Der schlechte Chef

bicitaxi

Wenn man über Kuba spricht, wird am häufigsten darüber diskutiert, ob man der Wirklichkeit, in der wir leben, den Beinamen „sozialistisch“ geben kann. Meiner Generation, die zwischen Büchern des Marxismus, Handbüchern des Wissenschaftlichen Kommunismus und Bänden mit Texten von Lenin herangewachsen ist, fällt es schwer, unser Modell mit den Entwürfen jener Werke gleichzusetzen. Wenn mich jemand diesbezüglich fragt, sage ich, dass wir auf dieser Insel unter einem Staatskapitalismus leben oder, wenn man es so nennen wollte, unter einem Großgrundbesitzer, der aus der Partei … einem Familienclan besteht.

Meine Theorie steht fest, da es in jenen Büchern, die in meinem Studium verpflichtend waren, eine unumgängliche Richtlinie zur Charakterisierung einer sozialistischen Gesellschaft gab: Die Produktionsmittel sollten in den Händen der Arbeiter sein. Doch das, was ich um mich herum wahrnehme, ist ein Staat, der alles besitzt, er ist der Eigentümer der Maschinen, der Industrieanlagen, der Infrastruktur eines Landes und alle Entscheidungen über dieses Land werden von ihm getroffen. Ein Boss, der sehr niedrige Löhne zahlt und von seinen Angestellten Zustimmung und bedingungslose Ideologietreue verlangt.

Dieser habgierige Eigentümer merkt jetzt, dass er nicht weiterhin über einer Million Menschen in staatlichen Betrieben Arbeit geben kann. „Um die Entwicklung voranzutreiben und das Wirtschaftsmodell zu aktualisieren“ sagt er uns, müssten die Belegschaften drastisch reduziert werden, wobei er andererseits nur kleine und kontrollierte Bereiche für selbstständige Jobs öffnet. Sogar die Arbeiterzentrale von Kuba, die einzige zugelassene Gewerkschaft im Land, informiert darüber, dass die Entlassungen bald kommen werden, und dass wir sie mit Fassung akzeptieren sollen. Eine traurige Rolle für Leute, die eigentlich die Rechte ihrer Mitglieder gegenüber den Mächtigen vertreten sollten und nicht umgekehrt.

Was wird der überalterte Chef tun, der diese Insel schon über fünf Jahrzehnte in seinem Besitz hat, wenn die Entlassenen von heute die Unzufriedenen von morgen werden? Wie wird er reagieren, wenn die berufliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Selbstständigen auch zur ideologischen Unabhängigkeit wird? Bald werden wir sehen, wie er schimpfen und die Erfolgreichen stigmatisieren wird, denn der Gewinn, ebenso wie der Präsidentensitz, kann nur ihm gehören.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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29 Gedanken zu „Der schlechte Chef

  1. HALO,ich habe einige Zeit nicht von mit hoeren lassen aus Gesundheitsgruenden und sehe gerne dass jetzt neue Mitarbeiter wie Raul ubd Ernesto sixh eifrig beteiligen ich wohne in Chile und musste aus Deuschland fliehen z Zeit v Adolf als junger Mensch, seit dem ist mir jegliche Dikdatur verhasst 0b von rechts oder links oder Mitte und habe mich immer fuer politische Situationen interesssiert Hat einer v Euch Sonnenfinterniss v Artur Koestler gelesen das beschreibt genau ddie Situation der kommun Entwickliung.Ja die sog.Demokratie ist kompliziert man moechte manchmal verzweifeln, aber schon Churchill sagte ja das es die am wenig schlechtetes System ist und auch immer wieder neue Wege zeigen kann.Was da in Cuba seit 50 Jahren vor sich geht und was da im Namen des Sozialismus gesuendigt wird….und es ist kein Ende abzusehen, leider!! Hoffentlich irre ich mich!!Bis auf bald!!

