systeme zu bringen, erzeugen einen Sog!!!! (s. Mauerfall!!!)
    Die Gefahr, dass die USA von sozialistischer Ideologie überflutet wird ist gering, aber die Sogwirkung/Anziehungskraft des Geldes, freier Märkte und der Demokratie in umgekehrter Richtung wird immer größer werden.

    Sehr gut Mr. Obama!!!!

  5. Ola!!Also jetzt wird es in USA andersrum versucht und eine ganze Reihe von Massnahmen werden die Kontakte.. und die Ueberweisungen von Moneten erleichtern Auch der Turismus.OK.Nachdem soviele Jahre die harte Linie nicht viel erreichte,,,Es liegt auch in der Linie von einem zivilisierten Land mit einem Obama a der Spitze, aber wird Kuba bereit sein sowas zu honorieren??Unwahrscheinlich.sie werden wahrscheinlich versuchen diesen Vorteil zu ihren Gunsten zu benutzen, aber vielleicht kann es doch etwas nuetzen ? Selbst in Miami sind sie geteilter Meinung…
    Wie das Wetter bei euch‘?Immer noch so kalt? Beste Gruesse!‘

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