Entlassungen und Abschiede

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Foto: „Roter Teppich ins Nichts“

Sie war Anwältin in einem Betrieb in Camagüey, bis man ihr am Heiligdreikönigstag anstelle eines Geschenkes die Entlassungsurkunde übereichte. Entmutigt nahm sie den Plastikbecher, aus dem sie immer bei der Arbeit Wasser trank und jene kleinblättrige Pflanze, die ihr Büro schmückte, mit nach Hause. Im ersten Moment wusste sie nicht, wie sie ihrem Mann beibringen sollte, dass sie ihre Arbeit verloren hatte. Sie rief nicht einmal ihre Eltern an, um ihnen zu sagen, dass man „ihr Mädchen“ bei der neuen Umstrukturierung der Arbeitsplätze auf die Straße gesetzt hatte. Sie ertrug es beim Abendessen schweigend, als der Nachrichtensprecher des staatlichen Fernsehens mit Optimismus von dem neuen Weg sprach, größere Effizienz zu erreichen. Erst im Bett, im Halbdunkel des Zimmers, erklärte sie ihm, dass er den Wecker nicht zu stellen brauche, weil sie anderntags nicht früh aufstehen müsse. Ihr neues Leben ohne Arbeit hatte begonnen.

Nachdem der Personalchef jenes Staatsbetriebes von Camagüey die Belegschaft gekürzt hatte, nahm er die Dienste eines kollektiven Anwaltsbüros für die juristischen Angelegenheiten unter Vertrag. Vorher hatte sich die eifrige Anwältin für nur 500 Pesos im Monat (weniger als 25 USD) um den juristischen Papierkram gekümmert, jetzt muss die Firma rund 2000 Pesos für die Unterstützung durch eine firmenfremde Einrichtung bezahlen. Diese Arithmetik quält die gefeuerte Juristin, da ihr nicht einmal der Trost bleibt, dass ihre Entlassung wenigstens dazu diente, den Betrieb rentabler zu machen. Obendrein blieben die politisch verlässlichsten Angestellten und solche, die mit dem Direktor am engsten befreundet waren, auf ihren Arbeitsplätzen. Sie schafften es, ihre ineffizienten Bürojobs so hinzustellen, als ob sie in Wirklichkeit direkt mit der Produktion in Verbindung stünden. Daher kommt es, dass der Generalsekretär der PCC in den Augen von möglichen Inspektoren als der große Macher erscheint, obwohl alle wissen, dass er nur hinter einem Schreibtisch sein Leben fristet, der voller veralteter und vergilbter Dokumente ist.

Doch das, was diese jetzt arbeitslose Frau am meisten beunruhigt, ist nicht die Zukunft ihres früheren staatlichen Arbeitgebers, sondern der Verlauf, den ihr persönliches Leben nehmen wird. Sie hat nie etwas anderes gemacht, als Urkunden zu erstellen, Verträge zu entwerfen und Erklärungen zu berichtigen. Die siebzehn Jahre ihres Berufslebens hat sie eingesetzt, um für diesen staatlichen Dienstherrn zu arbeiten, der sie heute auf die Straße geworfen hat. Sie hat keine Kenntnisse über Frisuren oder die Kunst der Maniküre, um einen eigenen Schönheitssalon aufzumachen. Sie hat kaum gelernt, einen Computer zu bedienen und spricht keine Fremdsprache, ebenso wenig besitzt sie ein Grundkapital, um eine Cafeteria zu eröffnen oder in die Schweinezucht zu investieren. Das einzige, was sie gut kann, ist, Gesetzestexte zu analysieren und das, was zwischen den Zeilen in den juristischen Artikeln steht, herauszufinden. In ihrem Fall bedeutet die Entlassung den Abschied vom Berufsleben, die Rückkehr an den heimischen Herd, die Abhängigkeit vom Mann, der noch seine Anstellung hat. Es bedeutet das endgültige Verstummen des Weckers, der vorher immer um sechs Uhr morgens geklingelt hat.

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Übersetzung: Iris Wißmüller

Empfehlung:
Die DVD „Soy libre“, unter anderen mit Yoani Sanchez (s. Blogeintrag vom 30. Dez. 10), ist bei der Regisseurin Andrea Roggon unter: anishra@gmx.de für 12 € zu beziehen.
Es handelt sich um einen sehr eindrucksvollen kritischen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in Havanna, ganz ohne die sonst üblichen touristischen Klischees. Der Film lief schon auf vielen Festivals, z.B. in Amsterdam und Florenz. Optional mit deutschen, englischen Untertiteln oder im spanischen Original.

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6 Gedanken zu „Entlassungen und Abschiede

  1. Ich wuensche allen Kubanern von Herzen, dass sie unter dem bevorstehenden Umbruch nicht zu viel leiden muessen, und dass die Lage sich fuer alle Menschen in Kuba verbessert. Es waere fatal, wenn Kuba zum Spielball des entfesselten Kapitalismus werden wuerde. Die Kubaner kaemen dann vom Regen in die Traufe.

  2. Wie immer ist die Analyse von Ernesto die richtige.er hat ja viel mehr Kenntnisse und ist ein Insider in dieser komplizierten Lage.Nun habe ich ja auch meinen Senf dazugegeben.Und da suchte ich das deutsches Wort dass dies alles symbolisiert diese Situation die jede Massnahme die sie ergreifen werden ein anderes Problem hervorruft.Bis es mir endlich einfiel: Das Wort heisst ZWICKMUEHLE !!(Bravo Heriberto!)