  2. LETZTE TWEETS VON YOANI
    Hier die inoffizielle Urlaubsvertretung …

    1) Die Männer von der Staatssicherheit, die schon den ganzen Tag vor unserem Haus stehen, tun mir leid. Wird es keine Entlassungen bei denen geben?
    2) Meine Telefonleitung wurde gekappt. Was ist bloß los, warum sind sie so nervös geworden?
    3) Zum Glück kann ich Tweets per sms senden, jedoch nicht lesen, was die anderen dazu schreiben. Solange ich den blauen Vogel* habe fühle ich mich nicht allein.
    *Sie meint das Logo von Twitter, Ernesto

  3. @ Raúl
    Ich habe deinen Kommentar eben gelesen und habe mich geärgert. Warum kriege ich meine Gedanken nicht so ausgedruckt wir du? Warum kann ich nicht so souverän wie du argumentieren? Ich danke dir für deine Beiträge, sie sind wirklich gut durchdacht und aus einer gewissen Neutralität geschrieben. Ich unterschreibe jeden Satz von dir. Auch deine Anerkennung der durch die Revolution geschaffenen Bildungsgleichheit und medizinischer Versorgung unterschreibe ich, ohne wenn und aber. Das sind zweifelsohne brauchbare Prämissen für die Gestaltung unserer Zukunft. Kuba kann mehr, darum geht’s.

  4. Kolja,
    wahrscheinlich wird man in diesem Blog eher Menschen finden die kritisch gegenüber dem Kommunismus eingestellt sind, oder sagen wir dem existierenden System in Kuba, aber so wie ich das bisher lese wird hier niemand „gefressen“. Mit diesen polemischen Floskeln versuchen die Parteileute in Kuba auch ganz schnell sachliche Diskussionen zu Ihren Gunsten abzuwürgen. „Die Kapitalisten wollen uns zerstören, den Krieg erklären, auffressen, kolonialiseren usw.“

    Ich glaube, dass das was in Kuba exisitiert, nicht mehr viel mit der Reinform des Solzialismus/Kommunismus zu tun hat. Und wenn es Kommunismus sein soll lehne ich es ab. Man kann von oben herab Niemanden dazu verdammen so oder so zu leben und den Menschen derart viel individuele Freiheiten rauben. Auch nicht dann wenn man täglich Brot, kostenlos Arzt und Bildung dafür bekommt, was Zweifelsohne seinen Wert hat in der Dritten Welt. Viele Kubaner denken nicht anders und diejenigen die die Möglichkeit dazu hatten, haben das Weite gesucht. Das sind noch ausgerechnet die besseren Gebildeten und vor allem junge Menschen.

    Ich finde es belastend und kurz gedacht das momentane System in Kuba immer nur einem Raubtier Kapitalismus gegenüberzustellen. Dass das kein Kubaner will ist klar, will ja auch keiner bei uns. Die freie Marktwirtschaft kennt verschiedene Ausprägungen, auch mit Schwerpunkt auf den sozialen Bereich. Es sollte durchaus Gesetze geben die verhindern, dass es zu Ausbeutung und Ungerechtigkeiten kommt und die schwache Personen schützt. Grosse Unterschiede zwischen Arm und Reich gibt es in Lateinamerika ja unter Anderem auch deswegen weil Bildungschancen nie gleich waren. Bildungsgleichheit aber hat die Revolution immerhin geschaffen und somit eine gute Basis für mehr Gerechtigkeit aufgestellt, auch in Zukunft bei einem möglichen wechsel hin zu einem liberalen Gesellschaftssystem.

    Das Ziel kann doch nicht sein Wohlstand und Konsumverhalten wie in Europa zu schaffen, sondern das maximal Mögliche an Wohlstand und Entwicklung das Kuba potenziell aufzubringen hat zuzulassen. Ich bin der Meinung, dass kein Land dazu verdammt ist auf Zeiten der 3. Welt anzugehören. Kubas geografische, landwirtschaftlichen und meteorologische Bedingungen sind weitaus besser als in Nachbarländern wie z.B. Haiti. Kuba könnte sich zu einem Tigerstaat entwickeln und die Region mit hoch ziehen anstatt sich ewig an den schwächsten Nachbarn zu messen.

  5. Na ja, da treffen sich ja alle kommunistenfresser wieder hier. wenn du die materie so gut kennst sabbi, weisst du ja sicher auch wer angefangen hat mit dem plündern.
    ihr tut ja so, als ob damals alle aus der ddr wegwollten, das stimmt doch genauso wenig wie dass heute alle von kuba weg wollen oder dort den kapitalismus wollen.

