Chaplinesk

aguador
Der Wasserverkäufer von Sevilla: Diego Velázquez

Der Mann in abgewetztem Anzug, Melone und übergroßen Schuhen trug Glasscheiben auf dem Rücken. Sein Compagnon, ein Junge von gerade fünf Jahren, zerschlug mit Steinen die Schaufenster der Geschäfte oder die Fenster der Häuser, damit der Glaser seine Dienste an die verzweifelten Kunden verkaufen konnte. Zusammen waren sie ein Duo des Überlebens, ein „auftauchendes“ Arbeitsteam, dessen Ausbeute nur dafür ausreichte, das Feuer in ihrem Heim nicht ausgehen zu lassen. Diese Geschichte, die in dem Film „The Kid“ (1921) von Charles Chaplin beschrieben wird, kam mir vor Augen, als ich die Aufllistung der selbstständigen Aktivitäten las, die in der Zeitung Granma veräffentlicht wurden. Wie ein Repertoire der Armut und Abhängigkeit scheint diese Auflistung der privaten Arbeiten mehr an ein feudales Dorf gerichtet zu sein als an ein Land im 21. Jahrhundert.

Kurz durchgelesen – und ohne meinem Unmut Ausdruck zu verleihen – fällt es auf, dass es kaum Beschäftigungen gibt, die direkt mit der Produktion zu tun haben. Die Unternehmer können auch nicht auf einen Großhandel zählen, der sie mit dem Grundmaterial versorgt; und die Möglichkeit, Kredite bei der Bank aufzunehmen, wird nur erwähnt, ohne die Höhe der Zinsen zu nennen. Es wird auch nicht genannt, dass die Selbstständigen Ware direkt aus dem Ausland importieren können, denn das bleibt weiterhin ein absolutes Monopol des Staates. Von den 178 erlaubten Beschäftigungen werden viele schon ohne Lizenz ausgeübt und dass sie auf der Liste stehen, ändert nur eine Sache, nämlich, dass jetzt dafür Steuern gezahlt werden müssen. Daher rührt unsere Skepsis gegenüber der Ankündigung, dass diese „Flexibilisierungen“ der privaten Erfindungsgabe dazu beitragen können, die gravierenden Probleme unserer Wirtschaft zu lösen.

Was für Konsequenzen wird uns diese Langsamkeit in der Umsetzung der notwendigen Änderungen bringen: Dass die Bürger weiterhin die langen Schlangen vor den Konsulaten wachsen lassen, um das Land zu verlassen, oder dass sie komplett in die Illegalität und die Umverteilung der Ressourcen eintauchen. Wenn unsere Staatsmacht glaubt, dass diese tröpfchenweise Verabreichung der Umwandlungen verhindern kann, dass ihnen das System unter den Händen zerrinnt, während sie versuchen, es auf den neuesten Stand zu bringen, dann unterschätzen sie die Dringlichkeit, die auf dieser Insel herrscht. So eine halbherzige Annäherung an die unvermeidlichen Öffnungen schwächt die soziale Situation und niemand kann voraussehen, wie die frustrierten „kids“, die Benachteiligten aufgrund der Massenentlassungen und der fehlenden Perspektiven, reagieren werden. Hoffentlich zerschlagen sie nicht alle Fenster!

Wenn du die Arbeit der freiwilligen Übersetzer unterstützen willst, kannst du das über den Flattr-Button ganz oben tun. Info dazu: flattr wiki

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30 Gedanken zu „Chaplinesk

  1. Herzlich willkommen zurück liebe Übersetzerin der TWEETS!

    „wu wei“ = (chin. durch Laotse überliefert) Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns; Zustand innerer Stille, der zur richtigen Zeit, die richtige Handlung hervortreten läßt

    Welches Drehbuch könnte entstehen, wenn die Dinge so laufen wie es der Natur der Akteure/Situation entspricht?

    1. 2012 gibt es Präsidentschaftswahlen in Venezuela und Chavez wird bis dahin sein Geld und Einfluss im eigenen Land geltend machen. Kein Geld für Kuba.

    2. 2012 gibt es Präsidentschaftswahlen in Amerika und Obama will vorher sein Guantanamo -Versprechen einlösen. Und evtl. auch mehr!

    3. 2012 haben viele Kubaner das erste Jahr der „Selbstständigkeit“ hinter sich. Sie wissen dann wohl inzwischen wie es sich anfühlt ohne die Hilfe des Staates dazustehen. Im positiven Sinne stehen sie das erste Mal auf eigenen Beinen. Mal sehen wohin sie sie tragen….

    4. Evtl. gibt es einschneidende „Reformen“ im kubanischen Bildungs- und Gesundheitsbereich….Der Druck in der Bevölkerung steigt an.

    5. evtl. gibt es eine kubanische Führungsperson, die eine Opposition führen kann…Vielleicht der Gewinner des Sacharow-Preises…..

    Was passiert, wenn die USA dann im Frühsommer 2012 „die MAUER der wirtschaftlichen Sanktionen“ EINREISST und sich Kuba gegenüber vollständig öffnet?
    Wenn die Kubaner begriffen haben, dass Chavez keine Lösung (Rückendeckung) ist, sondern dass die Lösung (Rückendeckung) darin besteht mit den USA (selbstständig und frei!) Geschäfte zu machen!

    Die einzige Mauer, die die Kubaner dann einreissen müßten, wäre die der verschanzten eigenen Regierung…..Den mutigen Schritt müssen sie dann – auf eigenen Beinen – selbst machen!!!!

    Könnte doch ein interessantes Drehbuch sein?

  2. Hier wird der Fall“ Max Marambio“ in der Presse kommentiert.Dieser war eine Art „B0dyguard“ von dem ehem Praesidenten Salvador Allende und floh nach dem golpe der Militaers im Jahre 73 nach Cuba wo er die Sympatie von Fidel erweckte die ihm erlaubten geschaeftlich aktiv zu werden auf dem Gebiet der Milch und Saft Erzeugung .Da in Kuba natuerlich alles anders ist und die Ausgaben in harter Wahrung nicht mehr bezahlt werden konnten z.B, die Kartons fuer diese Produkte und natuerlich ein Schuldiger gefunden werden musste fiel er in Ungnade bei Raul.Ein chil Buerger der seine Geschaefte dort vertrat wurde so unmenschlich mehrermale vernommen dass er einen Herzschlag bekam und starb.Marambio blieb in Chile und wird jetzt durch die Kub. Behoerden angefordert sich zu stellen wegen Korruption usw. durch Interpol.Er wird sich sicher hueten dort zu erscheinen und die chil jetzige Regierung wird das wohl auch nicht zulassen nach ja dort fuer gerechte Behandlung es keine Garantie gibt.Marambio wurde auch hier wieder politisch aktiv ohne Erfiolg

  3. @Claudia
    Deine Gedanke liebe Claudia sind richtig, die Logik stimmt. Du hast aber außer Acht eine Kleinigkeit gelassen: Kuba ist eine Insel. Selbst wenn der Feind kein Feind mehr ist, werden die Castros einen Feind aus ihm konstruieren, oder sich einen neuen ausdenken. Sie spielen allein das Spiel – Brauchen keinen dazu.

