Ein Pass, ein Passierschein

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Foto: Coco Fariñas mit seinem Pass und ohne Ausreiseerlaubnis

Er hat kaum 32 Seiten und einen nüchternen blauen Umschlag. Der kubanische Pass gleicht eher einem Passierschein als einem Ausweis. Mit ihm können wir uns über unser Inseldasein erheben, aber sein Besitz garantiert noch lange nicht, dass wir ein Flugzeug besteigen dürfen. Wir leben in dem einzigen Land auf der Welt, wo man für das besagte Reisedokument in einer Währung bezahlen muss, die von der abweicht, in der die Löhne ausgezahlt werden. Die Kosten von „fünfundfünfzig konvertiblen Pesos“ bedeuten für einen durchschnittlichen Arbeiter, dass er seinen gesamten Lohn von drei Monaten sparen muss, um dieses Büchlein mit Wasserzeichen und nummerierten Seiten zu erhalten.

Anfang dieses 21. Jahrhunderts ist es jedoch nicht mehr ganz so ungewöhnlich, auf einen Kubaner mit Pass zu stoßen, was noch in den Sechziger- und Achtzigerjahren etwas Seltenes war, als nur wenige Privilegierte einen vorweisen konnten. Wir wurden ein unbewegliches Volk und die wenigen, die ausreisten, taten dies in offizieller Mission oder auf ihrem Weg ins endgültige Exil. Die Barriere des Meeres zu überwinden war eine Belohnung für die Linientreuen, die große Masse der „nicht vertrauenswürdigen“ Personen aber konnte nicht einmal im Traum daran denken, den Archipel hinter sich zu lassen. Zum Glück hat sich das geändert, vielleicht dank der Ankunft der Touristen, die uns mit ihrer Neugierde auf das Ausland ansteckten, oder mit dem Fall des Sozialismus, der der Regierung klarmachte, dass sie nun den treuesten Anhängern keine „Auslandsreise als Prämie“ mehr schenken konnte.

Wenn es meinen Landsleuten zurzeit gelingt, die Staatsbürgerschaft in einem anderen Land zu bekommen, empfinden sie es als Erleichterung, über ein weiteres Ausweisdokument zu verfügen, das ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit zu irgendeinem Ort zurückgibt. Einige wenige Seiten, ein mit Leder umhülltes Deckblatt und das Wappen eines anderen Landes können den Unterschied ausmachen. Während dessen bleibt das bläuliche Büchlein, das besagt, dass sie in Kuba geboren sind, in der Schublade verborgen und wartet darauf, dass es eines Tages Anlass sein könnte, Stolz zu empfinden, und nicht etwas, wofür man sich schämen muss.

* Ich nutze die Gelegenheit zu berichten, dass die Einwanderbehörde meinen Pass seit meinem letzten Ausreiseantrag zurückhält. Werde ich jetzt zu einer Person ohne Dokumente?

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Übersetzung: Iris Wißmüller

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9 Gedanken zu „Ein Pass, ein Passierschein

  1. Fantastic goods from you, man. I have understand your stuff previous to and you’re just extremely excellent. I actually like what you have acquired here, really like what you are saying and the way in which you say it. You make it enjoyable and you still care for to keep it smart. I can not wait to read much more from you. This is actually a tremendous web site.

  2. Die Moslems fühlen sich in Europa immer mehr als Besatzer. Das sieht man nicht nur an der Totalverweigerung vieler sich in Deutschland, Frankreich oder GB zu integrieren, sondern viel mehr auch, dass die europäischen ” Schlampen” wie “Kriegsbeute” behandelt werden.