  6. Hallo kolja,
    ich weiss zwar nicht wo Du aufgewachsen bist, aber ich glaube nicht im sogenannten Sozialismus! Oder vielleicht doch, denn so eine Einstellung kenne ich nur von Genossen aus der Parteischule!
    Dieser Blödsinn wurde uns viele Jahre eingetrichtert, bis man fast selbst daran glaubte!
    Jeder hat seine eigene Meinung,und sollte sie auch vertreten. Deshalb respektiere ich Deine Ansichten!
    Aber das was die Kubaner heute zu erdulden haben,steht in keinem Verhältnis zu unserer Lebensqualität damals!!! Ich kann nicht behaupten jemals (aus Mangel) gehungert zu haben.
    Heiratete man, bekam man eine eigene Wohnung, wenn auch erst nach 3 oder 4 Jahren.
    Den sogenannten Ehekredit brauchte man nicht zurückbezahlen, wenn man 3 Kinder hatte.
    War man „kinderreich“, konnte man überall an der Kasse mehr Bananen etc. kaufen. Aber wir hatten wenigstens etwas was wir kaufen konnten!
    Wenn ich heute die Läden in Kuba sehe, dann kannst du dein Geld gleich wieder mitnehmen!
    Oder man hat Devisen.(wie damals)
    Dein Vergleich hinkt trotzdem ganz gewaltig.
    Die Grenze wurde zu gemacht, weil die Lebensumstände im Westen viel besser waren als im Ostsektor! Deshalb wanderten die Menschen zum arbeiten nach dem Westen! Und auch, um da zu leben!
    Die Amis, Engländer und Franzosen kümmerten sich besser um die Bevölkerung als die UDSSR!
    Auch wenn die „Russen“ die größte Kriegslast zu tragen hatten, das was sie hier abtransportiert und weggeschaft haben kommt schon einer Plünderung gleich!
    Mein Vater war 40 Jahre bei der Reichsbahn, und hat viele der Züge abgefertigt und mit Frachtpapieren versehen.
    Deshalb kenne ich die Materie ganz genau!

  7. Mensch Kolja, was heisst denn wenigstens gradeaus denken? scheinbar hast nicht so richtig zugehört damals als man dir den kommunismus erklären wollte.
    Und natürlich haben die bösen kommunisten die grenzen dicht gemacht, weil sie ein grosses gefängnis bauen wollten. da haben ja 20 jahre nachddr ein erschreckendes geschichtsbild hinterlassen, naja siegergeschichte eben. und eben deshalb hat Claudia ja auch so recht mit ihrem ersten absatz, auch wenn sie es nicht wollte.

  8. zu den TWEETS

    Also, dass ist ganz richtig so: dieser dummen, materialistischen, individualistischen Jugend muss der Staat einfach erklären, wo es lang geht, sonst verstehen die den Ernst des Lebens und den „guten Staat“ nicht.

    Und ich finde man sollte noch weiter gehen und von den Gedanken an eine „Bekehrung der Welt“ nicht ablassen.

    Ich denke, dass ein kleiner ideologischer Einreisetest ausreicht, um nur die „guten“ Menschen (=noch sind es nur Touristen) ins Land zu lassen. Und gleichzeitig tut man diesen dummen Kapitalisten, die nur Urlaub machen wollen und ein bißchen plantschen und Musik hören etc., einen Gefallen: man bekommt etwas Gehaltvolles an die Hand: was fürs Leben! Hey – man wird ein neuer Mensch!
    Bei dem ideologischen Ausreisetest könnte man die Latte dann noch ein bißchen höher legen; und damit den Bevölkerungsschwund der letzten Jahrzehnte ausgleichen.

    Da wollen wir doch mal sehen, wer es mit Cuba wirklich ernst meint!

    …..mir fällt heute dazu nichts anderes ein…..

  9. @Kolja

    Dass du die Anwendung von Gewalt Menschen gegenüber, die das Land illegal verlassen wollen, nicht gut findest ist für mich wirklich eine Überraschung. Ehrlich gesagt, habe ich eher erwartet, dass du wenigstens geradeaus denken kannst. Wie ein Kommunist eben.