    Seit ca. 1 Jahr reden die Castros vom „medialen Krieg“ gegen Kuba. Und das betroffene Volk dieses Krieges, nämlich das kubanische Volk, kann nicht mal erfahren, ob dieser brutale Krieg überhaupt statt findet. Denn das Terrain, auf dem der mediale Krieg angeblich geführt wird, ist für Kubaner einfach gesperrt. Sie sollen glauben, dass der Krieg gegen Kuba im Internet das Thema Nummer 1 ist, dass Fidel Castro, unser Kriegsführer, immer noch den „Aufmacher“ aller großen Tageszeitungen dieser Welt gibt, wo er grundsätzlich falsch interpretiert und böse dargestellt wird. Ergo: für den Kampf braucht Kuba keinen realen Gegner. Wer das absolute Medienmonopol hat, kann auch im medialen Krieg allein spielen. Die Frage ist, wie lange noch werden wir Kubaner ihre Tabacos* ertragen, denn glauben an diesen verbal stinkenden Rauch tun die wenigsten von uns.

    *Die ewigen Predigten der Kommunisten werden im kubanischen Volksmund Tabaco oder Muela (Backenzahn) genannt.

  4. LETZTE TWEETS VON YOANI

    1)
    Freunde werden mir helfen, Tweets über ihre Handys zu versenden. Sie werden später in mein Konto gestellt.
    2)
    Ein blaues Vöglein hat mir verraten, dass Twitter sich bald über unsere Behinderung bei der Versendung von Tweets über sms äußern wird.
    3)
    Notwendige Erklärung: Die HP von Twitter funktioniert in Kuba immer noch, nur die Versendung von Tweets über sms ist momentan gesperrt.
    4)
    Interne Zensur oder technische Probleme? Ich hoffe, es wird das Zweite sein. Denn für das Erstere gibt es selten eine Lösung.
    5)
    Ohne die Möglichkeit, Tweets über sms zu versenden, gehören wir nicht mehr zur Twittergemeinschaft, denn Internetzugang ist hier so rar wie die Toleranz selbst.

  5. @Ernesto
    Ich glaube, dass sich Kuba psychisch in einer „Verstrickung des Kämpfens“ befindet, die sich erst nach aussen richtete und sich nun im Innern breit gemacht hat. Der Kampf ist eine wichtige Identität des Volkes geworden. Etwas, was langfristig nicht gut gehen kann.

    Während das Volk langsam, langsam aufwacht – weil es die Nachteile verspürt und alles unerträglich wird – hält die Führungselite an diesem psychischen Zustand fest; sie kämpft jetzt auch gegen das eigene Volk, macht zumindest militärisch mobil.
    Die USA waren ja auch lange in dieses „Kämpfen um das Gute“ verstrickt. Jetzt ziehen sie sich zurück (Guantanamo; Hillary Clinton hatte mal öffentlich über die Lockerung von Sanktionen nachgedacht….). Haben jetzt andere Baustellen – und auch da wird man müde.

    Das ist ein enormer „Energieverlust“, wenn alte Rituale und der Austausch von Feindseligkeiten nicht mehr funktionieren. Der alte „Gefährte USA“ geht seiner Wege. Wohin bloß mit dem ganzen Hass?

    Die Castros mit den getreuen Veteranen an den politischen Schaltstellen rüsten zu ihrem letzten Gefecht auf – „die wahren Helden“, durchhalten bis zum Schluss.
    Ich denke, sie kämpfen nicht um die Erhaltung eines Systems oder einer Ideologie (das haben sie nie getan und zeigen es jetzt eigentlich ganz offen), sondern um den Erhalt des „persönlichen Kampfesmythos“. Auch Ché konnte davon nicht lassen! Und wir wissen, was daraus geworden ist.
    „Wir geben den Sozialismus nicht auf, sondern aktualisieren ihn nur“ Das glaubt niemand, der klar denken kann und nicht vernebelt ist. Sie geben ihren eigenen Starrsinn nicht auf und verschanzen sich in einem kleinen vertrauten Zirkel – gefühltermaßen in der sierra maestra.
    Dabei hat jeder seine Rolle (ob Fidel oder Raúl, …), die er weiterspielt.

    Leider ist das Stück ganz ganz schlecht.

    (Ich würde die Psyche dieser alten Kämpfer bei allen Überlegungen nicht vernachlässigen. Und ich habe die Sorge, dass sie neue „Schlachten“ erwarten bzw. provozieren – mit der eigenen Jugend.
    Deutschlands 68er war auch ein Kampf zwischen Vater und Sohn!)

    PS. alte Fotos aus Havanna – ja die würde man schon mal gerne sehen! War bestimmt wunderschön!!!

  6. @Raúl
    Ich habe in Deutschland eine Kiste voll mit alten Fotos. Sie stammen alle aus der Zeit kurz nach der Revolution. Es sind die Fotos meines ersten Geburtstages, meiner Taufe usw. Ab und zu traue ich mich, einen Blick in diese Schatzkiste zu werfen und ich kann meinen Augen nicht glauben, was ich da sehe. Gepflegte Menschen, gut angezogen, normale Wohnungen, Lampen, Geschirr, Tischdecken, Spielzeuge, alles, was Normalität bedeutet. Und falls jemand etwas anderes vermutet: meine Familie gehörte nicht zu den reichen Kubanern. Sie waren einfache Angestellte im Handeln. Meine Mutter war Verkäuferin in einem Kaufhaus für einen Hungerlohn.

  7. @Claudia
    Ich habe im Internet einen Artikel darüber gelesen. Yusimí Campos, zuständig für Soziales im „Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit „ teilte der Presse mit: Die Regierung prüft zurzeit die Art und Weise wie die soziale Bonitäten in Kuba verteilt werden. Die Kriterien für die Verteilung sind auf dem Prüfstand. Die kubanische Regierung fühlt sich für den Wohlstand der Familie zuständig. Einzelne Personen werden zukünftig im Kontext des Familieneinkommens betrachtet. Bestimmte Leistungen, wie Alterspflege oder Altersheim, werden zukünftig nicht für jedermann gratis sein. So die offizielle Verlautbarung.

