Der verlorene Freund

seguridad[1]

Der Freund, der sich seit über einem Jahr nicht nähern wollte, kehrt mit leiser Stimme zurück und klopft vorsichtig an der Tür. Er spricht weder von der langen Zeit, die ohne seine Anwesenheit vergangen ist, noch von den Gründen, aber die Art, wie er uns anschaut, sagt alles. Die Angst, das Element, das Affekte auf die Probe stellt und wie eine ätzende Säure auf Treueerklärungen wirkt, hat ihn ferngehalten. Jetzt ist er nur für einige Minuten zurückgekehrt. Während er sich in unserem Wohnzimmer aufhält, spricht er im Flüsterton und zeigt dabei auf die winzigen Mikrofone, die er in jeder Ecke vermutet. Wir laden ihn auf ein paar Spiegeleier, ein Stück Malanga und etwas Reis ein, ohne ein einziges Wortes des Vorwurfs. Wir benehmen uns so, als ob wir uns erst gestern gesehen oder heute Morgen telefoniert hätten, als ob er nie weg gewesen wäre.

Trotzdem ist etwas unwiderruflich kaputt gegangen. Also erzählen wir ihm nur von unserer Familie, über die Enkelinnen von Reinaldo, die jeden Tag größer werden und über Teos neues Interesse, Gitarre zu spielen. Kein einziger Satz über die befriedigende und zugleich schmerzhafte Seite unseres Lebens, die mit dem Wunsch verbunden ist, sich in einem Land voller Masken frei zu äußern. Wenn uns die Themen auszugehen drohen, dehnen wir das Gespräch aus, indem wir den Regen oder die Gewaltdelikte, die in dieser Stadt mit jedem Tag häufiger werden, zur Sprache bringen. Um die, durch die Distanz geschaffene, Leere zu füllen, erzählen wir, dass es kein Pflanzenöl mehr zu kaufen gibt und dass das Spülmittel in dieser Woche in den Läden Verstecken spielt. Wir vermeiden bewusst über zukünftige Projekte zu reden, die täglichen Befürchtungen, die Belagerung durch die Polizei und den Schmerz, den wir empfinden, wenn andere von uns abrücken.

Nach einer Weile geht der Freund und wir sind davon überzeugt, dass er weder in ein oder zwei Jahren, noch in einer oder zwei Ewigkeiten zurückkehren wird. Wer weiß, vielleicht wird er schneller wiederkommen als wir denken, uns auf die Schulter klopfen und sagen, dass er, als alle sich aus Angst von uns abgewendet haben, sich nicht von der Furcht anstecken ließ und von seiner Stube aus, aus sicherer Distanz, jeden unserer Schritte begleitet hat.

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Übersetzung: Valentina Dudinov

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2 Gedanken zu „Der verlorene Freund

  1. Was jetzt `passiert ist schlaegt doch dem Fass den Boden aus!!! Da hat man Yoani einige exemplare ihre Buches „cuba Libre“beschlagnahmt und eine gewisse Yunieska die beim Zoll angestellt ist hat auch noch einige Erklaerungen dazugegeben darunter woertlich dass dieses Buch das Wohlergehen und Selbstrealisierung der Menschen in Cuba promoviert was absolut gegen die Prinzipien der Regierung geht und deswegen die Buecher zurueck gehalten wurden.Man greift sich an den Kopf wie es moeglich ist dass die Funktionaere sowas von sich geben und beweisen mit welchen Menschen man zu tun hat, die von tuten und Blasen keine Ahunung haben.Da haben wir ofiziell dass alle in Cuba arm sein bleiben sollen und Sklaven dieser Regierung, ein Armutszeugnss!!

  2. Oh ja, ich kann den „verlorenen“ Freund von Yoani gut verstehen. Wer in Kuba kein Kreuz auf der Stirn tragen will, soll lieber Abstand von solchen Bürgern wie Yoani Sánchez halten. Ein Gruß von der anderen Seite der Straße ist okay, stehen bleiben und einen kleinen Smalltalk mit ihr halten, kann schon gefährlich werden. Wer sie in ihrer Wohnung besucht, sich in dieses Nest der „Kontrarevolution“ begibt, ist schlichtweg Selbstmord gefährdet oder lebt schon lange jenseits des guten Geschmacks der Kommunisten. Da muss man sehr mutig sein oder nichts mehr zu verlieren haben. Selbst ich, als im Ausland lebender Kubaner, der keine Karriere in Kuba machen will und eigentlich außerhalb der ideologischen Reichweite der Regierung lebt, würde nicht so einfach bei Yoani klopfen und mich freundlich als der Ernesto aus Deutschland vorstellen. Um Gottes Willen! Wenn ich ein Kreuz auf die Stirn bekomme, könnte ich das nächste Mal, wenn ich meine Eltern besuche, mit Schwierigkeiten bei der Einreise rechnen. Ein nettes Verhör bei den Stasibehörden ist möglicherweise auch drin. Es muss nicht so sein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass so sein wird, ist relativ groß. Zumindest so groß, dass ich kein Risiko eingehen möchte, schon aus Liebe zu meinen Eltern.

    Ich kann aber Yoani auch gut verstehen. Ich war in Kuba nie Dissident, aber als ich die Ausreise beantragte und über Nacht vom Dienst suspendiert wurde, durfte ich die Kühle mancher Freunde und Verwandte deutlich spüren. Das tut weh. Ich habe mich, solange ich auf die Ausreise gewartet habe, im Haus meiner Eltern verkrochen, ich bin nur selten auf die Straße gegangen. Ich wollte „den Leuten“ die unangenehme Begegnung mit mir ersparen. Freilich ich war nicht so richtig „infiziert“, ich hatte mir höchstens eine gefährliche exotische Grippe zugezogen, aber ich wollte keinen durch einen unpassenden Handschlag in Schwierigkeiten bringen.

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