    Der Sozialismus funktioniert nur als geschlossene Gesellschaft und das mit aller Konsequenz! Die DDR hat die Grenze nicht aus diesem Grund, den du erwähnt, dicht gemacht. Die Grenze wurde vor allem Richtung Westen dicht gemacht.

    Aber schreib mal ruhig weiter. So können Menschen, die den Sozialismus selbst nicht erlebt haben, eure merkwürdige Denkweise auf diese Weise erfahren.

  10. Kannst dich ruhig bisschen wundern, denn ich heisse den tod nicht gut von menschen, die in ein anderes land wollen. und wenn du schon davon anfängst, trotzdem glaube ich, dass die ddr ihre grenzen schliessen musste, sonst hätten zu viele im westen gearbeitet und billig im osten gelebt, was der wirtschaft wohl nicht bekommen wäre.

  11. @Kolja
    Ich erlaube mir, deinen Gedankengang zu ergänzen: … und wenn jemand den „bedingungslosen Vertrag“ nicht unterschreiben möchte und beim Versuch, das Land zu ilegal zu verlassen, erschossen wird, dann ist er selbst an seinem Tod schuld. Ich wüde mich nicht wundern, wenn du, lieber Kolja, auch die Mauertoten der DDR gut heißen würdest.

  12. „Wenn wir Kubaner krank sind, werden wir nach Möglichkeit geheilt, für den Hunger bekommen wir einen Lebensmittelkorb, der uns am Leben hält, und die Bildungseinrichtungen dürfen wir gratis besuchen. Das war‘s.“
    Das ist immer noch viel für die, meist mit dunklerer Haut, deren Familien vor 1959 nichts von all dem hatten.
    Und wer den „bedingungslosen Vertrag“ nicht erfüllen will, geht so wie du und sucht sein Glück woanders. Wenn er das Geld für den Flug und ein Visum der Botschaft seiner Wahl und der Gesellschaft seine Gratis-Ausbildung durch Arbeit zurückgezahlt hat.

  13. NEUESTE TWEETS VON YOANI
    Da das braune Twitter-Fesnter (rechts) zurzeit etwas unterbesetzt ist, werde ich vorläufig eine Auswahl der Tweets von Yoani hier als Kommentar übersetzen. Ich würde mich freuen, wenn dadurch mehr Kommentare veröffentlicht werden. Ernesto.

    1) Kuba führt wieder die Lehre des Marxismus-Leninismus als Pflichtfach in allen Studienrichtungen.

    2) Wegen Problemen im Investitionsprozess wurde die Energieministein entlassen.

    3) Kuba: Ein Schritt nach vorn, zwei zurück. Kein Mensch kann die Reformen von Raúl nachvollziehen.

    4) Die ideologische Kontrolle in den Universitäten nimmt zu. Sie haben Angst, dass die Kinder, die während der sonderperiode aufgewachsen sind, an nichts mehr glauben.

  14. vieles von dem was ernesto zu che schreibt, deckt sich mit meinem wissen/recherchen. Das er vor allem von jungen auch staatsfixierten menschen in europa überall „herumgetragen“ wird, hat zum einen mit der Verfälschung der kubanischen Revolution zu gunsten von castro und guevara u.a. zu tun (kaum eine*r, die sich mit alternativen zur herrschenden revolutionsgeschichte auseinandergesetzt haben – wie z.b dolgoff oder frank fernandez) zum anderen weil che kuba verliess und so etwas wie eine „permanente“ revolution (in lateinamerika)wohl wollte —
    autonome und vor allem syndikalistische und libertäre sind eher camillo cienfuegos zugeneigt, der wohl auch von castro gern zur „befriedung“ libertärer gruppen ne zeitlang gebraucht wurde – daß heute che und camillo nebeneinander stehen im „revolutionsmuseum“ entspricht der üblichen stalinistischen revolutionsromantik

  15. @Claudia
    Ob Ché besser als Fidel gewesen ist, darüber kann ich nicht wirklich urteilen. Das überschreitet eindeutig meine Kompetenzen. Ich schreibe nur über Sachen, die ich mit meiner persönlichen Erfahrung belegen kann.