    Die Medien bereiten die Menschen vor: mit der Gleichmacherei und mit dem Leben auf großem Fuß ist bald Schluss. Die Straße spekuliert, jedoch wissen tun die Kubaner nichts.

  8. Ernesto, vielen Dank für deine Antwort. Das unterstreicht ja die Theorie, die Revolution hat diese Gefühle künstlich erzeugt mit der Absicht die Bevölkerung gegen Europa und die USA aufzuwiegeln.
    Ich drifte mal kurz ab in ein anderen Thema: Wie es in Kuba vorher ausgesehen hat finde ich sehr spannend und es interessiert mich sehr. Ich hatte mal schwarz-weiss Aufnahmen gesehen von den Zeiten vor der Revolution. Die Rampa, also die berühmte 23. Strasse in Vedado wo heute noch im sozialistischen Stil der Saat die Spassbedürfnisse befriedigt, war mit einem Boulevard in New York City vergleichbar. Das Strassenbild war ähnlich geprägt mit den gleichen Fahrzeugen, nur stammten sie damals aus der Zeit. Havanna ist ein einziges Museum, nur dass viele Exponate nicht freundlich gespendet worden sind sondern geraubt worden sind.

  9. Ich habe gelesen, dass der kubanische Staat angekündigt hat, bei den Gesundheits- und Bildungsausgaben sparen zu wollen. Stimmt das? Weiss jemand mehr?

  10. LETZTE TWEETS VON YOANI:

    1) Die Verbindung zu Twitter über kubanische Handys wurde blockiert. Wahrscheinlich haben sie einen Filter eingebaut. Dieses Tweet habe ich über einen Freund veröffentlicht.

    2) Wir erwarten von Twitter eine Stellungnahme. Ist das Unternehmen an der Zensur dieses Services beteiligt, oder blockiert uns die Regierung?

  11. @Raul&Claudia

    Lieber Raúl, gestern Abend habe ich deinen Kommentar gelesen und seitdem denke ich darüber nach. Die „Wunden aus der Zeit der Kolonisierung“? So richtig weiß ich nicht, was du damit meinst.

    Wenn du damit unsere Projektion als Land der Dritter Welt meinst, welches sich konsequent als benachteiligter Gegenpol der Industrieländer verstehet, und dabei immer die Opferrolle, oder die Rolle des Agitators, übernimmt, dann kann ich damit etwas anfangen. Diese Geschichte kenne ich seit meiner Kindeheit.

    Allerdings dann muss ich dringend etwas klarstellen: Vor 50 Jahren waren wir als Nation viel weiter, zumindest was unsere Psyche betrifft. Diese feindliche und gleichzeitig servile Haltung der Welt gegenüber ist der Generation meiner Eltern (sie waren 1959 ca. 30 Jahre alt) völlig fremd. Die Mittelklasse Kubas hat sich vor der Revolution nicht anders als die Mittelklasse Mexiko, Argentinien oder Spanien verstanden. Damals hatten Kubaner weder die Überzeugung, das Epizentrum der Weltrevolution zu sein, noch das Gefühl, am Rande der Welt und von Resten der Indutrieländer auf ewig leben zu müssen.

    Wir hatten vor 1959 ein normaleres Verhältnis zu Mutterland Spanien (auch zu USA!) als heute. Spanier lebten unter uns, sie gehörten zu unserem Alltag. Sie waren meistens einfache Leute, die von uns wegen fehlender Manieren ein bisschen belächelt wurden. Viele von Ihnen bauten sich eine Existenz bei uns auf, mit Fleiß und Verzicht, wie Migranten es überall auf der Welt tun. Kuba galt damals in Spanien als gelobtes Land, wo das Geld einem quasi hinterher rannte … Willst du Geld machen, ein urbanes Leben führen und eine Familie gründen? Dann geh nach Kuba. So ungefähr hat die ländliche Bevölkerung Spaniens, besonders in den Kannarischen Inseln, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gedacht. Das bekomme ich heute noch überall in Spanien erzählt. Kaum zu glauben! Wie die Zeiten sich ändern und mit ihnen die die gefühlte Rolle eines Volkes.

    In meiner Kindheit kursierte unter den Leuten ein Witz: Ein Spanier erreicht den Hafen von Havanna. Kaum ist er auf der Straße, findet er eine Peso-Münze auf dem Bürgersteig. Statt sie aufzugeben, gibt er ihr einen kräftigen Tritt und geht weiter. Verdammtes Zeug – denkt er für sich – kaum bin ich hier, verfolgt es mich schon … Dieser Witz kann kein Kubaner mehr heute verstehen. Die Witze von heute sind eher andersherum gestrickt. Und der Humor einer Nation ist wahrscheinlich das wichtigste Zeichen ihrer kollektiven Psyche.

  12. Claudia, Dein letzter Post und Analyse, ob er aus dem Bauch oder wo immer herkommt hat mich sehr beeinduckt. Man kann die Ebene der persönliches Psyche nicht vernachlässigen. Die Empfindsamkeit und Frustation erlebe ich täglich bei den Kubanern. Ganz tief sind die Wunden aus der Zeit der Kolonialisierung. Anstatt diese Wunden zu schliessen, in eine neue Zukunft zu blicken und sich eine neue Haut aus Selbstbewusstsein und neuer Identität zuzulegen, wird die Wunde immer wieder aufgerissen. Man zieht die Opferrolle vor die es erlaubt eigene Fehler und Unzulänglichkeiten auf die Geschichte und den äusseren Feind zu schieben. Das Volk hat diese Opferrolle verinnerlicht und sieht sich als die ewigen Verliere und Opfer einer ungerechten Welt. Ich denke aber die Menschen fangen an zu begreifen, dass nicht die Aussenwelt ihr Schicksal bestimmt, ihre vermeindlich äusseren Feinde, sondern idejenigen die sie führen. Und ich wünsche mir, dass dei Kubaner selbst eines Tages ihr Schicksal in die Hand nehmen können. Um die Wunden zu schliessen und ein erwachsenes Volk zu werden mit Selbstbestimmtheit und dem einem gesunden Mix aus Nationalstolz und Respekt von dem Fremden.

  13. Ich bin ideologisch unbelastet und auch in dieser Hinsicht intellektuell nicht argumentationsfähig. Meine Sicht kommt immer aus einer Intuition und einer eher psychologischen Wahrnehmung der Situation – manchmal wie ein Theaterstück.

