Sekundenkleber

se_reparan

Sie brüllen von Balkon zu Balkon und im ersten Moment denke ich, dass sie sich beschimpfen, aber so ist es nicht. Die Frau aus dem Haus an der Ecke sagt der anderen, dass es in dem kleinen Laden von Boyeros und Tulipán „Superkleber“ gibt. Mit aufgerissenen Augen gestikulieren beide und beteuern, dass „es ihn nicht mehr gab“ und dass man „ihn nirgendwo finden konnte“. Ich muss grinsen, wenn ich mir meine Schuhspitze anschaue. Auch ich brauche diesen Kleber, den die Nachbarinnen ausrufen, als ob Rindfleisch über die Rationierungskarte verkauft würde. Wenn ich rechtzeitig komme, um eine Tube dieses Zauberklebers zu ergattern, könnte ich die Computertaste kleben, die seit einiger Zeit irgendwo herumliegt und auch die Türklingel, die wir kaum hören, wenn jemand draufdrückt.

Mitten bei meiner Aufzählung kaputter Dinge, frage ich mich, ob es eine Statistik darüber gibt, wie viel von dem Sekundenkleber auf dieser Insel pro Jahr verbraucht wird. Es handelt sich nicht um ein Standardprodukt, aber ich vermute, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Notwendigkeit, unsere Habseligkeiten zu reparieren, und dem Ausmaß der Wirtschaftskrise dieses Landes. Wenn nicht, warum laufen dann alle einem Klebstoff hinterher, der verspricht, alles reparieren zu können? Oft habe ich Klebstoffreste an den Ellenbogen oder auf der Kleidung nach einer dieser Reparaturen, zu denen mich der Alltag zwingt. Das letzte Mal, als ich mich diesen Aufgaben widmete, blieb mein Zeigefinger und Daumen aneinander kleben und ich büßte ein Stück Haut ein, bis es mir gelang sie mit warmem Wasser auseinander zu bekommen.

In vielen Läden geht es zu wie beim Schlussverkauf, wenn sie diesen „Kontaktkleber“ vorrätig haben. Die Menschen kaufen Dutzende von Tuben, als ob dessen starke Klebekraft die durch Frustration in Brüche gegangene Realität reparieren könnte. Wir sind kein übertrieben sparsames Volk, das die unbrauchbaren Dinge nicht wegwerfen will, aber wir haben Probleme damit, das von den Herstellern angegebene Verfallsdatum zu akzeptieren. Wenn etwas kaputt geht, gibt es nur selten Ersatz. Deswegen beende ich nun diesen Beitrag und werde mir meine Portion von dem Superkleber kaufen gehen, meine notwendige Dosis der sekundenschnellen Ausbesserung. Vielleicht können mir ein paar Tropfen dazu dienen, die Bruchstücke der Zukunft zusammenzufügen, die uns heruntergefallen ist und ihre Scherben in alle Richtungen verstreut hat.

Übersetzung: Valentina Dudinov
1381 clicks in den letzten 24 Stunden

Advertisements

6 Gedanken zu „Sekundenkleber

  1. Ehrlich gesagt lieber Heriberto, ich glaube du verkennst die Tatsache dass man Europa über Pinera lacht, und nicht nur über ihn, man tippt sich am Kopf und fragt sich “ was ist denn in die Chilenen gefahren? Nach dem politischen Niveau der letzten zwanzig Jahre nun son Clown der mit Dauergrinsen und schöner Aussehen auf Präsident macht“. Sei s drum ich hoffe natürlich dass ich mich täusche und einmal ein Wunder geschieht und der Typ plötzlich ne Erleuchtung kriegt
    und ne anständige Amtszeit hinterläßt und nicht nur bekloppte schleimige Sprüche macht.
    Was deine Ansichten zu Allende und den Militärputsch angeht, da kann ich dir auch nicht mehr helfen, aber eins will ich dir doch sagen: Es ging damals nicht um die Sowjetunion oder um Kuba, es ging um das Recht auf demokratische Selbstbestimmung des chilenischen Volkes, und dieses Recht wurde in Blut gebadet, das war ein Verbrechen und durch nichts zu rechtfertigen.

  2. Lieber Algabony iich melde mich noch mals um ein paar Sachen ueber das Problem Chile klarzustellen,Die Rettung der Kumpels war f hiesige Begriffe doch eine ausergewoehnl.Leistung es wurde umgehend und mit Energie vorgegangen was hier eigentlich nicht so ueblich ist.Natuerlich hat der Praesident dieses fuer sich genutzt er hat es auch verdient denn ohne ihn waere die Sache nicht so gut gelaufen,.Ich gebe zu vielleicht ein bischen zuviel jetzt ist er in Europa und hat ein gutes Entree, , er ist dadurch auch hier populaer.Jetzt wegen Pinochet ich hab ja das alles miterlebt einige Freunde v mir mussten ins Exil einer wurde ermordet..Du darfst nicht vergessen das war im Jahre 1973, die URSS existierte noch Allende ich weiss nicht warum war in Fidel verliebt und ging auf diesem Weg vor, zB Verstaatlichung der Grossindustrien, einheitliche Erziehung , alles nach Schema F.Dann fing an alles knapp zu werden nach beruehmten Muster na den Leuten gefiel das nicht und im Augenblick des Putsches war die Mehrheit mit diesem einverstanden..Die wollten sich dann verewigen und die Missachtung der Menschenrechte gab den Rest erst nach 17 Jahren wurden wir sie los.Ja der jetzige Praesident ist rechts, bis jetzt ging alles soweit gut er zeigt sich von dere besten Seite , mal sehen wies weitergeht. Ich mach mal Schluss hasta pronto