    Nach den Schriften von Ché („El socialismo y el hombre en Cuba“) zu urteilen, war der Mann auf den T-shirts ein Fundamentalist maoistischer Prägung. Was er schrieb, war Maoismus pur, in einer einfachen dogmatischen Form erfasst. Die westlichen Möchtegern-Rebellen können diese Schriften nicht gelesen haben, sonst würden Sie keine Ché-Guevara-shirts tragen. Denn bei ihm ist nicht die Rede von Freiheit und Rebellion, sondern von bedingungsloser Unterordnung einem großen Ziel, von Umerziehung, von harter Arbeit und vom Verzicht.

    Die Schriften von Ché haben in den 60ern und 70ern keine Bedeutung auf Kuba gehabt. Möglicherweise waren sie zu radikal für den Opportunisten Fidel, oder hätten ihm Konkurrenz auf dem Gebiet der Theorie gemacht. Ich vermute, die Russen, die damals Feuer und Flamme für den Materialismus (spricht Pragmatismus) waren, hätten den Beitrag von einem Idealisten namens Ché Guevara zum Marxismus-Leninismus auch nicht so sehr begrüßt. Auf jeden Fall Ché-Schriften wurden lange ignoriert und stattdessen mussten wir Kinder in der Schule den Abschiedsbrief von Ché an Fidel auswendig lernen und rezitieren. Der war von vorne bis hinten ein Lob an Fidel. Ende der 80er, als der sogenannte „Periodo Especial“ begann, entstaubte Fidel den theoretischen Nachlass von Ché. Das Pamphlet „El socialismo y el hombre en Cuba“ würde als Bibel des kubanischen Kommunismus gekürt und in den Universitäten als einzig wahres Handbuch des Marxismus eingeführt.

    Ché Idealismus, sein Märtyrereinstellung zur Revolution, sein Anpreisen von Opferbereitschaft, sein Glauben an die Rolle der ideellen Werte in der Erziehung des neuen Menschen und letztendlich seine Verachtung der materiellen Interesse in der Formung des sozialistischen Menschenbildes kamen Fidel in den schwierigen Zeiten nach der Perestroika gerade zurecht. Dann hieß es, Ché hat uns gewarnt, aber die Technokraten (immer die anderen!) haben ihn nicht gelesen, sondern das Modell aus der Sowjetunion ohne Rücksicht auf unsere Mentalität und Tradition eingeführt. Die Technokraten haben auf die materiellen Anreize gesetzt und die Rolle der Moral und Ideologie während des Aufbaus des Sozialismus vergessen. Ché wurde für die Kubaner instrumentalisiert und für die Touristen auf den Märken von Varadero verkauft.

  16. @ Ernesto
    Sozialismus – Stalinismus – CDR- PNR – oje, mir brummt der Kopf. Ich gebe zu, ich habe wirklich keine Ahnung von cubanischer Geschichte. Was meinst du mit „eine neue Welle Stalinismus à la Ché“? Ist Ché anders zu sehen als Fidel? Ich verstehe es nicht. Kannst du es mir bitte – kurz? – erklären? (Sollte es zu kompliziert werden, stelle ich meine Frage zurück.)

  17. @Raúl
    Wieder brillant dein Kommentar Raúl. Du triffst den Nagel richtig auf dem Kopf: gespart wird nicht am repressiven Apparat Kubas und die Ineffizienz, die dem System immanent ist, wird dadurch auch nicht behoben. Die Formel, die du herausbekommen hast ist exakt. Diese 50 Jahre zeigen, dass die Unzufriedenheit des Volkes immer eine weitere Drehung der ideologischen Schraube bewirkt hat. Jedes Mal wenn eine Lockerung der Kontrolle bitter nötig gewesen war, haben sie mit einer Verstärkung des Apparates reagiert. Man hofft auf eine willkommene Brise und man bekommt noch mehr heiße Luft ins Gesicht gepustet. Die Verstärkung der CDR, gerade jetzt, ist symptomatisch und lässt sich aus der Geschichte dieser Revolution wunderbar erklären.