    Also wenn ich zwischen 70 und 85 Jahre wäre und ich in meinem jugendlichen Idealismus für die Durchsetzung meines EGO gekämpft habe; und mich im Laufe meines Lebens immer nur im Kampf bewegt habe und jetzt keine wirklichen (polit.) Freunde mehr habe, dann würde mir die Zukunft Angst machen. Ich würde mich auf der Welt nicht willkommen fühlen. Sie ist ein Ort tiefster Unsicherheit und Ablehnung, ein Ort, gegen den ich mich einmauern muss (vielleicht auch mit allen alten Kampfgefährten.)

    Und ich kämpfe weiter – hab`ja sonst nichts gelernt – es geht um mein persönliches Überleben, um meine Identität!!!
    Der Sozialismus als Ideologie ist vollkommen gleichgültig, ebenso wie die Menschen (=das Volk), die ihn angeblich mittragen sollen. Er war und ist nur das Vehikel des EGO´s nach seinem Wunsch der Andersartigkeit.

    Das Thema des Kämpfens wird in Kuba – wie alle Themen in einer Familie -nach unten durchgereicht, an die Kinder und Kindeskinder. (Ich kann als Deutsche mein eigenes Lied davon singen!)

    So gleichgültig und kaltherzig habe ich Gorbatschow nie empfunden, aber bei Raúl Castro bin ich mir sicher.

    Die Energie der Kampfbereitschaft ist dann damals auch in den USA – wen wunderts – auf die gleiche Energie gestossen. (Das ist wie auf dem Schulhof. Wenn ich Ärger suche, dann finde ich jemanden der genau das gleiche im Sinn hat.) Das mache ich dann zu meinem Lebensinhalt: zwei Länder (oder Menschen), die natürlich „für das Gute“ kämpfen. Wie würde man auch dastehen, wenn man sagt: ich kämpfe nur, weil ich nicht weiß wohin mit meinem Frust, meiner Wut, etc.

    Obama scheint nicht so frustriert zu sein, zumindest kämpft er anders. Er stellt sich in 2 Jahren wieder zur Wahl. Bis dahin sollte Guantanamo als reale und psychische Besetzung Amerikas geräumt sein.
    Obama erscheint als ein Mensch, der ehrgeizig ist; vor allem auch sich selbst und seinen eigenen Zielen gegenüber. Es könnte also realistisch klappen. Das weiss auch die kubanische Führung.
    Ich halte dies für psychologisch außerordentlich wichtig, dass der „Müll“ des Nachbarn USA von cubanischem Territorium verschwindet!!!!

    …was passiert mit einem Land, dessen Keller, in den der Nachbar seine Leichen verscharrte, geräumt wurde?
    …was passiert mit einem Land, das seinen letzten Gegner verliert?
    Es verliert die alte Identität des Kämpfens gegen einen äußeren Feind.
    Um nicht vollkommen zusammenzubrechen, könnte sich die nach aussen gerichtete Projektion nun nach innen – gegen das eigene Volk – richten. Die „alten Kampfgefährten“ werden beginnen gegen die „eigenen Menschen“ zu kämpfen. Und genau das wird gerade (unbewußt) vorbereitet. Sie erschaffen sich in den frustrierten und wütenden arbeitslosen Menschen ohne Chance und Perspektiven einen neuen Gegner, der auch mal ausrasten könnte. Und gegen den werden sie vorgehen. Mit aller Härte.
    Sie haben sonst nichts gelernt…..

    Hoffentlich fallen die Kubaner/innen darauf nicht herein und schließen sich friedlich zusammen.

  14. @ Raúl und Ricardo

    Der Vergleich Raúl Castro – Gorbatschow hingt gewaltig, da gebe ich euch Recht. Carlos Alberto Montaner ist aber viel zu klug, um die Unterschiede zwischen den beiden zu übersehen. Raul und Gorbi haben nur eine Gemeinsamkeit: Sie haben beide wenig Sinn für kommunistische Mystik, sind keine Idealisten, sondern Pragmatiker. Ansonsten hat Ricardo absolut Recht, wenn er Raúl eher mit Putin vergleicht. Diese Parallel ist treffender, einfach zeitgemäßer. Danke.

    Was bleibt vom Artikel Montaners ist der Begriff „Entfidelisierung“. Darum und nur darum „lobt“ er Raúl Castro. Erst wenn der idealistische Nebel vom Fidel verschwunden ist, werden wir (und die Welt!) das wahre Gesicht dieser Revolution erkennen können.

    Ich glaube mittlerweile, dass Montaner, als er diesen Artikel geschrieben hat, die wahre Dimension der wirtschaftlichen Reformen von Raúl noch nicht kannte. Möglicherweise war die Liste der zugelassenen Gewerbe noch nicht veröffentlicht. Denn dieses Armutszeugnis der Regierung lässt keine Hoffnung auf Veränderung aufkommen. Die Liste legitimiert lediglich die „Afrikanisierung“ des Handelns in einem völlig zerstörten Land.

    Ich wage eine neue Formel:

    Entfidelisierung des sozialen Systems
    + Militarisierung
    + Elitesierung der Wirtschaft
    und gleichzeitige Afrikanisierung des Handels
    = Raúls Ära.

  15. Gestern ist mir etwas eingefallen und zwar ein Schlagwort was evtl. nuetzen kann ,um die Sache weiterzubringen nachdem Montaner und auch Ernesto uns Hoffnung machen .Leider bin ich weiterhin skeptisch nachdem schon so oft Hoffnungenn gemacht wurden und dann wars das wieder nichts.
    Das Schlagwort lautet folgendermassen: CUBA ES EL ALCATRAZ DE AMERICA!!! Da gibt es doch allerhand Paralelen!!Que te parece !!Hasta pronto!!!

  16. Gute Kommentar, Ernesto.

    Der Vergleich Raul – Gorbachow ist aber nicht zutreffend, naiv soagar.

    Raul ist nicht blöd. Er weiss, wie der Gorbi auf die Fresse gefallen ist.
    Er zeigt den Weg von Putin – den Weg von KGB Offizier zum Staatsman.
    Von Panzerkommendanten zu Hoteldirektoren. Der Anfang ist nicht heute, sondern vor 5 Jahren gemacht worden, als aus MINTUR MILTUR wurde.

    Und Raul schafft es. Ich wette, dass unter heutigen Majors oder Obersten des FAR verbirgt sich ein zukunftiger Präsident Kubas

  17. Interessant auf jeden Fall. Ich hoffe Montaner hat Recht. Kommunisitische Diktatur klingt für mich aber nicht unbedingt besser.
    Raul Castro hat auch immer mehr Militär vom alten Revolutionären Schlag in in die Führungsrige geholt und vorsichtige „Reformer“ entlassen wie u.A. Aussenminister Roque. Ich traue es Raul und Compañeros einfach nicht zu das zu vollbringen was Gorbatschow geschafft hat.

