Verletzte Urbanität

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Das Gebäude mit der Hausnummer 216 gab ein durchdringendes Knacken von sich, Sekunden bevor sich die Wände von einander lösten und das Dach einstürzte. Die Fassade stürzte um 1 Uhr nachts zusammen, als sich niemand auf dem Bürgersteig befand. Der Staub schwebte noch mehrere Tage in der Luft und setzte sich in die Kleidung der Neugierigen fest, die kamen, um zu schauen und zwischen dem Durcheinander von Balken, Holz und Fliesen ein paar Ziegelsteine herauszuholen. Das Wohnhaus daneben hat nicht allzu sehr gelitten und die Nachbarn profitierten von dem Einsturz, denn sie hatten jetzt eine freie Wand mit der Möglichkeit, neue Fenster zu öffnen. Ein Jahr danach häufte sich an der Stelle, an der sich das zweistöckige Gebäude befunden hatte, der Müll des ganzen Viertels an, und die Passanten urinierten hinter die Grundpfeiler.

Die Bewohner fanden Unterschlupf in dem Behelfswohnheim namens „Venus“, das wenige Blocks vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Sie kamen dort mit der Hoffnung an, dass es sich nur um einen kurzen Aufenthalt zwischen Pappwänden und hängenden Bettlaken als Sichtschutz handeln würde. Trotzdem leben sie seit mehr als 20 Jahren in den feuchten, mit engen Etagenbetten vollgestellten Räumen. Ihre Kinder sind dort aufgewachsen, haben sich verliebt und sich fortgepflanzt, während sie sich das Gemeinschaftsklo und die Küche, deren Wände vom Ruß geschwärzt sind, teilten.

Anfangs glaubten sie noch, dass man sie an einen besseren Ort verlegen würde, doch die Hurrikans und die Rezession verschlimmerten die Wohnlage und jedes Jahr kommen Tausende von Menschen auf der Liste der Geschädigten hinzu. Mit der Zeit haben sie das Gefühl vergessen, wie es ist, die Tür des eigenen Hauses zu öffnen, seine Kleidung abzulegen, ohne dass einem dabei duzende Augenpaare indiskret zuschauen, zu duschen, ohne dass jemand verzweifelt an der Tür klopft, um dranzukommen. Sie vergaßen wie es ist, außerhalb eines Behelfswohnheimes zu leben.

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9 Gedanken zu „Verletzte Urbanität

  1. Liebe Claudia, wenn Fidel dein Kommentar liest und es bei ihm noch „Click!“ macht, verkündet er noch diese Bauweise und Architektur der Zukunft als seine Erfindung. Bloß nicht, sonst müssen wir uns Kubaner seine Architekturdissertationen noch anhören, und darauf haben wir keine Lust mehr. Was hat der Mann schon alles erfunden! Als er 2005 die Sparlampe erfand und die Kühlschränke und Schnellkochtöpfe der Zukunft anvisierte, mussten wir eine „Revolución energética“ über uns ergehen lassen. Wenn er Feuer fängt, müssen wir alle applaudieren und mit Enthusiasmus mitmachen. Dann warten wir ab, bis er sich beruhigt und ein anderes Märchen erzählt … Das machen wir seit 50 Jahren, liebe Claudia.

    Lieber Karl-Eduard, in Havanna sieht es mit der privaten Bauinitiative schlecht aus. In so einer dicht bebauten Stadt kann man kein Häuschen bauen. Die gewaltigen Bauten Havannas sind nur mit viel Ressourcen zu retten. Das kann keine einzelne Familie leisten. In der Provinz dagegen floriert die „Baukunst“ privater Handschrift. Überall sind Einfamilienhäuser entstanden, die eine Hässlichkeit besitzen, die Ihresgleichen in der ganzen spanischen Welt sucht. Aus geklauten und „besorgten“ Baumaterialien sind monströse Kreaturen entstanden, mit schiefen Betondächern, Fenster und Türen aus Stahl, meistens voll vergittert. Wohlhabende Familien wagen es, 3 Etagen übereinander zu bauen. Krumm und schief und ohne Sinn und Verstand. Dabei versuchen sie immer die alten Chalets, die vor der Revolution gebaut wurden, zu kopieren. Aber die Originale der „Bourgeoise“ bleiben unerreichbar. Sie wurden von Architekten projektiert und von Fachleuten gebaut. Und sie stehen heute noch. Wie eine Eins.