    Und soll ich dir schon heute verraten, wie die Aktualisierung des Sozialismus endet? Ganz einfach: Die privaten Geschäfte werden zunächst gefördert, dann florieren sie, man erspürt eine Erleichterung in der Versorgung und etwas Freude am Leben. Die Mittelklasse lebt besser und es bildet sich eine neue Oberschicht aus der Wirtschaft. Dann merkt die Partei (hoffentlich nicht mehr in der Person von Fidel Castro), dass sie die Kontrolle verliert, dass der relative Wohlstand der Menschen eigentlich ihr Feind ist und macht alles wieder gründlich kaputt. Es folgen Enteignungen, Arreste, Verhetzungen, Demonisierungen und als „Korrektur der Linie“ eine neue Welle Stalinismus a la Ché. Im Westen nichts neues, lieber Raúl. Den Film haben wir Kubaner mindestens 3 Mal schon gesehen.

  18. 500.000 Menschen die man mit Absicht zu viel beschäftigte und nun mit einem Tritt in den Allerwertesten auf die Strasse befördert wird nichts an der Ineffiziens verbessern. Diejenigen die noch bleiben werden nicht für die Anderen mitarbeiten solange ihr Lohn weiterhin so mager ist. Und wer sagt, dass in jedem der 500.000 Beamten ein Geschäftsmann steckt der sich Hals über Kopf in die Selbsständigkeit rettet . Vor allem weil man doch, wenn schon denn schon, aussieben wird und nur die Schwächsten auf die Strasse setzten wird – es sei denn der Beschäftigte ist stark in der Partei engagiert und verfügt über Kontakte.

    Eine Berufsgruppe wird nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Das sind die stets freundlichen und kooperativen Compañeros mit der Aufschrift PNR- der Nationalen Revolutionären Polizei. Sie sitzen nach wie vor in kleinen Häuschen an Kreuzungen, fahren auf teuren „Moto Guzzis“ durch die Stadt, patroullieren zu Fuss zu unzähligen Einheiten durch die Stadt- und es scheinen immer mehr zu werden. Wenn man nur die Hälfte der Polizisten entlassen würde, wäre schon viel getan, und wenn man sie auch noch auf die Felder schicken würde noch viel mehr.

    Viele neue Chinesische Polizeiwagen die angeschafft worden sind, sind in den letzten Monaten aufgerüstet worden mit monströsen, schwenkbaren Kameras auf den Dächern. Das Innenministerium scheint den grössten Teil des kleinen Budgets zugeteilt zu bekommen und nicht von der Krise betroffen zu sein. Die einfache Formel lautet: Je geringer die Zustimmung beim Volk, desto grösser das Budget bei der Staatssicherheit.

    Zur Zeit wird auch eine enorme Promotion für den CDR gemacht. Es hängen überall Fähnchen und Plakate, es gibt einen neu aufgenommen Song in den TV Kanälen, eine Hommage an den CDR. Als wolle man die Bürger warnen, „Achtung, denkt ja nicht daran, dass das wachsame Auge der Revolution schläft, erst recht nicht jetzt“

  19. @Claudia
    Dass du die Beziehung Volk-Partei auf Kuba als Knebelvertrag bezeichnest, finde ich treffend. Als ich noch jung war, habe ich einige Zeit im Atomkraftwerk Cienfuegos gearbeitet, das sich damals in der Bauphase befand und heute nicht mehr als eine Ruine in der karibischen Landschaft darstellt. (Gott sei dank wurde das Ding nie fertig gestellt!) Die Lebensbedingungen dort waren sehr hart und das Personal meistens gut qualifiziert und demzufolge für kubanische Verhältnisse anspruchsvoll. Es waren junge Leute, die ausschließlich im Ausland studiert hatten und oft in Havanna aufgewachsen waren. Sie mussten dort auf alles, was Zivilisation ausmacht, schlichtweg verzichten. Nicht mal ein Kino konnte man dort besuchen. Die Hitze war unerträglich, der Staub allgegenwärtig, nirgendwo ein schattiges Plätzchen. Zum Essen gab es kaum was. Der Hunger unter diesen jungen Menschen war groß und die Einkaufsmöglichkeiten gleich null. Wir mussten aber alle ein „Compromiso incondicional de permanencia en la obra“ (bedingungslose Erklärung, auf dem Bau zu bleiben) unterschreiben. Im Klartext hieß es: egal wie die Bedingungen dort sind, wir halten durch. Persönliche Interessen zählen nicht. Vaterland oder Tod!