  18. Ich habe gestern viel Zeit im Internet verbracht, um andere Sichtweisen auf die „Aktualisierung“ des Sozialismus in Kuba zu erfahren. Es gibt im Internet ein Blog, das als die Plattform ohnehin der kubanischen Intelligenz im Exil gilt. Wer Spanisch kann, soll ab und zu da rein schauen: http://www.penultimosdias.com. Dort schreibt auch Yoani Sánchez, allerdings mit einer weniger unterhaltsamen Feder. In diesem Blog habe ich einen Artikel von Carlos Alberto Montaner gefunden. Montaner, der für mich als der hellste Kopf des kubanischen Exils gilt, begrüßt im Großen und Ganzen die Reformen von Raúl. Seine Argumentation: Raúl Castro macht der erste Schritt zur „Entfidelisierung“ der Revolution. Mit der Entlassung von ca. 10 % der erwerbstätigen Bevölkerung des Landes demontiert Raúl Castro den Mythos der Vollbeschäftigung in Kuba und sägt damit am wichtigsten Pfeil des Sozialismus. Die Förderung der Selbstständigkeit und der eigenen Initiative sieht er als ein Versuch, den Staat zu entlassen, die Bonitäten des Sozialismus zu kürzen. Als Pragmatiker weißt er, dass die monumentale Lüge von Fidel ökonomisch nicht mehr tragbar ist.

    Montaner vergleicht den Pragmatiker Raúl Castro mit Gorbachow. Wie der Russe, wird der Kubaner Reformen ins Leben rufen, die nicht zur Anapassung des Sozialismus führen, sondern zu seiner Abschaffung. Denn der Sozialismus kann sich nicht „angepasst“: seine Natur ist der Stilstand, nichts ist für ihn gefährlicher als die Veränderung.

    Kurzum: womöglich erleben wir den Anfang des Endes. Der Idealist Fidel wird lebend vom Pragmatiker Raúl Castro demontiert, und mit Fidel geht auch das Epos einer Revolution verloren. Kuba ist endlich in der Realität gelandet. Nach den Reformen von Raúl wird lediglich eine kommunistische Diktatur übrig bleiben, schlicht und ergreifen, ohne ideologisches Klinbim drum herum. Ihre Vorbild ist China, darum wird diese Diktatur nicht kleckern, wenn so weit ist … An Härte wird sie nicht sparen.

    Interessant!

  19. Claudia´s Rechnung und Schlussfolgerung sind wahr und treffend formuliert. „Humanidad“ sperrt keine Talente und Potenziale ein. Ich erweitere ihre Rechnung mal ein wenig. Nimmt man nur die „Gehälter“ zusammen von den 500.000 Angestellten kommt man auf umgerechnet 9.000.000 USD die der Staat monatlich einspart, für einen Staatshaushalt eigentlich ein Witz (basierend auf 400 Peso =knapp 18 USD Monatsgehalt im Schnitt). Hinzu kommen noch die Kosten für die Merienda, das kostenlose Kantinenessen.

    Den jährlich 108 Mio. + x USD Einsparung stehen geschätze 20 Milliarden USD Schulden und einem wachsenden Aussenhandelsdefizit in Milliardenhöhe gegenüber.

    Eine Verbesserung der Situation durch Steigerung der Eigenproduktion – weit entfernt, dazu bedarf es grosse Unternehmen die effizient wirtschaften. Volskwirtschaftlich wird die „Aktualisierung“ wohl nichts ausrichten. Zumindest aber könnte sie die Situation Einzelner verbessern wenn die Rahmenbedingnen stimmen. Bis jetzt sind diese nicht einmal bekannt.

    Was ich auch in diesem Zusammenhang bemerkenswert finde ist dass der grösste STAATLICHE Importkonzern,TRD neuerdings genauso wie andere Wirtschaftsbereiche den Kubanischen Streitkräften unterstellt ist. An den Schaltknöpfen der Vokswirtschaft sitzen nicht etwa studierte Fachleute sondern immer älter Veteranen aus dem Revolutionskampf in der Sierra Maestra. Die Kommunistische Ideologie ist in Kuba der einzige Taktgeber und lässt Vernunft und Wissenschaft nur soweit zu wie sie der Ideolgie selbst dienen.

  20. Also,ob neu zugelassene Gewerbe eine bessere Versorgung von Baumaterial,Ersatzteilen und dergl. bringen wird-das wird mich wohl länger interessieren. Ich erinnere mich an eine Rentnerin,die in einer Plastiktüte irgendwelche Bauteile,wahrscheinlich von einem Radio oder Recorder,herumtrug. Für einen Peso wollte sie es loswerden,ein Elektriker würde es sicher brauchen und zahlt den Preis,der für eine kleine Tüte Erdnüsse ausreicht.
    Würde der Elektriker heutzutage selbständig arbeiten ändert sich dadurch nichts denn er ist immer noch von den Versorgungsengpässen betroffen und mus abwarten bis Jemand sein kaputtes Radio ausschlachtet und ihm die Einzelteile bringt,oder es sich sonstwie beschaffen.Hätte er neue Kollegen die dank der neuen Regelung jetzt selbständig arbeiten so hätte er auch Konkurenz
    die ihm die Ressourcen wegnimmt.
    Kurz gesagt,um den Bedarf Selbständiger zu decken braucht es wieder große funktionierende Fabriken.Wenn keine Fernseher und Kühlschränke hergestellt werden gibt es auch keine Ersatzteile die das kleine Gewerbe benötigt um am Leben zu bleiben.

  21. @Claudia
    Deine Nachricht istr traurig, leider aber wahr. Chancenlosigkeit ist überall da, vor allem bei der Jugend. Die „Reformen“ bringen auch keine Hoffung, weil die besten Jobs mit Chancen (Hotels, Öl) sind schon vergeben an die amigos

  22. Ganz trocken gerechnet:
    500 000 arbeitslose Kubaner/innen geteilt durch 178 = 2808,98. Also pro „Berufssparte“ kommen durchschnittlich 2808,98 Menschen in den nächsten 6 Monaten neu auf den Markt.
    Da wohl einige Berufe begehrter sein werden als andere, und jetzt schon Menschen auf diesem Gebiet tätig sind, wird es einen harten Kampf um Kunden, Waren und Preise geben. Da werden wohl nur die stärksten durchkommen…

    Das soll Sozialismus sein? Menschen auf einer Insel einsperren, ihnen für 14 Tage Essen geben, die Berufswahl stark einschränken, die sozial Schwächsten aufeinander loslassen und Steuern verlangen, egal, ob etwas verdient wurde oder nicht!