  3. Heriberto + Ernesto
    Meine Güte! Da wird schon eine einfach geniale Ingineurs-Meisterleistung instrumentalisiert um gegen politische Gegner auszuteilen, und um gleichzeitig den Hurra- Patriotismus hochleben zu lassen. Natürlich ist es wunderbar, daß die Kumpels gerettet wurden, aber das ist weder was typisch chilenisches noch lateinamerikanisches, sondern schlicht menschlicher Überlebenswille gepaart mit den Errungenschaftender Technik.
    Es wird doch keiner im Ernst glauben wollen, dass dieses Fahnengeschwenke und Natonalhymnengejodel die tausende von Toten und Verschwundenen der Pinochet-Ära vergessen machen wird, die u.a auch die politische Kaste von Präsident Piñera zu verantworten hat.

  4. Vielen Dank f Deine frdl.Zeilen ueber Chile. Ja wir sind auf einmal beruehmt geworden und wenn man v Chile spricht dann ueber die Rettung der Bergarbeiter und nicht mehr ueber Pinochet was ja etwas negatives war.Das Land Chile ist ja wie ein hiesiger Schriftsteller meinte ¨´Una loca geografia ´eine verrueckte Geografie , Oft nur 100 km breit aber von einer Laenge v ueber 4000 km!! durch viele europa Inmigration aus Italien Deutschland England ost ein grosser europaeuscher Einfluss vorhanden. Eines aber vom Volkscharaker muss man sagen;die Chilenen haben einen unverwuestlichen Optimismus der ihnen viel weiter hilft.Oft steht einem von denen das Wasser am Hals aberv keine wird sagen das es ihm schlecht geht und sie wurschteln sich raus.Also alle Probleme werdem positiv angefasst im Gegensatz von Europa wo das oft fehlt.Ein weiterer Punkt ist der jetzige Praesident der als einer der besten in die Geschichte eingehen will und ueber eine ungewoehnliche Energie verfuegt und der bei diesem Fall verstanden hat sich viele Pluspunkte zu erhalten.Soweit ueber das ist wohl auch interessant fuer unsre Leser Chao bis auf bald!!!

  5. @ HERIBERTO
    Das Radio hört mit der Berichterstattung über die Rettung der Kumpel in Chile nicht auf. Wir freuen uns mit Euch! Als Kubaner bin ich stolz auf „nuestra América“. Es ist für mich eine große Freude, dass ein Land Lateinamerikas so eine Rettungsaktion zustande bringen konnte. Das nenne ich Humanismus! Das zeigt, dass wir Lateinamerikaner in der Lage sind, Großartiges und Schönes zu schaffen. Das ist ein neues, ein schönes Gefühl für uns alle. Danke Chile!

    Als Kubaner spüre ich bei aller Freude einen Wermutstropfen. Bei uns in Kuba hätte man darüber geschwiegen und versucht, mit den lächerlichen Kräften, die wir noch haben, den Fall irgendwie unter den Teppich zu kehren. Auf die Hilfe von außen, etwa von den USA, hätten unsere Politiker stolz verzichtet. Den Castros wäre es wichtiger, die Pleite vor der Welt zu vertuschen. Viel wichtiger, als das Leben von 30 Männern zu retten. So ist das in einem Land, welches bis zu den Haarspitzen ideologisiert ist.

  6. Zu meiner Zeit gab es in Kuba einen Mörderkleber, der „Garrapata“ im Volksmund hieß. Es war eine senffarbene Substanz, die sehr dickflüssig war und bestialisch stank. Ich glaube in Deutschland gibt es auch so einen Klebstoff, er wird für Schuhreparaturen benutzt.

    Das Zeug konnte man bei uns nirgendwo kaufen, man konnte es sich nur „besorgen“. Meine Eltern haben immer ein 750g-Marmeladenglas voll mit dem Teufelszeug gehabt. Das Glas mit der Garrapata war in der Nachbarschaft gut bekannt. Oft hat meine Mutter das Wundermittel an jemanden verborgt und, so wie es kommen sollte, wenn wir es brauchten, war das Glas
    unterwegs … Ich kann mich an Mutters Glas erinnern: Es war eine Qual es auf zu bekommen. Mein Gott, klebte der Deckel immer fest! Er klebte mit der ganzen Kraft des Wundermittels, das nicht umsonst Garrapata (Zecke) hieß. Und aggressiv war das Zeug! Unsere Kinderfinger waren Tage danach verklebt. Es bildete sich ein Gummifilm auf der Haut, der besonders hartnäckig an den Fingern haftete. In der Schule hatten wir allerdings unseren Spaß gehabt, die Finger von Garrapata mit den Zähnen zu befreien. Eine schöne Beschäftigung, viel schöner als das einfallslose Knabbern an den Fingernägeln!

    Das war vor 40 Jahren. Heute trägt der Modekleber auf Kuba den nicht weniger lustigen Namen „Cola loca“ (verrückter Kleber) und die Reste von ihm kleben genauso hartnäckig an unseren Fingern und unserer Kleidung wie damals die Garrapata. Klebstoff hat in Kuba an Popularität nicht verloren. Ganz im Gegenteil. Je ärmer das Land wird, desto größer ist das Verlangen nach Kleber bei den Kubanern. Recycling kennen wir in Kuba nicht, aber unsere Menschen können alles gebrauchen, selbst Kaputtes ist bei uns von Wert. Was einmal auf diese Insel gebracht wurde, bleibt im Gebrauch bis es sich in der Luft auflöst.

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s