Persönliche Katastrophen

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Wie viele menschliche Dramen ranken sich um jedes Opfer des Absturzes beim Flug 883 der AeroCaribbean! In der Passagierliste führt die Übereinstimmung zwischen einigen Nachnamen zu der Annahme, dass Väter und Söhne, Brüder und Schwestern, Paare und ihre Sprösslinge umgekommen sind. Ich erinnere mich, dass unter den in den Morgennachrichten verlesenen Namen auch ein japanischer Tourist war, der Tausende Kilometer entfernt von dieser anderen Insel, die sich so sehr von unserer unterscheidet, sein Leben verlor. Ich denke unaufhörlich an ihn und die anderen Toten eines Flugzeuges, das eigentlich Transportmittel, Brücke, Weg sein sollte, aber niemals das Ende.

Auch hinter jedem einzelnen der 40 kubanischen Passagiere steht eine große Tragödie. Sie kauften jenen Unheil bringenden Flugticket drei Monate vor dem Abflugdatum und begaben sich in eine lange Schlange, um ein Transportmittel zu betreten, das in diesem Land selten und äußerst teuer ist. Wahrscheinlich fühlten sie Erleichterung, als sie erfuhren, dass sie die Strecke von Santiago de Cuba nach Havanna weniger chaotisch zurücklegen konnten, als mit dem Zug. Ihre Anwesenheit in jener ATR72/212 war das Ergebnis einer Reihe von Entbehrungen, die in dem Moment begann, als sie die Notwendigkeit oder den Wunsch verspürten, innerhalb von Kuba eine Reise zu unternehmen, und würde erst am Ziel enden.

Das Unglück verbirgt sich überall, das weiß man; aber die Vorstellung, dass Menschen eine Flugzeugtreppe hinaufgehen und ihre Namen kurze Zeit später im staatlichen Fernsehen mit Grabesstimme verlesen werden, ist schwierig. Vor meinem geistigen Auge erscheinen immer wieder Bilderfolgen: die Erwartung einer vertrauten Umarmung, die in der Ankunftshalle des Flugplatzes unerfüllt bleibt; die Mutter, die in Buenos Aires oder Amsterdam erfährt, dass ihr Sohn nicht mehr zurückkehren wird; oder die Frau des Piloten, die während des Abschieds dachte, dass er, wie all die vorhergehenden Male, bald wieder zu Hause wäre. Das sind persönliche Katastrophen, menschliche Dramen, die in derselben Minute ins Rollen kommen, in der ein Flugzeug zu Boden stürzt.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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5 Gedanken zu „Persönliche Katastrophen

  1. ich danke Stefan fuer die Auskunft und werde sicherlich ein Buch v ihr lesen.Und jetzt wegen „persoenlicher Katastrophen¨ in dem gefuehlvollen Artikel von Yoani moechte ich dem deutschem Publikum einige Worte sagen.Heute ist der 9 November ein bedeutendes Datum fuer Deutschland.Fuer mich ist es Datum des traurig beruehmten Tages den der Volksmund gleich „Reichskristallnacht“ benamte.Aber es war nicht z.LachenAn jenem Tage im Jahr 1938 wurden saemtliche juedische Gotteshaueser in Deutschland an Brand gesteckt tausende jued.Geschaefte zertruemmert und ca 30.000 Maenner kamen ins KZ.Das Regime zeigte sich von seiner wahren Seite mit ungeahnter Brutalitaet und Menschenverachtung .Das Resultat waren auch hier unzaehlige „persoenliche Katastrophen“Die betroffenen suchten verzweifelt zu fliehen ich kam nach Chile und fand dort ein Land welches mich menschenfreundlich aufnahm.Es ware noch aller hand zu sagen ich will schliessen herzL. Gruesse an alle Mitleser!

  2. @Heriberto
    Lieber Heriberto mit einer brauchbaren Meinung über Zoe Valdés kann ich dir leider nicht helfen. Ich habe von ihr nichts gelesen, außer publizistischen Beiträgen, die sie in „www.penultimosdias.com“ hin und wieder veröffentlicht. Ich habe sie ein Mal im Fernsehen gesehen und – was soll ich sagen? – sie hat mich nicht erreicht … Nicht dass ich einer anderen Meinung zu Kubaproblematik als sie wäre, nein, das nicht, aber sie hat mich nicht bewegt, und hinterher sah ich keine Veranlassung, ihre Bücher zu kaufen. Sie war neulich wieder im Rampenlicht in „penultimosdias“, weil sie sich etwas kritisch zum Farinas Sacharowpreis geäußert hat. Sie erinnerte daran, dass Farinas eine Vergangenheit als Militär hat. Sie wurde dafür als Hardlinerin beschimpft und hart auseinander genommen. Sogar ihr literarisches Können wurde infrage gestellt.

  3. Zum Artikel: Liebe Yoani, solch kluge, warme Worte wünschte ich mir zu finden, wenn ich um jemand weinen muss.
    Ungefragt zu Heriberto: Ich persönlich finde Zoe Valdes Romane toll; große Literatur! Und vergnüglich zu lesen. Weltklasse!
    LG, Stefan PS: Gruß auch an Ernesto.

  4. Vorigen Sonntag war in einer Zeitung eine Besprechung ueber die Schriftstellerin ZOE VALDES eine Kubanerin die exiliert in Paris lebt und der Linie von Yoani einige Novellen ueber Kuba geschrieben hat. Ich habe leider von ihr noch nichts gelesen welche Meinung hat Ernesto von ihr?

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