    Es ist der pure Hass gegen die Menschen. Niemand kann auf diese Weise ein langfristig würdiges Menschenleben führen – das ist keine „humanidad“!!!!
    Yoani hat Recht: Nur wenige Kubaner/innen werden ausreisen können. Viele werden wohl den Weg in die Illegalität antreten; immer mit einem Bein im Gefängnis; was soll bloß aus diesem Land werden?

    Und was passiert mit den Menschen, die sich entscheiden müssen, das sauer verdiente wenige Geld doch lieber für zusätzliches Essen auszugeben statt für die Gewerbesteuer? Gibt es schon neue Schuldtürme?
    Aus europäischer Sicht befinden wir uns wohl in den Jahren vor 1871 in Deutschland, im England eines Charles Dickens oder auch im Spanien des Miguel Cervantes – da stimme ich dir, Ernesto, vollkommen zu!

    Der kubanische Staat nennt das Aktualisierung der Wirtschaft. Und was passiert eigentlich mit dem Geld, das der Staat an Personalkosten einspart? Da war doch was…. ach ja Golfplätze…fast hätte ich es vergessen…(Sind wir dann doch wieder im Jahre 2010 angekommen.)

    Die Menschen auf Kuba haben wirklich keine Chance! Meine Güte, das kann einem richtig weh tun.

  23. Zunaechst moechte ichi Ernesto fuer die frdl.Zeilen danken die er mir zukommen liess und habe seine weiteren Artikel gelesen die beweisen dass er sehr gut informiert ist, ich nehme an dass Du heute in Deutschland lebst und nicht alles durchmachen musst wie Yoani der man nicht erlaubt Cuba zu verlassen also man haelt sie Gefangen obwohl sie in der ganzen Welt beruehmt und bekannt ist.Ich war vor ueber einem Jahr ein paar Tage in Kuba und fragte einige Leute nach ihr. Zu meiner Ueberraschung ist sie dort nicht bekannt!!!Wie absurd ist das alles!!
    Jetzt war Theater in Ecuador Alle Staaten haben energisch Correa unterstuetzt obwohl er das garnicht so sehr verdient hat er ist doch ein Bewunderer v seinem Busenfreund Chavez, und moechte sicherlich dieselbe Linie einschlagen, d.h vor allem an der Macht bleiben.Alles im Namen der Demokratie natuerlich.Diese ganze Linie ist eine absolute Gefahr fuer die autentisch demokratischen Staaten in Suedmerika das darf man nicht unterschaetzen!! Bis z Naechsten Mal alles Gute!!!
    l

  24. @Claudia @ alle

    Die berühmte Liste der zugelassenen Gewerbe findet ihr im Internet. Im Suchfester von Google bitte den Satz eintragen: „Actividades autorizadas para el ejercicio del trabajo por cuenta propia“ und da ist sie schon, die Liste! Allerdings nur auf Spanisch. Selbst wer Spanisch gut kann, wird mit der Sichtung der Liste Schwierigkeiten haben. Der Verfasser umschreibt die zugelassenen Tätigkeiten auf Beamtenspanisch und bedient sich von Berufsbezeichnungen, die zum Teil in der westlichen Welt längst ausgestorben sind, oder die es nie gegeben hat. Als Muttersprachler bräuchte ich ein Wörterbuch, um alles verstehen zu können. Die spanische Presse macht sich mittlerweile lustig über unser archaisches und hochtrabendes Spanisch, um Banalitäten des Alltags zu beschreiben, ohne die westlichen Bezeichnung dafür zu nutzen. In ihrem Kleingeist versuchen die kubanischen Bürokraten, alle irgendwie denkbaren Tätigkeiten in Form einer Berufsbezeichnung zu pressen. Das ist schon lustig, wenn es in der Wirklichkeit nicht so tief traurig wäre!

    Ich habe mir die Mühe gemacht, eine Auswahl der zugelassenen Tätigkeiten für Euch zu übersetzen. Doch bevor ich damit loslege, möchte ich ein paar Bemerkungen dazu machen.

    1. Mit dieser Liste stellt sich die kubanische Regierung ein Armutszeugnis im wahrsten Sinne des Wortes aus. Die Liste ist nicht mehr als ein Katalog der Überlebenskünste der Kubaner. Sie gleicht lediglich einer Bestandsaufnahme von dem, was Kubaner seit Beginn der Sonderperiode schwarz oder mit Lizenz (Genehmigung) ohnehin schon tun, um sich über Wasser zu halten.

    2. Die Liste ist eine Schande für ein Land im 21. Jahrhundert. Mit Ausnahme des Berufes „Programmierer“ („PC-Helfer“ lesen) findet man auf diesen Seiten keine Berufsbezeichnungen, die mit der modernen Welt etwas zu tun hätten. Beim Überfliegen der Liste hatte ich das Gefühl, ich lese ehe ein Berufsregister aus Cervantes-Zeiten, zugeschnitten auf ein verschlafenes Städtchen im spanischen Mittelalter.

    3. Die kubanische Regierung will damit nicht „die Wirtschaft in Schwung bringen“ , sondern lediglich eine Scheinbeschäftigung für die arbeitslos gewordenen Kubaner inszenieren. Diese Inszenierung darf aber nichts kosten. Die Regierung genehmigt, das reicht! Die Schaffung von Rahmenbedingungen (rechtlicher wie materieller Natur) ist bis heute nicht vorgesehen. Warum auch? Alles bleibt sowieso beim Alten, es wird nur reglamentiert.

    4. Die Kubanische Regierung will damit nur das Ausüben eines Gewerbes reglementieren und vor allem dafür Steuer kassieren. Die Liberalisierung kann eher als Kampagne gegen die Schwarzarbeit gesehen werden. Die Putzfrau oder die Bügeltante müssen künftig eine Lizenz besitzen, um putzen und bügeln zu dürfen. Sonst müssen sie mit der Angst leben, irgendwann eine Strafe zu bekommen, die sie kaum bezahlen können. Für diese Gewerbegenehmigung müssen sie monatlich Steuer bezahlen. Die Gewerbesteuer richtet sich in Kuba nicht nach den Einnahmen, sondern bleibt konstant, egal ob der Gewerbetreibende Geld verdient oder gar krank ist. Diese Ungerechtigkeit wird wahrscheinlich auch so bleiben.

    5. Vergeblich sucht man auf der Liste produktive Gewerbe. Die Masse der aufgelisteten Gewerbe beziehen sich auf einfache Dienstleistungen, die keine Rohstoffe verbrauchen und weiterhin mit rudimentärer Technik betrieben werden können.

