Läute mich kurz an

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Mein Handy klingelt, aber ich gehe nicht ran. Ich warte, bis das Ringring aufhört und begebe mich zu einem Telefon in der Nähe, um die registrierte Nummer anzurufen. Ich habe meine Freunde gebeten, mich anzuläuten, danach antworte ich ihnen. Aber einige halten sich nicht daran und vergessen die hohen Kosten einer Minute Sprechens im Handynetz. Ich habe mit ihnen einen Geheimkode ausgemacht: zweimal Klingeln, wenn es dringend ist, und dreimal, wenn es sich um etwas handelt, was warten kann. Wenn ich gerade auf der Straße bin und das Gerät, das ich in der Tasche habe, vibriert, suche ich ein öffentliches Telefon, das Münzen annimmt und dem man nicht den Hörer abgerissen hat.

Obwohl die Telekommunikationsfirma ETECSA verkündete, dass die Zahl der Handynutzer bald eine Million überschreiten würde, sind wir immer noch wie behindert in dieser Technologie. Einen Inlandsanruf zu empfangen ist verrückt. Eine MMS auszuführen, kann bedeuten, dass wir uns stundenlang mit den Telefon-Angestellten herumstreiten müssen. Eine Stelle zu finden, wo Karten zum Wiederaufladen verkauft werden, gleicht dem Film „Mission impossible“. Wie bei einem Jugendlichen, dem die Füße gewachsen sind, und dem deshalb seine Schuhe nicht mehr passen, ist die Zahl der Handynutzer in unserem Telefonbereich angestiegen, ohne dass die Infrastruktur entsprechend verbessert wurde. Dieser Anstieg gehorcht nicht einer integralen Entwicklung, sondern dem unbedingten Wunsch, möglichst viel von diesen tauschbaren und dem Dollar ähnlichen Geldscheinen einzunehmen.

Trotz der jüngsten Preisreduzierungen bei der Handyanmeldung, kann ein Arzt sich immer noch keinen Handyzugang leisten, während die Staatspolizei subventionierte Tarife in Nationalwährung genießt. Es ist auch nicht möglich, einen Vertrag abzuschließen und am Monatsende zu bezahlen; wir sind nämlich zum Prepaid-Verfahren verurteilt, um kommunizieren zu können. Viele fühlen sich von ETECSA betrogen, aber das staatliche Monopol lässt es nicht zu, dass andere Konkurrenten uns einen besseren und billigeren Service anbieten. Bis sich eine Lösung gefunden hat, werden Tausende von Nutzern einen seltsamen Morsekode mit den Mobiltelefonen anwenden: einmal Klingeln, zweimal, dreimal … Geh nicht ran! Laufe lieber zum nächsten Telefon!

Übers. Iris Wißmüller
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Ein Gedanke zu „Läute mich kurz an

  1. Vor einiger Zeit durfte ich einen Nachbar meiner Mutter kennenlernen. Kurz danach starb er.

    Der ist Mann war hochintelligent, aber leider verrückt wie eine Ziege, wie man bei uns sagt. Meine Mutter erzählte, er wäre ein bedeutender Ingenieur in unserer Stadt und ein feiner, gebildeter Mann gewesen. Doch das Leben meinte es mit ihm nicht gut. Er war einfach zu sensibel und intelligent für unsere Welt und, wie so oft der Fall bei den Genies ist, begann er maßlos zu trinken.

    Das war der Anfang seiner Leidenskarriere. Danach folgte der Weggang seiner Frau und die Verwahrlosung. Er trank noch mehr und er versteckte sich dabei in seiner eigenen Welt, in der Welt seiner Erfindungen. Mit der Zeit etablierte er sich in der Nachbarschaft als der verrückter, immer betrunkener Erfinder. Er war aber durchaus beliebt, wurde trotzdem von den Menschen geachtet. Wenn er einen klaren Moment hatte, vor allem einen trockenen, konnte er alles, aber wirklich alles, reparieren. Hausfrauen schätzen seine Dienste und wünschten sich mehr von diesen seinen trockenen Tagen.

    Der verrückte Mann hatte ein großes Herz für die Kinder unserer Straße. Mit Leidenschaft bastelte er für sie Hightech-Geräte aus Pappe, Holz, Plastikresten und Fetzen aus glitzernden Verpackungen. Aus seinen fleißigen Händen entstanden Radios ohne Empfang, Tastaturen, dessen Befehle kein Computer verstehen konnte, tote Fernbedienungen für was auch immer, und Handys, die nicht mal einen einzigen Klingelton von sich geben konnten.

    Bei Vollmond bekam er es so richtig mit der Verrücktheit. Er kam raus aus seinem Versteckt und verteilte unter den Kindern ein Dutzend Papphandys. Dann setze sich auf dem Bürgersteig und fing an, mit ihnen zu telefonieren. Die Kinder spielten mit. Sie klingelten sich gegenseitig mit ihren Papphandys an, riefen zurück und bestellten schöne Grüße … Die Regeln dieses seltsamen Spiels hat keiner der Erwachsene bis jetzt verstanden, aber die Papphandys schienen zu funktionieren, zumindest als Spielzeuge funktionieren sie bis dato tadellos.

    Ein verrücktes, aber kein dummes Spiel! Handys sind in Kuba eher Spielzeuge, die von großen Kindern bewundert, jedoch selten benutzt werden. Sie müssen nur so aussehen wie solche, ab und zu leuchten und klingeln. Die Zahl der Anmeldungen erreicht laut ETECSA bald eine Million und fast kaum ein Mobilfunktelefon wurde in Kuba verkauft. Sind alle Handys in Kuba selbstgemacht, nur Papphandys? – kann man sich fragen. Handygeschäfte gibt es dort nicht wirklich. Handywerbung ist landesweit nicht vorhanden und Tarifdschungel kennen die Kubaner nicht.

    Das Wunderland Kuba erfindet für sich das mobile Telefonieren, ohne die dazu notwendigen Zutaten verwenden zu können.
    Ein spiel eben.

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