  3. Lieber Enesto, ich war ganz geruehrt von deinen so frdl,Zeilen!!Wenn man aelter wird wird einem das Herz warm, wenn man eine Anerkennung bekommt.Wir waren ja alle in unserer Jugend vom Sozialismus begeistert,Aber wie ist diese Ideologie missbraucht worden, von Stalin bis Fidel!!Ich persoenlich habe keine Verbindung mit Kuba aber fast zufaellig las ich den blog von Yoani mit der deutschen Sektion und dann fand ich dass man da mitmachen musste aus vielen Gruenden angefangen mit den Menschenrechten und Kampf gegen Dikdatur.Ja ich war nach dem Krieg 3 mal in Deutschland einmal eingeladen von meiner Heimatstadt die am Rhein liegt.Zwei Herzen,ach, in meiner Brust!!Ich denke an das Wort von H.Heine:“Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.!“ Ein Kompliment kann ich Dir auch machen, deine Kenntnisse des Deutschen sind wirklich sehr gut nachdem du ja nicht dort geboren bist.Will fuer heute schliessen bis auf bald gruesst dich und die Deinen Heriberto

  4. La luz de la libertad no nesesita permiso,de nadie ser libres de moviento y pensamientos es un derecho de todo ser humano. es como vestir el traje de la soberania. Muchos visten el traje de la guerra y proclaman la paz y la llamada libertad paradoxia uniformada que no permite saltar sobre su sombra trajendo consigo el encarzelamiento de si mismo. Tratemos pisar la sombra, la nuestra y la de todo aquel que ama la libertad y al final veremos que siempre iremos adelante porque solo esa luz hace posible el camino.

  5. @Heriberto
    Lieber Heriberto, jetzt habe ich Zeit, dir persönlich ein paar Zeilen zu schreiben. Ich wollte es noch im alten Jahr schaffen, aber die Übersetzung der Tweets von Yoani und meine Kommentare hier nehmen sehr viel Zeit im Anspruch. Also, dir und deiner Familie erstmal ein gutes 2011!

    Ich finde außerordentlich wichtig, dass du hier schreibst. Du bist ein Mann, der Geschichte hinter sich hat, deine Worte haben deswegen ein besonderes Gewicht. Ich weiß nicht, ob du das heutige Deutschland kennst, ob du die unerträgliche Leichtigkeit des Wohlstandes am Leibe gespürt hast. Ich nehme an, du warst nie wieder in Deutschland. Fakt ist, wir brauchen hier die Erinnerung und das Wort von außen. Das leistest du sehr gut in diesem Blog, auch wenn einige hier die Dimension deiner Worte nicht ganz verstehen. Du warnst vor der Gefahr des Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Lateinamerika und viele hier wissen nicht, wovon die Rede ist. Ich schon. Als junger Mensch hatte ich oft mit „Latinos“ zu tun, die von der kubanischen Revolution begeistert waren. Auch Venezolaner waren dabei. Ich gab ihnen vorsichtig zu verstehen, bei uns sei nicht alles Gold, was glänzt, aber sie wollten davon nichts wissen. Sie haben unsere Warnungen nicht gehört, oder nicht hören wollen. Nun haben sie den Schlamassel (herrliches jüdisches Wort!) selbst! Und ich bin mir sicher, diese junge Leute von damals, alle linke Kinder der Mittelklasse, sind heute Gegner der Diktatur von Chávez. Ich hoffe, meine Jugend-Freunde denken manchmal an mich.

    Ich vermute, die Verbreitung der Pest in Lateinamerika ist unvermeidlich. Schuld daran sind nur unsere schwachen Demokratien, das Habgier der Oligarchien und die Machtgier des Militärs. Viele Länder werden durch die Hölle gehen müssen, um unsere Warnungen verstehen zu können. Danach werden sie für eine Weile geheilt. Hoffentlich macht die Pest bei euch nicht so lange Rast wie bei uns. Denn nach 50 J. Sozialismus ist ein Land nicht mehr zu retten.

    Lieber Heriberto, schreib solange du es kannst. Das ist wichtig. Danke!

