Tarará

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Normalerweise würden meine Schwester und ich nach zwei Wochen im Pionierlager Tarará heimkehren und vom Durchtauchen der Brandungswellen am Strand berichten. Doch dieses Mal sollte alles anders sein, denn wir nahmen an einem Projekt teil, das einer sehr bedeutenden Persönlichkeit zeigen sollte, dass das einst aus privaten Häusern bestehende Städtchen zu einer Freizeitanlage für Arbeiterkinder geworden ist. Gekleidet in je nach Region typischen Kostümen, sollten wir uns auf dem Rasen am Flussufer an den Händen fassen und fünf große Kreise bilden, die die Kontinente darstellen sollten. Mir wurde die Rolle einer Litauerin zugeteilt.

Meine Mutter lieh das Kostüm in einem Laden in der Galiano-Straße aus, an die heute nur noch ein Abwasserkanal erinnert, der auf dem Gehweg mündet. Ich sollte eine dicke Weste mit bunter Stickerei über einer Bluse mit langen Ärmeln tragen und außerdem einen Haarreif und Gamaschen über den Schuhen. Dieses Kostüm passte überhaupt nicht zu der drückenden Hitze im Juli 1984, doch aus Neugier, wer dieser bedeutende Besucher sein könnte, hielt ich mehrere Tage, an denen wir probten, durch. Hineingepresst in ihre bunte mongolische Kluft, schimpften neben mir einige Mitschülerinnen über die Hitze. Der Leiter gab mit seiner Pfeife Anweisungen und wir kreisten auf dem geschnittenen Rasen von einer Seite zur anderen, in Erwartung dieser hoch gestellten Persönlichkeit, die unseren Drehungen zusehen würde.

Am Tag der geplanten Aufführung unseres Welttanzes bemerkte ich, dass jemand in der Herberge eine meiner Gamaschen geklaut hatte, und meine Schwester zeigte die ersten Anzeichen eines Sonnenstichs. Lustlos tanzten wir im Kreis, während sich das Gerücht verbreitete, dass der Bruder des Máximo Líder jeden Moment eintreffen müsste. Ein Autokonvoi, bestehend aus drei rotweinfarbenen Alfa Romeo, überquerte schnell die Brücke über dem Fluss Tarará. Eine Minute später sagte man uns, dass wir die Formation auflösen könnten; der bedeutende Besucher war bereits vorbeigefahren. Wie in dem spanischen Film „Bienvenido Mr. Marshall“, hat Raúl Castro uns in unserer Verkleidung und mit der gut geprobten Choreografie stehen lassen.

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Ein Gedanke zu „Tarará

  1. In diesem Artikel schreibt Yoani auf der Gefühlsebene. Richtig so. Welche Empfindungen hatte ich als kubanisches Kind, wenn ich das Internationale Pionierlager mit dem wohlklingenden Namen „Tarará“ von weitem sah? Um auf diese Frage zu antworten, muss ich nicht lange überlegen. Tarará war für uns so eine Art Paradies auf nationalem Territorium, ein Paradies, das zwar in unserem Land errichtet wurde, aber für normale kubanische Kinder unerreichbar blieb. Nur die Besten unter den Besten, die jenigen, die ein Vorbild (ejemplares) für die anderen waren, durften zusammen mit ausländischen Kindern eine Woche in Tarará verbringen, und so, wenigstens für diese kurze Zeit, das Gefühl von „Gleichheit“ zu erleben – das Gleiche essen wie die blonden Kinder aus Canadá oder Deutschland, mit ihnen baden und spielen, im gleichen Schlafraum ruhen und abends zusammen mit ihnen das gleiche Animationsprogramm genießen. Gleichheit, das Glücksgefühl, dass man dazu gehört, vielleicht eine Kompensation zum Gefühl der Ausgrenzung, das kubanische Kinder in Varadero jeden Sommer spüren durften.

    So war es zu meiner Zeit. Nur die Besten unter den Besten, und das nur selten, durften dorthin. Ich persönlich zählte zu den Besten in meiner Schule, und meine Schwester gehörte ohne wenn und aber zu den Besten unter den Besten. Wir beide haben die ausländischen Fahnen, die vor dem Camp Tarará fröhlich und frei wehten, nur von weitem, von der Landstraße aus, gesehen. Ich kenne keinen Menschen meiner Generation, der Tarará betreten hätte. Yoani ist viel jünger als ich. Vielleicht waren die Auswahlkriterien zu ihrer Zeit nicht ganz so streng wie zu meiner Zeit. Vielleicht gehörte sie wirklich zu den tadellosen Schülern, die Tarará besuchen durften, oder vielleicht war Tarará in den 80er Jahren, als sie die Schule besuchte, nicht mehr das Paradies der Auserwählten, sondern ein heruntergekommenes Pionierlager für Kinder aus der Hauptstadt.

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