Das Land der langen Schatten

contra_fidel

An der Ecke stehen zwei Männer. Einer trägt ein Headset am Ohr, während der andere auf die Eingangstür des Hauses schaut. Alle Nachbarn wissen sehr wohl, warum sie dort sind. In einer der Wohnungen lebt ein Dissident und die zwei von der politischen Polizei beobachten, wer dort ein- und ausgeht. Ihr Fahrzeug haben sie ganz in der Nähe geparkt, um dem betreffenden folgen zu können, wohin er auch geht. Sie versuchen sich gar nicht zu verstecken, denn sie wollen, dass man merkt, dass dieser Mensch mit seinen kritischen Ansichten überwacht wird. Seine Freunde sollen sich nämlich von ihm fernhalten, in der Angst, sie könnten am Ende auch noch in das Netzwerk der Kontrollen und Überwachungen geraten.

Dies ist kein Einzelfall. Hier hat jeder Außenseiter seinen eigenen Schatten oder eine ganze Schar davon, die ihn verfolgt. Die sogenannten „Sicherheitsleute“ nutzen außerdem anspruchsvolle Überwachungstechniken, die vom Anzapfen von Telefonleitungen, dem Anbringen von Mikrofonen in Wohnungen, bis hin zum Aufspüren des Standortes eines Objektes durch das Signal seines Mobiltelefons reichen. Die Auswirkungen auf das persönliche und soziale Leben derjenigen, die unter diesen Aktionen leiden, sind so verheerend, dass wir der Staatssicherheit schreckliche Namen geben, wie „der Apparat“, „Armageddon“ oder „der Reißwolf“.

Aber nicht einmal diese Soldaten in Zivil können dem öffentlichen Spott entkommen. Es gibt verschiedene Witze über die überproportional vielen Sicherheitsleute, die um jeden Oppositionellen kreisen. Mit leiser Stimme und einem Blick über die Schulter, bemerken viele sarkastisch: „Während in der Landwirtschaft so viele Hände fehlen, stehen die hier rum und beobachten den ganzen Tag einen Andersdenkenden.“ Genau, welch ein Unterschied wäre festzustellen, wenn sie, statt die Meinungsfreiheit unter Strafe zu stellen, sich produktiver Arbeit widmen würden; wenn sie ihre langen Schatten nicht auf die Kritiker des Systems, sondern auf Salat- und Tomatenpflanzen werfen würden, wenn sie helfen würden, Saatgut in die Furchen einzusäen, die heute leer stehen.

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Übersetzung: Valentina Dudinov

Empfehlung:
Die DVD „Soy libre“, unter anderen mit Yoani Sanchez (s. Blogeintrag vom 30. Dez. 10), ist bei der Regisseurin Andrea Roggon unter: anishra@gmx.de für 12 € zu beziehen.
Es handelt sich um einen sehr eindrucksvollen kritischen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in Havanna, ganz ohne die sonst üblichen touristischen Klischees. Der Film lief schon auf vielen Festivals, z.B. in Amsterdam und Florenz. Optional mit deutschen, englischen Untertiteln oder im spanischen Original.

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10 Gedanken zu „Das Land der langen Schatten

  1. @Ricardo
    Klasse, muss du selbst zur Feder griefen oder auf die Tasten hauen! Auch als Telenovela-Drehbuch tauglich. Viel „Corazón“ dabei … Spaß zur Seite: Onelio Jorge Cardoso könnte für dich auch interessant sein. Ein Linientreuer Erzähler der ersten Stunde. Einfache Sprache, nicht so inzellektuell wie Carpentier, und gut durchdachte Handlungen. Eigentlich ein guter Erzähler mit einer klaren ideologischen Mission.

  2. Ich habe mir ein Roman vorgestellt, wo als der Mann zu trabajo voluntario geht, betrügt ihn seine Frau mit einem elemento antisocial. Dann aber findet der antisozialer eine Touristin und kriegt von ihr AIDS. Die Frau wird auch eingesteckt. Der Mann geht dann aber auf die zafra und somit wird er nicht eingesteckt. Als er zurück kommt, liegt die Frau schon am Sterbettt und der Asozialer wird mit marihuana erwischt und verhaftet. Der Mann kriegt als estimulo un televisor, und lernt in der tienda, wo er das televisor abholt, eine Heroe de Trabajo kennen. Beide verlieben sich und ….

  3. Ich stehe noch unter den Eindruck des Films“Bevor es Nacht wird“ von Reinaldo Arenas (Auch das Buch kenne ich),den ich gerade auf 3sat gesehen habe.In dieser autobiographischen Geschichte wandelt sich der Schriftsteller Arenas vom überzeugten Anhänger zum Gegner des Castro-Regimes nachdem er selbst von der Unterdrückung Homosexueller betroffen war und die öffentliche Demütigung des Schriftstellers Heberto Padilla,der zu Selbstkritik gezwungen wurde,erlebte.
    Sollte es auch womöglich noch in diesem Jahr ein Wandel in Kuba geben,die Altlasten von Schuldigen(Wie etwa die Sicherheitsleute) und die Geschichtsaufarbeitung werden riesig sein.Und dafür werden noch viele Jahre vergehen.