  6. Morgen, den fuenften tritt das neue Parlament in Venezuela zusammen.Die Regierung sprich:die Dikdatur von Chavez hat schon Vorsorge getroffen( gut beraten von den kubanischen „compadres“) um die Opposition mundtot zu machen diese muesste eigentlich die Mehrheit darstellen, aber durch Manipulation sind sie etwa mehr als ein Drittel und dem Herrn Chavez ein Dorn im Auge.Er hat sich schon vorher fuer l8 Monate Vollmachten geben lassen um die Opposition auszuschalten.Es ist aber nun die letzte Chance der Opposition der Dikdatur entgegenzutreten und vielleicht das Faehnchen zu wenden, Die Mehrheit der Venezolaner haben bereits die Neese voll .Aber nach beruehmten Muster spielt das denen keine Rolle und sie werden keine Ruhe geben bis auch in Venezuela jeder im Monat 20 Dollar verdient!!

  7. Si, so ist es Ernesto.

    Den verde-olivos geht es nur um das Geld.
    Sie tun nur so, als ob sie einen Terroristen rausfischen wollten. In der Tat kontrollieren sie aber vor allem, ob du den kubanischen Pass im Konsulat ordentlich bezahlt hast. Darum geht es. Geldeintreiber, keine Grenzbeamten.

  8. Dass ein kubanischer Pass etwas ist, wofür man sich schämen muss, stimmt leider. Ich würde gerne meinen kubanischen Pass los werden, und nur noch meinen deutschen Pass behalten. Doch ich werde dieses Kreuz wahrscheinlich noch lange tragen müssen. Ich bin gern Kubaner, bin sehr stolz auf meine Herkunft und liebe meine Kultur. Aber das blaue Ding, das mir nur Schwierigkeiten bereitet, und noch dazu so teuer zu erwerben und unterhalten ist, muss ich echt nicht haben. Wozu denn? Mit der Regierung, die diesen Pass ausstellt, will ich nichts zu tun haben, von diesem Land möchte ich nicht vertreten werden. Die Sache ist aber so: ohne kub. Pass darf ich in Kuba, als in Kuba Geborene, nicht einreisen. Ergo, ich muss einen kubanischen Pass „kaufen“ (6 Jahre Gültigkeit) und ihn ein Mal in 2 Jahre verlängern lassen. Ein gutes Geschäft für sie.

    Ein Mal, versuchte ich, mit meinem deutschen Pass durch die Passkontrolle in Varadero durchzukommen. Es ging in die Hose. Obwohl ich nicht den typischen Kubaner abgebe, obwohl ich nach so einem langen Aufenthalt in Europa ziemlich „abgewaschen“ aussehe, wurde ich sofort identifiziert. Komisch, auf den Straßen Kubas glauben mir die Menschen nicht, dass ich Kubaner bin. Ich spreche immer noch „kubanisch“ ohne Akzent, beherrsche unseren Humor und nationale Redewendungen, und trotzdem glauben sie mir nicht, dass ich auf der Insel geboren bin. Im Flughafen erkennen sie mich aber sofort. Komisch ist auch, dass mein deutscher Pass bei der Einreise keine Rolle spielt. Sie wollen davon nichts wissen. Nur den kubanischen wollen sie sehen. Wenn ich ausreisen will, dann werde ich grundsätzlich nach Beweise gefragt, dass ich wirklich im Ausland lebe.

    Wenn du als Kubaner die Passkontrolle passiert hast, musst sofort deinen kubanischen Pass in die Tasche stecken und den deutschen „unauffällig“ in der Hand halten. Diese Regel kennt jeder. Damit verringerst du die Gefahr, dass deine Sachen hemmungslos durchgewühlt werden und du anschließend kräftig zur Kasse gebeten wirst. In Kuba einreisen, als Kubaner, ist eine Qual. Wenn wir noch aus dem Flugzeug die Landschaften unserer Heimat sehen, bekommen wir Herzklopfen und das Gefühl im Bauch, du musst ganz schnell zur Toilette … Wir wissen, was uns da unten erwartet, nur weil wir so einen blauen Pass mit dem kubanischen Wappen besitzen.

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