    6. Es werden kaum Gewerbe zugelassen, die eine Qualifikation bzw. Universitätsabschluss voraussetzen. Keine Planungs-, Architekten- oder Ingenieurbüros, keine freien Journalisten, keine Arztpraxen, Optiker oder Apotheker, nur eine Landschaft von „Ich-AGs“ übelster Coleur.

    7. Die Reformen, nach der veröffentlichten Liste zu urteilen, werden keine Wirkung auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes haben. Nur in Anbetracht der Geschlossenheit und des Starsinnes der kubanischen Regierung kann man in diesem Fall von einer „Öffnung“ reden. Das Land findet dadurch nicht den Anschluss an die Moderne, es bleibt ein feudales Dorf, in dem Gewerbesteuer nun fleißig kassiert wird.

    8. Der kubanische Staat wird kein Kunde der Gewerbetreibenden werden. Die Rede ist nicht von Produktion defizitärer Waren, die der Staat bei den Selbstständigen beziehen würde, um sie später durch seine Vertriebswege an die Bevölkerung zu verkaufen. Das Monopol der Vertriebswege bleibt Tabu. So weit darf es nicht gehen.

    9. Ich werde versuchen, einige Gewerbebezeichnungen für den deutschen Leser zu übersetzen. Es handelt sich hierbei um eine Auswahl. Ich habe nur das übersetzt, was ich auf der Schnelle übersetzen konnte, vor allem das, womit der Deutsche etwas anfangen kann. Der deutsche Leser muss aber etwas Fantasie bei der Betrachtung der Liste aufbringen. Wenn ich zum Beispiel „Wasserlieferant“ (Aguador) schreibe, darf der Leser nicht an Plastikflaschen mit Trinkwasser „Medium“ oder „mit wenig Kohlensäure“ denken. Die Rede ist eher von einem Mann, der eine Karre vor sich schiebt, worauf rostige Wasserbehälter stehen. Er betreibt keinen Lieferservice von „Getränke Hoffmann“, sondern liefert Wasser zum Kochen, Waschen und für die Toilettenspülung. Ein wichtiger Dienst vor allem in Havanna, wo ganze Stadtgebiete kein fließendes Wasser mehr haben.

    Übersetzung
    1-Reparatur und Stimmen von Musikinstrumenten, 2-Wasserlieferant, 3- Maurer, 4-Tierverleih, 5-Kostümverleih, 6-Schleifer, 7-Partyanimateur, Clown oder Magier, 11-Babysitter, 12-Herrenfriseur, 16-Tischler, 18-Schlosser, 22-Einkauf und Verkauf von Schallplatten, 26-Zucht und Verkauf von Haustieren, 27-Glaser, 28-Tierpfleger, 29-Klofrau, -mann, 30-Kranken- und Altenpfleger, 31-Pfleger von Parkanlagen, 33-Dekorateur, 34-Palmenbeschneider, 35-Herstellung und Verkauf von Speisen und Getränken im Heimrestaurant (Paladar), auf Tischen mit Stühlen, Sesseln, Bänken oder Ähnl., bis 20 Plätze, 39-Holzkohleherstellug und Verkauf, 42- Elektriker, 44-Hausmeister, 45-Buchbinder, 47-Tiertrainer, 48-Kranzbindung, Verkauf von Blumen, 49- Überziehen von Kleiderknöpfen, 50-Fotograf, 53-Gravieur, 56-Fahrschullehrer, 58-Gärtner, 59-Waschen und Bügeln, 61-Shuhputzer, 64-Manikür, 69-Schreibmaschinenschreiber, 71-Schneider, 72- Müller, 75-Betreiber von Kinderfahrgeschäften, 78-Tierfriseur, 79-Hauspersonal, 80-Lackierer, 83- Schriftmaler, 86-Klempner, 88-Herstellung und Verkauf von Haushaltsutensilien, 95-Schuhherstellung und Verkauf, 97-Herstellung und Verkauf von Figuren aus Gips, 101-Musiklehrer sowie für andere Künste, 103-Programmierer von PCs, 105- Sammlung und Verkauf von Naturmaterialien, 107-Uhrmacher, 112-Fahrradmechaniker, 115-Repartur von Kochplatten, 116-Reparatur von Matratzen, 119-Reparatur von elektrischen und elektronischen Geräten, 122-Reparatur von Nähmaschinen, 124- Reparatur von Regenschirmen, 125-Reparatur und Auffüllen von Feuerzeugen, 128-Restauration von Kunstwerken, 129-Wachschutz und Portierdienste, 130-Schweißer, 132-Reparatur von Polstermöbeln, 135-Färbung von Textilien, 136-Dreher, 138-Landarbeiter, Tagelöhner, 139-Übersetzung von Dokumenten, 142-Verkauf von Landwirtschaftsprodukten in den Verkaufsstellen und Kiosken, 143-Schuhreparatur, 146-Herstellung und Verkauf von Speisen und Getränken als besondere gastronomische Dienstleistung im China Town, 147-Kolonialkutscher

    Darstellung von traditionellen Charakteren
    149-Habaneras, 150-Kartenleserin, 153-Charikaturist, 154- Verkäuferin von künstlichen Blumen, 156- Dandy, 157-Früchteschäler, 161- Ausstellung dressierter Hunde

    Nutzfahrzeuge und Passagierfahrzeuge
    165-LKW, 167-Transporter, 168-Bus, 169-Kleinbus, 170-Auto, 174-Motorräder, 175-Fahrradtaxi.

    (Wahnsinn! Und der Deutsche denkt, er hätte schon alles katalogisiert und und totreglamentiert …)

  25. Ja, die Situation kenne ich. Als ich mich in der DDR selbständig machen wollte, hat mir auch die »Abteilung örtliche Versörgungswirtschaft« (ÖVW) mitgeteilt, daß es keinen Bedarf dafür gebe. Heute gibt es in Deutschland ein soziales Problem, weil viele entdeckt haben, daß man es sich auch ohne Arbeit in der »sozialen Hängematte« einigermaßen einrichten kann und deshalb keinerlei Initiative mehr entwickeln. Aber wie krank und selbstzerstörerisch ist ein System, das seine Bürger zielgerichtet davon abhält, Waren und Dienstleistungen zu produzieren!

  26. Ich kenne die Listen nicht, die angeben, wer jetzt selbstständig arbeiten kann und wohl auch Steuern zu zahlen hat. Leider. Wo könnte ich es nachlesen?

    Interessant ist zu wissen, ob es einen steuerlichen Freibetrag gibt , z.B. in Höhe des vorher gezahlten Lohnes von umgerechnet 15-20 CUC, der würde auch die Gleichheit zwischen Selbstständigen und staatlichen Angestellten herstellen. Darauf sollte ein sozialer Staat in jedem Fall Wert legen.