    Das, was sich dort im Kleinen abspielte, war nur ein Abbild von dem, was im Großen auf Kuba bis heute vorgeht. Wenn wir Kubaner krank sind, werden wir nach Möglichkeit geheilt, für den Hunger bekommen wir einen Lebensmittelkorb, der uns am Leben hält, und die Bildungseinrichtungen dürfen wir gratis besuchen. Das war‘s. Im Gegenzug müssen wir bedingungslos dem Vaterland in Person von Fidel und Raúl dienen. Lesen, was sie wollen. Kaufen, was sie wollen. Essen, was sie wollen. Ausreisen, wenn sie wollen. Selbst die Frage nach den rechtlichen Grundlagen dieses Vertrages wird von ihnen nicht geduldet.

    Selbst wenn in Kuba die Vor- und Fürsorge erste Klasse wäre, selbst wenn mein Land in Sachen Bildung und Gesundheit in der ersten Liga spielen würde, weiß ich nicht, ob ich freiwillig diesen bedingungslosen Vertrag unterschreibn würde. Wahrscheinlich nicht.

  20. Ja, da kann man auch persönlich tiefer darüber nachdenken, wie die Erfindung von „Zukunft“ als ein mentales Konzept, (als eine mentale Idee) Menschen ins Unglück stürzen kann. Und – wenn ideologisch ausgeschlachtet – der Kampf um die „bessere Zukunft“ beginnt, wenigen Menschen die Macht über die „Wirklichkeit“ von vielen zu geben SCHEINT. Aber man kann ja auch verbal um „Zukunft“ kämpfen….wenn man das braucht. Und manchmal müssen Krieger/innen müde werden…..

  21. Ja, die gute „Geschichte“ resp. Zukunft – damit werden sie getröstet. Heute noch nicht, der Weg wird hart- aber in der Zukunft….! In der Kirche tröstet man mit dem Himmelreich. Glaubt man daran, hat man wenigstens EINE Sicherheit- man weiß ja, dass man stirbt. Aber wann soll denn nun die „große Zukunft“ kommen, die Fidel (und früher Honecker usw.) uns immer versprachen? Nie, fürchte ich. Und das wissen inzwischen wirklich alle. Sogar Fidel- auch wenn er das im Nachhinein als Fehlinterpretation darstellt.

  22. Auf Cuba hat man wohl qua Geburt mit dem Chef/dem Staat einen Knebelvertrag geschlossen, den man in Deutschland als sittenwidrig vor Gericht bringen würde. Doch so eine Gerichtsbarkeit gibt es in Cuba eben nicht.
    Der einzige Richter der in Frage kommt, das hat Castro bereits klar gestellt: ist die Geschichte. Ob sie wirklich in seinem Sinne richten wird – man wird sehen.
    Das sind die bitteren Aussichten aller betroffenen Kubaner/innen.

    Leider kann ich an eine illegale Gewerkschaftsgründung nicht glauben, da ich die charismatische große Seele wie sie andere Länder gebraucht haben (Indien, Südafrika, Polen,…) in Cuba noch nicht entdecken kann. Aber möglich ist auch, dass es sie gibt, dass die Aura bereits leuchtet und zur rechten Zeit als großes Licht aufgeht. Wünschen tue ich es allen allemal…..

