Kleinsthandel

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Es ist acht Uhr morgens und die Schienen des Bahnhofs Factor und Tulipán glänzen in der morgendlichen Kühle. Der einzige Zug, der von Antonio de los Baños kommt, hat Verspätung. Alte Leutchen sitzen auf den Mauern, verkaufen Zeitungen, die sie sehr früh selbst eingekauft haben, und bieten auch einzelne Zigaretten an. Diese Woche haben sie einen harten Rückschlag erlitten, dadurch dass das Ende der normierten Zuteilung von Titanes und Aroma Schachteln angekündigt wurde. Eine sehr schlimme Nachricht für Leute, die sich auf der untersten Stufe unseres informellen Marktes befinden: diejenigen, die ihre eigene Zuteilungsquote zum Kauf anbieten, um zu überleben.

Zu den Absurditäten des zentralisierten Handels in Kuba gehörte es, dass nur die vor 1955 Geborenen Zigaretten auf Zuteilung bekamen. In meiner Familie hatte nur mein Vater eine Zuteilung, aber meine Mutter, die drei Jahre jünger war, betraf es nicht mehr. Halb im Scherz und halb ernst sagte einmal ein Freund zu mir, irgendwann werden sie die letzte subventionierte Zigarettenschachtel einem langlebigen Kubaner aushändigen, der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte. Können Sie sich die Situation vorstellen? Die Fahne flattert im Wind, Trompeten erschallen, ein Festbataillon marschiert auf den Alten zu und überreicht ihm quasi als Muster die letzte Schachtel subventionierter Zigaretten.

Wie es auch sei: das wird jetzt nicht mehr so passieren. Wer damals, als die Zuteilung von subventionierten Zigaretten begann, jünger war, erreicht heute kaum noch das sechzigste Lebensjahr. Wir, die nie diese Unterstützung in Anspruch genommen haben, merken, dass es jetzt eine Sache weniger gibt, die man uns vorhalten könnte. Trotzdem glaube ich, dass man die alten Leutchen vom Bahnhof Tulipán entschädigen müsste und auch all die anderen auf der ganzen Insel, die sich mit diesem Kleinsthandel über Wasser halten.

Übers. Iris Wißmüller
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3 Gedanken zu „Kleinsthandel

  1. @Niki
    Liebe(r) Nicki, deine Gedanken sind im Grunde genommen logisch. In Kuba werden aber wirtschaftliche Fragen rein politisch gelöst und die Politik richtet sich grundsätzlich gegen das eigene Volk. Das ist keine anticastristische Parole von mir. Das beruht auf reinen empirischen Beobachtungen der Menschen in Kuba. Nach 50 Jahren Sozialismus kann fast jeder Kubaner dir das bestätigen.

    Das Wort Subvention ist im Bezug auf Kuba nicht angemessen. Ich würde sagen, Yoani hat sich in der Wortwahl ein bisschen vertan. Denn, Subventionen haben nur da einen Sinn, wo die Gesetze der Markwirtschaft gelten. In Kuba werden Produkte der Grundversorgung für politisch festgelegte Preise rationiert verteilt. Mehr ist das nicht, rein ökonomisch betrachtet. Und auch diese Produkte, so elementar sie sind, werden meistens importiert. Mittlerweile kauft Kuba im Ausland Sonnenblumenöl, Bohnen, Reis und sogar Zucker. Die Zigaretten und Zigarren sind noch, hoffe ich sehr, kubanischer Produktion.

    Die Produkte, die nicht rationiert sind und die in den Divisen-Läden für CUC verkauft werden sind maßlos überteuert. Diese Waren sind zum Teil kubanischer Produktion oder billig eingekauft in China oder Lateinamerika. Nirgendwo in Kuba ist die Bosheit der Regierung so deutlich zu spüren wie in diesen CUC-Läden. Da fühlt man sich so richtig für blöd verkauft. Sie ziehen den Menschen das Geld aus der Tasche, welches sie von ihren Familien aus dem Ausland bekommen haben. Und am Ende haben unsere Verwandten in der Tasche keine Luxusprodukte, sondern die elementaren Dinge des Lebens und ein bisschen Punder aus China.

    Ende 2009 versprach der venezolanische Präsident Hugo Chávez ein großzügiges Geschenk vor laufenden Kameras im Fernsehen: Er wird dem heroischen Volk Kubas X-Tonnen Fischdosen schicken, ein Weihnachtsgeschenk Venezuelas sozusagen. Die gutmutigen Kubaner haben sich auf die venezolanischen Sardinen riesig gefreut. Sie haben gedacht, die begehrten Dosen werden in den Bodegas für einen symbolischen Preis verteilt, jede Familie bekommt eine pro Person, Kinder ausgenommen … Und was war? Nichts da! Im Februar durften die gleichen gutmutigen Kubaner die Sardinen von Chávez in den Divisen-Läden für einen Preis, der mit Freundschaft nichts zu tun hat, kaufen. So ist das mit den Freunden des Volkes und ihren Geschenken.

