Eine Kultur, die keine Schrift hat

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Claudia Cadelo wartet immer noch auf eine Antwort von der Provinz-Staatsanwaltschaft auf ihre Anzeige wegen kultureller Ausgrenzung beim letzten Filmfestival junger Regisseure. Der Agent Rodney zeigte nie sein Gesicht, um die traurigen Ereignisse des Novembers 2009 zu bestätigen oder zu leugnen. Rings um die Wohnung von Luis Felipe Rojas stehen einige Polizisten in Zivil und bewachen ihn, ohne einen richterlichen Befehl dafür zu haben. Meine Anfrage bei Gericht wegen der Schläge und meiner illegalen Festnahme im vergangenen Februar stieß nur auf Schweigen auf der Seite der Rechtsinstitutionen … während Dagoberto Valdes immer noch auf eine Erklärung dafür wartet, warum man ihn nicht aus Kuba ausreisen lässt. Wir sind von einer Repression umgeben, die kein Papier unterschreibt, die sich nicht zeigt und Handlungen, die das eigene Gesetz brechen, nicht offiziell abstempelt.
Strafen, die nicht belegbar sein wollen, Festnahmen, die nicht im Tagesrapport einer Polizeistation auftauchen, Drohungen in mündlicher Form, damit keine Spuren bleiben. Eine nicht schriftlich manifestierbare Kultur der Einschüchterung, von Agenten mit Pseudonymen und einer Nötigung, die es vermeidet, Beweise zu hinterlassen. Wenn wir verlangen, dass sie die Sätze, mit denen sie uns fern von Kameras und Mikrophonen anschreien, niederschreiben sollen, pressen sie die Lippen zusammen und prahlen mit der Macht, die es ihnen erlaubt, anonym zu bleiben. Wenn man sie anzeigt und an das Gesetz appelliert, das sie selbst geschaffen haben, dann vergehen dreißig, sechzig, neunzig Tage und es passiert nichts. Kein Richter akzeptiert eine Anfrage gegen diese olivgrüne Institution, die das Land regiert.
Auf der Rednertribüne so sehr prahlen und Wörter im Munde führen wie „Mut“, „Opfer“ und „Charakterstärke“, um sich dann hinter der eigenen Furcht zu verstecken und bei den Gräueltaten, die sie begehen, weder den Namen zu nennen, noch das Gesicht zu zeigen, noch die Gesinnung preiszugeben.

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Übersetzung: Iris Wißmüller

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5 Gedanken zu „Eine Kultur, die keine Schrift hat

  1. @Ernesto
    Ja, warum sind Menschen so? Weil sie es wollen. Kann ein Wille traurig machen. Eigentlich nicht. Traurig macht die eigene Interpretation darüber, was sein sollte – es ist ein moralischer Standpunkt, der traurig macht. Und den ich gut verstehen kann, denn man möchte das allerallerbeste für seine Lieben. Aber Moral korrumpiert eben auch die Liebe.

    Die Nazis in Deutschland konnten herrschen, weil das Volk es wollte. Es wollte nicht mehr selbst nachdenken, entscheiden, etc. Es hatte die Schnauze voll davon.
    Sie wollten eine Führung, die allen sagt, was sie zu tun haben, um „erlöst“ zu werden. Und wenn „der Führer“ sechs Millionen Juden dazu vergasen muss oder Millionen Menschen zu Kriegsfutter verarbeiten muss, dann „muss das wohl so sein“. Die Deutschen waren auf der kollektiven Ebene einverstanden! Wir Deutschen mußten das Land auf allen Ebenen des Lebens in Schutt und Asche bomben lassen, um ein bißchen aufzuwachen. Man mußte uns gehörig eins auf den Kopf hauen, damit wir aufhören „unser Ding“ zu machen. Und Kuba macht seit 50 Jahren unter der Führung von Fidel Castro „sein Ding“. (Wie Krebszellen, die ihr „eigenes Ding“ machen, und nicht merken, dass sie zerstörerisch sind.)

    Der totale Krieg und die totale Kapitulation. Das wird wohl auch Kuba bevorstehen. Sie werden dort wohl alle in den kollektiven und persönlichen Bankrott gehen – so sieht es im Moment aus.
    Die Frage ist doch, was benötigt Kuba dann? Was für Menschen sind gut für Kuba?

    Von Deutschland lernen, heißt vergeben lernen, und „frei zu werden für“…. Wer seinem Volk, seinen Ahnen vergeben kann, wer aufhört in Rache, Vorwürfen und Schuld zu denken und zu handeln, sondern frei wird für Demokratie, Frieden, Freiheit, Liebe, etc. hat die Zukunft in der eigenen Hand und kann nach vorne schauen.