  23. Bemerkenswert finde ich auch Yoanis Twitter-Frage,ob dann die Entlassenen eine eigene Gewerkschaft gründen würden.
    Das wäre also ,so wie es in Europa im 19.Jahrhundert begann,eine Illegale Gewerkschaft als einzige Institution die die Interessen der Werktätigen auch wirklich vertritt.
    Natürlich ist die heutige Situation auf Kuba nicht damit zu vergleichen.Damals geschah es im funktionierenden Kapitalismus und ob und inwieweit ein Streik in einer maroden Wirtschaft sinnvoll ist,lässt sich wohl in einen kurzen Text nicht schreiben.Doch offensichtlich,das ist das Entscheidende,ist der Zwang dazu da,für eine Institution in die Illegalität zu gehen.
    Wenn Raul Castro also sagt um die Entwicklung(Welche meint er denn wenn Zigtausende ihr Einkommen verlieren?)voranzutreiben müssen Belegschaften reduziert werden gibt er hiermit zu daß das sozialistische Modell als Doktrin ihre Gültigkeit verloren hat.
    Wenn die Arbeiterzentrale sagt das Entlassungen mit Fassung aufgenommen werden sollen dann kann es doch nicht anders gemeint sein als die Aufforderung sich verstärkt in der illegalen Wirtschaft zu betätigen.Denn schließlich gibt es
    ja keine Arbeitslosenunterstützung.
    Falls ich es also richtig betrachte wird die offizielle Propaganda immer weniger weil sich die Widersprüche nicht mehr mit Lügen übertünschen lassen.

  24. @Claudia
    Ich habe mehrere Wellen auf Kuba erlebt und sie alle mehr oder weniger überstanden. Jedes Mal habe ich gehofft, die Welle geht vorüber, spätestens dann, wenn die Regierende Feuer für eine andere Sache fangen. Denn Kuba funktioniert ähnlich wie unsere westliche Medienlandschaft: Nichts ist beständig, ein Thema jagt das andere raus.

    Ich gebe dir aber Recht, diese Welle könnte zum Tsunami werden, vor allem dann, wenn die Welle von den Massen selbst getragen wird. Das ist eben das Gefährliche in der Karibik. Alle versuchen sich zu retten und dabei kehren sie ihre hässlichsten Eigenschaften heraus. Dann wird die Welle, die ursprünglich die Bosse ins Leben gerufen haben, richtig zu einem Massentsunami. Intriganten, Opportunisten und Hartliner reiten auf dieser Welle erfolgreich. Das können sie – Übung haben sie genug in diesen 50 Jahren gesammelt.

  25. Ich kann die Worte von Ernesto nur bestätigen. Gestern erreichte mich eine E-Mail aus Havanna, in der versteckt von einem „großen Durcheinander“ und in der Erwartung eines Hurrikanes gesprochen wurde. Damit war das Wetter nicht gemeint.
    Mein Gefühl sagt mir, dass es diesmal nicht still zugeht. Das ist wohl keine Welle mehr, sondern es entwickelt sich ein Tsunami.

  26. Fakt ist, dass in der Bevölkerung große Unruhe zurzeit herrscht. Das sagen meine Verwandten am Telefon. Und wenn sie Politisches am Telefon äußern, dann ist die Sache ernst zu nehmen. Denn wir vermuten, wir werden grundsätzlich abgehört und riskieren damit die telefonische Verbindung, die gewöhnlich sehr empfindlich auf politische Äußerungen reagiert.

    Die Unruhen werden durch die Ungewissheit verursacht. Seit Monaten wird über die Massenentlassungen geredet, doch keiner weiß so richtig nach welchen Kriterien sie vorgehen werden, denn überflüssig sind sie fast alle und ersetzbar ist jeder. Kein Mensch weiß, ob er diese Welle überleben wird. Zurzeit laufen sich die Menschen in den Betriebsversammlungen heiß. Es wird überall diskutiert und intrigiert. Und so wie in der Vergangenheit immer der Fall war, wird es auch diesmal so sein: Die Entscheidungen werden nach nicht klar definierbaren Kriterien getroffen, wo ideologische Integrität und Beliebtheit bei den Kollegen und Chefs eine große Rolle spielt. Wer unbequem oder unbeliebt im Kollektiv ist, kann sich schon warm machen.

    Die Kubaner haben aber Erfahrung im Umgang mit den Wellen des Aktionismus. Meine Mutter sagt: still halten und bloß keine falsche Bewegung – Auch diese Welle wird vergehen! Ich hoffe nur, dass es nicht so heiß gegessen wird, wie zurzeit gekocht wird.

  27. Das denke ich schon lange. Es ist Staatskapitalismus, der sich Sozialismus nennt. Wie früher bei uns. Aber eigentlich ist es nur eine Art vonverantwortungslosem Staatsbesitz, wobei „Staat“ hier wirklich mit „Fidel“ gleichzusetzen ist.

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