    Noch viel wichtiger ist eigentlich das, was Yoani als Geschichte einrahmt.
    Wie komme ich an Kunden? Ich bin selbst Freiberuflerin und weiß von mir und anderen wie wichtig das Verhandeln von stabilen geschäftlichen Partnerschaften ist. Nicht nur mit dem Staat als „Unternehmer“.

    Beispiel: Wenn ich in Havanna nicht nur an der Ecke stehen will und darauf warten will, wer heute zum Schuhe putzen vorbei kommt – oder zum Marmelade kaufen – dann handele ich mit Hotels, Restaurants, Unternehmen etc. stabile Abnahmemengen und – qualitäten aus. Das sichert mir mein finanzielles Fundament. Ansonsten wird es anstrengend!!!! Und sehr sehr unsicher.

    Voraussetzung ist: Vertragsfreiheit. Mit wem kann ich wann und worüber Verträge schließen und wer haftet wann und wofür. Das wird wohl auch wichtig sein, wenn ich jmd anstelle, der nicht der Familie angehört.
    Gibt es darüber rechtliche Aussagen? Oder stehen die Kubaner einfach „nur wieder an Strassenecken rum“ (legal oder illegal) und müssen warten, dass jmd kommt und etwas kauft? Ist das kubanische Vertragsrecht darauf vorbereitet? Oder macht man hire and fire wie in den USA?

    Wie sieht es mit den Akademikern aus? Darf ich mich selbstständig machen und u.a. ein eigenes Joint Venture mit ausländischen Firmen anstreben? Planungsbüros, Ingenieurbüros, Übersetzungsbüros, etc.

    Kann ich als Bauer einen Teil meines Stück Landes auch als Campingplatz für Individualtouristen o.ä. zur Verfügung stellen und mir ein zweites Standbein aufbauen? Also können private und staatliche Berufe kombiniert werden?

    Darf ich Werbung machen?

    Wie ausgereift ist die ganze „Aktualisierung“ der Wirtschaft?

    Hoffentlich ist es gut durchdacht, damit es nicht für alle Beteiligten eine anstrengende Angelegenheit wird.
    Harte Arbeit!! Wenn überhaupt. Leider!!!!

  27. @Heriberto
    Ich freue mich sehr, dass Menschen wie du, mit so einer Biografie und Lebenserfahrung hier schreiben. Willkommen zurück lieber Heriberto.

    Zum Thema Mobilisation von jungen Leuten:
    Ich war Student in Havanna als der Sturm auf die Botschaft von Perú statt fand und weniger Wochen später der Exodus von Mariel begann. Das muss 1979-1980 gewesen sein. Diese Monate zählen in der Geschichte der Revolution als die aufregendsten überhaupt. So eine Skalation von Massengewalt bleibt bis heute einmalig für Kuba. Alles stand auf der Kippe, jeder musste Flagge zeigen, um vom drohenden Messer weg zu kommen. Jeder musste eine klare und deutliche Position beziehen. Akzeptiert wurde aber nur ein überdeutliches JA für die Revolution und die Bereitschaftsbekundung, die Ausreisenden mit Worten, Händen und Füßen zu betretten und beleidigen. „Blandengues“ (schwache Naturen) wurden nicht toleriert, sie wurden gleich ins Feuer geworfen.

    Als junger Mensch – ich war damals 19 – habe ich das erste Mal im Leben Angst vor der Massengewalt gespürt. Damals kannte ich das Wort Tsunami nicht, aber ich hatte das Gefühl, eine riesige Welle von Gewalt kommt auf mich zu, dagegen bin ich so hilflos wie ein Sandkorn in dieser Stadt. Mitmachen oder stillhalten so lange es geht – Sonst werden ich überrollt und auf der Straße platt gemacht. Wir wurden alle in den Universitäten zusammengetrommelt und zu den „Mítines de Repudio“ hingebracht. Du hattest kein Entkommen gehabt, es sei denn du warst in der Provinz bei deinen Eltern zu Besuch, oder warst du wirklich, aber wirklich krank. Es wurden keine Anwesenheitslisten geführt, aber die „Extremistas“, die Hardliner zwischen den Studenten (die in der Regel die schlechtesten Leistungen als Studenten brachten), schauten sehr genau hin. Sie forderten alle mitzumachen und wehe einer von uns zeigte sich unsicher. Ich wollte nicht schreien, ich wollte keine Steine auf die Dissidenten werfen und auch sie nicht mit Obszönitäten wie Esbirro, Maricón o Hijo de Puta beschimpfen. Und ich habe es nicht getan! Frage mich nicht, wie ich es geschafft habe. Das weiß ich selbst nicht. Ich glaube, ich habe damals die gleiche Technik wie auf dem Schulhof verwendet, wenn wir Jungs dem Fußball hinterher rennen und dabei den Mann zeigen mussten. Ich habe so getan, als ob … und mich in den hinteren Reihen gestellt.

    Die Studenten von heute sind nicht anders und die Revolution bleibt ihren Mobilisierungskünsten treu. Wenn ich mir im Internet die „Mítines de Repudio“ von heute anschaue, etwa gegen Reina Tamayo Zapata, kriege ich es mit der Angst wieder. Der Alptraum meiner Jugend ist wieder da. Es sind die gleichen Parolen, der gleiche Pöbel als Anstifter der Verhetzung und die Mitmacher zeigen das gleiche Gesicht voller Angst ….

    Sind wir ein feiges Volk, ein Haufen „schweigender Lämmer“? Irgendwie schon. Darum werden wir das Kreuz des schlechten Gewissens lange tragen müssen. Darum entscheiden sich mehr und mehr Kubaner, dieses Schandfleck Kuba endgültig zu verlassen, um den Ekel vor sich selbst, den kollektiven Alptraum einer schuldigen Nation zu vergessen. Das sind harte Worte, aber vielleicht kannst du sie besser als die anderen gewichten. Du lebst ja in Chile.

  28. fidel isr wieder auferstanden, es ist schwer sich vorzustellenb dass viele Kubaner darueber froh waren.Andererseits wundert man sich doch wie gehorsam und diszipliniert da einige tausend junge Menschern das alles anhoeren muessen natuerlich redet man von Gehirnwaesche usw, na also so bloed koennen die doch nicht sein !!die Jugend dort muss von den Lehren vom kommunistuschen Manifest bis zu den langweiligen Buechern v Lenin alles ueber sich ergehen lassen.Tn den 20er Jahren eagte einmal Kurt Tucholsky: Der historische Materialismus kann genau beweisen wie die Zukunft aussehen wird, wenn es aber dann nicht so kommt kann er ohne weiteres fesrstellen warum das nicht so kommen konnte !!

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