  4. @Ricardo
    Es ist wirklich eine gute Frage, mir fällt keins ein, auf jedem Fall nicht sofort. Es gibt bestimmt irgendwelche Provinzschriftsteller, die eine Hymne an den Sozialismus in Form eines Romans geschrieben haben, aber die großen Schriftsteller…? Doch, Alejo Carpentier! „La Consagración de la primavera“ geht in diese Richtung, aber da war die Revolution noch jung … Es ist auch kein Propaganda-Roman, so wie die Sowjets oder die DDR sie geschrieben haben.

    Ich überlege noch…

  5. @Ernesto, weisst Du von irgendeinem pro-Sozialismus Buch (Belletristik, nicht Marxismus) aus Kuba?

    Ich habe es vergeblich gesucht. In mehreren Buchhandlungen habe ich nach einem Roman, das den Sozialismums in affirmativen Weise beschreibt, gefragt. Ergebnislos!

    Dann habe ich calle Obispo der Verkäferin meine ETECSA Karte geschenkt, mit der Bitte mir eine Nachricht zu senden, sobald so ein Buch erscheint. Sie sagte „ich weiss es nicht, ob es geschieht“.

  6. Der Artikel von Yoani heißt auf Spanisch „El país de las sombras largas“, das Land der langen Schatten. Dieser Titel macht in mir die Erinnerung an meine frühere Jugend wieder lebendig. Ende der Sechziger, vielleicht Anfang der Siebziger kursierte auf Kuba ein Buch, das so hieß.

    Es handelte sich in dem gezwungenermaßen populären Buch um Grönland. Im Land des ewigen Eises und der immer tief sehenden Sonne sind die Schatten bekanntlich sehr lang. Nun fragt sich der deutsche Leser, wie kann ein Buch über Kälte und Eskimos so einen Erfolg haben, auf einer subtropischen Insel? Die Antwort ist einfach: Es gag damals sonst nichts zu lesen in Kuba. Die alten Schinken, die die Revolution in den Bücherregalen der Leute überlebt haben, waren alle restlos gelesen, und in den Buchläden gab es, wenn überhaupt, nur Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung zu kaufen. Belletristik gab es damals definitiv nicht, Kinderbücher auch nicht, zumindest in der Provinz war es so.

    Ich kann mich noch an einen Sommertag erinnern, dass muss um 1970 gewesen sein, als das erste Mal in unserer Stadt ein paar Belletristik-Bücher verkauft wurden. Kurioserweise haben sie, unter anderem, auch die Schatzinsel von Jules Verne verkauft. Welche Ironie aus der heutigen Sicht! Die Schlange vor dem Buchladen war keine Schlange mehr, es war ein Tumult. Die Menschen haben gezankt, geschrien, die Scheiben der Schaufenster konnten dem Druck der Menschenmasse nicht Stand halten, es gab Verletzte, kam die Polizei und auch der Krankenwagen. Ich war dabei, als 11- bzw. 12-jähriger Junge. Als ich nach Hause kam, hat meine Mutter sich fromm gekreuzt, obwohl sie, protestantisch aufgewachsen, nicht am Hut mit Katholiken hatte. Ich hielt in meiner Kindeshand zwei Bücher. Sie sahen verschwitzt, ramponiert und schon alt aus. Meine Beute war mager, aber der Kampf war wenigstens nicht umsonst.

    Wie die Bücher hießen weiß ich immer noch. Eins davon war ein dünnes Büchlein und hießt „La Masacre de Chicago“. Das andere war etwas dicker, um die 300 Seiten, und hieß so wie der Artikel von Yoani: „El país de las sombras largas“. Mein Vater lass aus Anstand das dünne Büchlein und mit Begeisterung den dickeren Roman. Aus dem letzteren wurde ein Bestseller, vielleicht der erste Bestseller in dem Kuba nach der Revolution überhaupt! Von diesem kubanischen Bestseller haben Spanien und Lateinamerika keine Notiz genommen, glaube ich. Das Buch haben damals alle lesewilligen Kubaner gelesen und sein Titel wurde zum langanhaltenden geflügelten Wort auf der Inselk. Bis heute, wie man es sieht.

  7. Sollte Ernesto recht behalten? Dann könnte 2011 doch ein Jahr der Veränderungen werden!
    Hoffen wir das Beste, vor allem das es ohne Gewalt und ohne „Opfer“ passiert!!!
    Aber ich glaube nicht, das es so einfach sein wird die „alte Garde“ abzusetzen.

  8. Ist das, was jetzt gerade in Tunesien passiert – die „Revolte der Jugend“ – die Zukunft Kubas? Der aggressive Sturmlauf gegen einen gealterten Langzeitpräsidenten/-Partei…….
    Ist die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni die Internetstimme, die Yoani Sanchez in Kuba ist?

    Wenn ja, dann steht Kuba in diesem Jahr einiges bevor!

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