  2. Zum Thema Subvention interessiert mich;betrifft das auch heimische Produkte? Bisher ging ich davon aus daß Lebensmittel und dergl. deshalb subventioniert sind weil sie für Devisen importiert werden und es sich amsonsten niemand mit nationaler Währung leisten kann. Was im eigenen Land entsteht(Dürfte bei den Zigaretten wohl der Fall sein?) kann demzufolge im dort üblichen Preis-Leistungsverhältniss einschließlich Gewinnspanne verkauft werden-Nach dieser Logik ging ich bisher selbst bei Lebensmittel in den staatlichen Bodegas und in einer zentralistischen Planwirtschaft aus. Warum wären dann Produkte ohne Subventionen teurer ohne daß die Beschäftigten dahinter dann mehr verdienen?
    Nachdem was ich über die kubanische Wirtschaft gelesen habe bekam ich den Eindruck als wäre alles entweder so teuer daß es in keinen Verhältniss zu den normalen Einkommen steht(Von Devisenprodukten ganz zu schweigen)oder Subventioniert und gleichzeitig streng rationiert.

  3. Wie alle Sparmaßnahmen trifft diese die ärmsten der Gesellschaft. In diesem Fall diejenige, die ihren Lebensunterhalt auf den Straßen mit dem Verschachern von Waren verdienen, die sie für wenig Geld zugeteilt bekommen haben. Das Schicksal der armen Leute, immer wieder als Verlierer da zu stehen, ist keine Erfindung des Sozialismus. Bloß im Sozialismus sollte es nicht so sein.

    Aber darüber wollte ich nicht schreiben. Viel amüsanter finde ich das Foto zum Artikel. Die fehlenden Buchstaben machen so viele Interpretationen von dem, was übrig geblieben ist, möglich … Echt genial!

    Normalerweise sollte da stehen: Ministerio del Trabajo y Seguridad Social (Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit). Das fehlende „n“ bei „Ministerio“ lässt sofort an „Misterio“ (Mysterium, Geheimnis, Geheimnistuerei) denken und mit etwas Fantasie, was bestimmt im Sinne des Erfinders ist, sogar an Hysterie“ (isterio – histeria). Wenn man bedenkt, dass auf Spanisch das „h“ nicht ausgesprochen wird, ist diese Interpretation zulässig. Also, Wut, hysterisches Verhalten gegen eine Institution, die ein Geheimnis aus allem macht und den ganzen lieben Tag nur mit Geheimnistuerei beschäftig ist. Diese Interpretation ist hoch brisant. Denken wir nur auf die angekündigten Massenentlassungen in den kommenden Monaten. Keiner weiß, wen die Rationalisierungswut der Bürokaten treffen wird, ein Geheimnis eben.
    Es geht aber weiter. Das fehlende „a“ bei „Trabajo“ bringt das Wort „bajo“ zum Vorschein. Und von „bajo“ bis „abajo!“ (Nieder!, Schluss! Basta!) ist nicht mehr weit. Ich fasse zusammen: Nieder mit diesem Geheimministerium! Schluss mit der Geheimtuerei um unsere Arbeitsplätze!

    Das Wörtchen „bajo“ bedeutet in unserer Sprache auch „niedrig“, schlecht und sogar primitiv. In Verbindung mit „soziale Sicherheit“ (… bajo Seguridad (s)ocia(l)) lässt der neu entstandene Satz den explosiven Gedanken aufkommen, dass wir in Kuba nur über eine niedrige, primitive soziale Sicherheit verfügen. Nicht gut für die Partei!

    Und der Gipfel: Die fehlenden „s“ und „l“ bei „social“ macht das Wort „ocia“ augenscheinlich. Auf Spanisch „ocio“ bedeutet Erholung und gleichzeitig Zeitvertreib oder Untätigkeit. Das macht die Sache für den Betrachter erstmal richtig rund: Ministerium der Untätigkeit, ein Ministerium, das nichts tut, das nur mit dem Zeitvertreib und Geheimnistuerei beschäftigt ist. So habe ich das ramponierte Schild sofort aufgefasst, als Muttersprachler und Kubaner.

    Möglicherweise übertreibe ich mit meinen Interpretationen, aber wer im Sozialismus lange gelebt hat, weiß auch wie wichtig der Text zwischen den Zeilen sein kann. Bürger des Sozialismus sind geneigt, überall ein Zeichen der Provokation zu setzen bzw. zu entdecken.

    Ich bin mir sicher, auch in der DDR gab es genug verunstaltete Schilder und fehlende Buchstaben. Vielleicht kann sich jemand erinnern und uns mit alten Geschichten amüsieren.

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