    Das ist der Weg aller Kubaner! Er steht immer offen. Das ist die gute Nachricht. Ewig.

  2. @Claudia
    Liebe Claudia, nun kann ich dir das Kompliment, welches du mir neulich ausgesprochen hast, zurück geben: ein sehr geradliniges Kommentar von dir! Du hast Recht: Das Unglück, welches unser Land seit nun mehr als 50 Jahre besucht, beruht auf einer kollektiven Entscheidung, die wir als Volk getroffen haben, und die wir jeden Tag aufs neue treffen, sonst würden die Ergebnisse anders aussehen. Du sprichst aus, was ich selbst weiß, das, was mich unendlich traurig macht. So traurig, dass ich manchmal nichts mehr von meinem Land wissen möchte, dass ich am liebsten Kuba vergessen würde, um weiter leben zu können. Wie heißt der Spruch? Glücklich ist wer vergisst, was nun nicht mehr zu ändern ist … So ungefähr.

    Es ist traurig aber wahr. Wir haben diese monströse Umformung unserer Nation zugelassen, bei dieser „Bereinigung“ unseres Volkes mitgemacht. Jeder auf seine Art und seinen Möglichkeiten entsprechend. Wer das Land verlassen konnte, hat es getan. Wer nicht, entschied sich irgendwann für die Indolenz und brachte Kinder auf die Welt, die nicht mal wissen, dass sie feige und angepasst sind. Sie leben und schweigen, wie Fische (Como los peces – Carlos Varela). Nun ist aus uns eine Masse ohne Anspruch geworden, ein zwangsproletarisiertes Volk ohne Höhen, ein Haufen Raten, die mit dem täglichen Überleben beschäftigt ist, aus Resten aus den Wohlstandsländern lebt und keine Veränderungen mehr anstrebt.

    Wir haben die Grundlage einer bürgerlichen Opposition (nicht einer politischen!) vernichtet und deswegen werden wir weiter als Nation degenerieren. Ewig.

    Kuba tut weh, liebe Claudia!

  3. Deiner ironischer Aufzälhlung der „Freiheit von“ stimme ich fast zu, liebe Claudia.

    Mit einer Ausnahme: Kubaner sind von der Initiative nicht „befreit“. Im Gegenteil, sie sind viel unternehmerischer als die Deutschen. Nur so können sie überleben. In Kuba gibt es kein Sozialamt, kein Harz IV. Du selbst musst kleine Geschäfte tätigen, um ein Pfund Fleisch oder eine Velo Reife zu besorgen.

  4. Kuba ist ein freiheitliches Land!

    Man ist dort frei von persönlicher Verantwortung und Initiative, frei von eigenem Besitz, frei von Medienvielfalt, frei von ideologischem Mangel, frei von Religion, frei vom Kapital, frei von Konsum- und Nahrungsmittelvielfalt, frei von den „bösen“ Einflüssen der Welt,…. etc.
    Soviel Freiheit auf einmal……Aber war es nicht der Kapitalismus der frei und schöpferisch macht? Moment mal….

    Drängen sich diese Fragen dem Menschen in Kuba besonders auf und zwingen zu Entscheidungen? Nein.
    Diese Frage der Freiheit drängt sich überall auf. Yoani Sanchez wird es gemerkt haben, als sie 4 Jahre in Europa lebte. Und dann hat sie sich entschieden.
    Yoani Sanchez ist nicht „frei von“, sondern „frei für“ (investigativen Journalismus und Demokratie in Kuba). Das ist ein Unterschied, dessen sie sich vielleicht nicht ganz bewußt ist.
    Und „frei für oder frei von“ dürfen alle Menschen auf dieser Erde jeden Tag auf das neue wählen. Diese Entscheidung kann ideologisch überdeckt/vernebelt werden – ist aber ideologisch nicht zu beantworten, sondern nur auf der eigenen persönlichen Ebene.

    Die Kubaner entscheiden sich jeden Tag auf das neue für das System/ihr Leben in dem sie leben – sonst wären die Ergebnisse anders!
    Die Deutschen entscheiden sich jeden Tag auf das neue für das System/ihr Leben in dem sie leben – sonst wären die Ergebnisse anders!
    Die Menschheit entscheidet sich jeden Tag für das, was wir täglich sehen – sonst wären die Ergebnisse anders!

  5. Ein schoener deutscher Fluch: „Himmel-Hergott-Sakrament!!“So ist einem manchmal zumute, wenn man die Lage betrachtet die sich jetzt schon so viele Jahre um Kuba herum entwickelt.Net wahr??

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