  3. Ich habe auch das Gefühl, dass sich in diesem Jahr die Ketten und Dogmen individuell also bei jedem Einzelnen lösen. Es wird daraufhin neue kleine Gemeinschaften geben, die die Vielfältigkeit des Denkens wider zu spiegeln beginnen.

    Die Machtlosigkeit der Partei Kubas wird immer deutlicher werden und die „Revolution“ gegen die Partei erfolgt im nächsten Jahr (2012 – wie schon oft von mir gesagt), wenn alle sich ihrer Kraft und Freiheit bewußter werden und das Gefühl von Einheit und Gemeinschaft in einem neuen Kreis von Menschen gefunden werden kann.

    Albert Einstein meint: „Man kann Probleme nicht mit dem Bewußtsein lösen aus dem sie entstanden sind.“ Und Kuba braucht ein neues Bewußtsein – ebenso wie die kapitalistischen Länder, die auf vielen Ebenen genauso pleite sind wie Kuba.

    Die Welt verliert die Dogmen, ob katholisch, kapitalistisch, sozialistisch………..und die Gehirne werden frei.
    Alte Zeiten dürfen wir verabschieden.
    Führende Ökonomen, die manchmal sogar auch in den Medien erscheinen, gehen von einem US-Staatsbankrott in max. 10 Jahren aus. In Europa sind die nächsten Kandidaten Spanien, Portugal oder auch Frankreich und England bekannt. Es wird den Euro und den Dollar als auch den Peso nicht mehr lange geben. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse etc. wird beendet. Endlich!

    Es kommt etwas ganz Neues und ich bin sehr neugierig und freue mich darauf, denn es wird ein neues Bewußtsein unseres Menschseins geben.
    Wir steuern gobal auf eine neue ökonomische, politische, auch spirituelle Ordnung zu – und wenn man den Horizont der Geschichte absucht, stellt man fest, dass eine neue Ordnung auf diesem Planeten eine ganz normale Veränderung ist.

  4. Das Jahr 2011 könnte wirklich das längst erwarte Jahr auf Kuba werden. Jedes Jahr begrüßen viele von uns mit der Hoffnung, es wird DAS Jahr sein. Inzwischen ist Gillermo Portabales im Exil gestorben, der einmal seine berühmte Guajira sang: Ich kann hier nicht sterben, mein Herz habe ich hier nicht mit (yo no puedo morirme, mi corazón no lo tengo aquí). Celia Cruz ist auch längst tot. La Reina (Salsaqueen) hatte nicht Unrecht, als sie vorsichtshalber auf einer ihrer letzten Platte den Titel „Por si acaso no regreso“ aufnahm (Falls ich nicht zurück kommen kann). Das Warten oder die Ausübung von Geduld wurde zu unserer nationalen Eigenschaft Nummer 1. Trotzdem ist oft uns die Hoffnung ausgegangen. Die Müdigkeit hat nicht selten gewonnen.

    Nun schreiben wir 2011. Das neue Jahr bringt Leid auf Kuba und gleichzeitig wieder Hoffnung. Noch nie war die Lage so ernst und die Entrüstung der Menschen so groß. Kuba diskutiert sich tot. In jeder Familie, in jedem Betrieb, im jedem Bicitaxi und am jedem Dominotisch wird über die Raulische Reformen diskutiert. Die Meinung, dass die Bonitäten des Systems, die dem Leben auf Kuba irgendwie einen Sinn gaben, nun weg sind, verbreitet sich. Es ist noch nicht so weit, aber bald geht es mit der Entlassungswelle so richtig los. Scheinbar meinen sie das ernst. Ich habe bis eben geglaubt, es ist wieder nur heiße Luft, abwarten, es wird nicht so heiß gegessen …, sie werden sich nicht trauen, tollpatschig am Herz des Systems rum zu operieren, viel zu gefährlich! Aber ich habe mich offensichtlich getäuscht. Sie werden es tatsächlich tun. In jedem Betrieb gibt es eine geheime Lista Negra, wo drauf die Namen der Überflüssigen stehen. Niemand weiß etwas genaues, die Gerüchteküche ist auf Hochtour, die Intriganten und Opportunisten feiern Hochsaison, die Partei und die Fundamentalisten haben mehr Macht als je zuvor. Die monatlichen Zuteilungen sind in Gefahr. Seife und Zahnpasta sind nicht mehr sicher, in einem Land, wo Körperpflege oberste Priorität hat. Die Leute sind aufgefordert, in öffentlichen Versammlungen ihren Unmut zu kanalisieren und viele tun es, sehr wohl, kritischer als es der Partei lieb wäre. Kuba kocht, und der Topf der Kommunisten droht zu überkochen. Das Jahr 2011 könnte wirklich das Jahr der Jahre werden.

  5. Was man so hoert so ist das mit den Entlassungen nicht einfach und die haben Angst vor der eigenen Courage.:Wie sie es auch machen das Resultat von jahrzehnte langer Misswirtschaft raecht sich und wieviele sind garnicht mehr an ein normale Arbeit gewoehnt.Der gesunde Verstand sagt uns: Der Bankrott steht vor der Tuer guter Rat ist teuer!!

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