Interferenzen

cableriaDas Radio, ein Geschenk zu meinem letzten Geburtstag, döst – voller Staub – auf einem Bücherregal vor sich hin. Wozu sollte ich es anschalten, wenn ich fast nichts hören kann. Nicht einmal die nationalen Sender kann man gut empfangen in dieser Gegend voller Ministerien und voller Antennen, die die Kurzwelle-Übertragungen, die ins Land kommen, behindern sollen. Ich hatte gehofft, die Deutsche Welle hören zu können, um meine Deutschkenntnisse am Leben zu halten, aber statt dem erwarteten „Guten Tag“ höre ich nur ein Brummen.

Wir leben mitten in einem Krieg der Radiofrequenzen auf dieser Insel. Auf der einen Seite der Sender Radio Martí, der aus den USA sendet – verboten, aber äußerst populär bei meinen Landsleuten – und auf der anderen Seite dieses Brummen, das benutzt wird, um den Sender zum Schweigen zu bringen. Den Apparaten, die offiziell verkauft werden, wurde das Modul entfernt, mit dem man ausländische Sender hören kann und die Polizei hat viel Übung darin, auf den Dächern die Geräte zu finden, die helfen, diese Signale zu empfangen.

Aber in den Häusern suchen die Menschen den Ort, sei es in einer Ecke, nahe am Fenster, oder unter dem Dach, an dem das Radio es schafft, das unsägliche Piepen der Interferenzen zu ignorieren. Es ist nicht ungewöhnlich, jemanden auf dem Boden liegen zu sehen, während er den genauen Punkt zu finden versucht, an dem die lokale Programmgestaltung von den anderen Programmen, die uns von draußen erreichen, übertönt wird. Es ist egal, was von der anderen Seite übertragen wird, sei es ein langweiliges Musikprogramm, die Nachrichten auf Englisch oder der Wetterbericht eines Ortes auf der anderen Seite der Welt. Der Balsam für unsere Ohren ist, dass es anders klingt und dass es sich abhebt von der Mischung aus Slogans und Prosa ohne Freiheit, die das kubanische Radio jeden Tag überträgt.

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3 Gedanken zu „Interferenzen

  1. @Claudia
    Schöne Geschichte liebe Claudia. Du hast mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Ich konnte das Bild so richtig vor den Augen sehen. So ist gut! – riefen die Eltern aus dem Wohnwagen und dann hatten wir Ruhe für 2 Stunden … Schön – Danke!

  2. Ich erinnere mich an den Wohnwagen meiner Eltern, der in einem Naturschutzgebiet mit kleinem See (in Westdeutschland) stand bzw. noch steht. Die Antenne, die es erlaubte zumindest 2 der 3 staatlichen Programme zu empfangen, war an eine alte Fichte gebunden und ich oder meine Schwester standen bei Wind und Wetter draussen und drehten so sensibel wie möglich an dieser Antenne, um den besten Empfang zu ermöglichen. „So ist gut“ wurde aus dem Wohnwagen gerufen und man hatte die nächsten 2-3 Stunden Ruhe. Auch an den Weltempfänger unseres Nachbarn erinnere ich mich. Da wurden Sprachen gesprochen, die ich noch nie gehört hatte. Da war sie: die grooosse weite Welt. Es gab sie! Und ich wußte, dass ich sie sehen wollte! Unbedingt. Seit meinem 12 Lebensjahr mache ich davon Gebrauch. Ich bin dafür sehr dankbar!!

  3. Diese absichtlich verursachten Geräusche (Interferenzen) gibt es überall auf Kuba, nicht nur im „Regierungsviertel“, wo Yoani lebt. Mein Vater hat immer sein kleines Radio gehabt, um abends, vor dem Einschlafen, „Radio Niederlande“ oder „La Voz de los Estados Unidos“ hören zu können. Er war ein überzeugter Kommunist, wollte aber immer wissen, wie „die anderen“ die Welt so sehen. Als wir Kinder waren (vor ca. 40 Jahren!) konnte man problemlos diese Sender abends emfangen. Mir klingt in den Ohren immer noch die Stimme des Sprechers, wenn er etwas wichtigtuend und im Hochspanisch „La Voz de los Estados Unidos de America“ verkündete. Glas klar klang diese Stimme! Heute dagegen ist es fast unmöglich, etwas zu verstehen. Und gerade wenn es interessant wird, werden die Geräusche lauter und lauter – beklagt der alte Mann, der heute mein Vater ist.

    Ich habe ihm in Deutschland mehrere Weltempfänger gekauft, in der Hoffnung, sie sind etwas besser als seine alten russischen Geräte, aber die Investition war umsonst. Neulich habe ich ihm ein recht teureres Gerät von Grundig gekauft, als ultima Ratio, und auch das kleine Wunder hat bei den Interferenzen versagt.

    Ich glaube, dieser Wahnsinn begann mit dem Versuch der Regierung, Radio Martí, den Sender der Exilkubaner aus Miami, mit Interferenzen zu torpedieren. Am Ende litten auch die nationalen Radiosender darunter. In meiner Kindheit lief bei uns zuhause, wie in vielen kubanischen Häusern, Radio Reloj, der kubanische Nachrichtensender, der im Minutentakt die Uhrzeit bekannt gibt: Radio Reloj Nacional da la hora: ocho y cincuenta y cinco de la manana! . Das war der Takt der Gemütlichkeit im meinem Elternhaus. Diese Schleife von Nachrichten lief den ganzen lieben Tag bei uns, ununterbrochen. Letztes Jahr, als ich in Kuba war, wollte ich diese Kindheitserinnerung wieder auffrischen und das Ergebnis war einfach enttäuschend. Der Klang vom Früher war nicht mehr da, die Stimmen waren so weit weg, wackelig, die Geräuschkulisse machte kein Vernügen möglich. So musste ich auch den Sender meiner Kindheit abschreiben. Wie so Vieles! Radio Reloj gab es nicht mehr. Zumindest nicht mehr so, wie ich ihn in der Erinnerung behalte.

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