  2. Ich bin sicher, an anderer Stelle sind neue, sozialistische Städte entstanden, in denen sich die Menschen wohlfühlen. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands hatte sich in der DDR das Ziel gesetzt, das Wohnungsproblem als soziales Problem bis 1990 zu lösen. 1990 war die DDR weg und das Problem gelöst. Wir hätten damals nicht gedacht, wie viel und wie scnell man bauen kann und dann auch noch in Farbe! Wenn erst das System Sozialismus weg ist und Menschen die Gelegenheit gegeben wird, Initiative zu ergreifen, dann klappt es auch mit dem Wohnungsbau. Nur müssen die Genossen einsehen, daß nur sie alleine dem Wohle des kubanischen Volkes im Wege stehen.

  3. Dass alte Bausubstanz in Meeresnähe nur kostspielig zu erhalten ist – wie in europäischen Städten wie z.B. Porto (Altstadt) oder Lissabon u.a. zu sehen ist – ist ja die eine Sache. Eine andere ist es, wenn Menschen in Baracken „hausen“ müssen und das ganze noch als muy revolutionario verkauft wird.

    Es gibt inzwischen so moderne Möglichkeiten mit Selbsthilfeprojekten in hochwertiger und ästhetisch hoch anspruchsvoller Lehmbauweise (wie in Europa!!! und Afrika mehrgeschossig gebaut), den Menschen Wissen zu geben, um sich ein Zuhause – und damit ist keine kleine Hütte gemeint – selbst zu erschaffen.
    Beton und Stahl sind nicht nur teuer (und rar) es ist oft auch gar nicht nötig und zudem langfristig schwieriger instandzuhalten, weil es Fachleute und technischer Ausrüstung bedarf. Das Ganze gerne als Genossenschaft oder als kollektive nachbarliche Anstrengung.

    Es ist mir völlig unverständlich, warum Cuba nicht auf erprobte Konzepte (es gibt dazu Lehrstühle an Architekturuniversitäten!!) zugreift, um den eigenen Leuten zu helfen.

    Gut, es ist nicht die „normale“ westliche Bauweise (irgendwie vielleicht zu „bäuerlich“), d.h. es ist auch nicht unbedingt urban, aber es ist anständig. Was nutzt denn ein kostenloses Bildungs- oder Gesundheitssystem, wenn ich im Dreck zu leben gezwungen werde und das ganze noch zu bejubeln habe. Grausam ist das!

  4. allen kommentaren mich „vollumfänglich“ anschließend grüße ich ernesto und die anderen…man müsste sich mal auf ein bier treffen können und darüber reden

  5. @Nicki
    Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich habe den Film noch nicht gesehen, das muss ich unbedingt nachholen. Ich habe aber viel davon gehört. Dein Zitat macht so richtig Appetit auf den Film. Übrigens, der Vergleich Rom-Havanna bringt neues Licht in die Problematik. Ich könnte gleich weiter kommentieren, aber die Arbeit ruft … Lieber Gruß Ernesto.

  6. Ich würde gerne 5 – 10 000 Euro in eine Renovierung investieren, und dafür im Urlab dort wohnen. Ich will keine Zinsen – nur Hipoteke als Absicherung.

    Unmöglich: Ausländer darf kein Eigentum erwerben. Das ist Auto-Blokade, oder die Blokade von innen.

  7. Ich besitze eine DVD mit dem Titel“Havanna-die neue Kunst Ruinen zu bauen“.Darin geht es ebenfalls nicht nur um den Verfall an sich sondern auch die Tatsache das Menschen darin leben und seelisch“verfallen“.
    Oder wie der kubanische Schriftsteller in dem Film,Jose Antonio Ponte sagt,das Leben in Ruinen vernichtet das Selbstwertgefühl.
    Ernestos Beitrag ist wie immer eine Bereicherung meiner bisherigen Kenntnisse.Ich selbst wüsste nicht was ich dazu noch kommentieren sollte und zitiere lieber den Schriftsteller Ponte,den ich aus den Film abgeschrieben habe;

    In einer Stadt wie Havanna ist eine Ruine nicht nur ein schöner Ort.
    Havanna ist ruiniert.Es besitzt mehr Ruinen als Rom.
    Gut,Rom ist „Mamma Ruina“,das Rom der Kaiser,Vorbild jeder Ruine.
    Der Unterschied ist groß,denn die kubanischen Ruinen sind bewohnt.
    Die unbewohnte Ruine bringt dich zu einer Reflexion der Geschichte.
    Darüber,wie große Imperien stürzten.Eine nostalgische Reflexion.
    Sie kann die Melancholie über die Zivilisation einflösen.
    Doch die bewohnte Ruine erlaubt keine Melancholie.
    Sie erzeugt ein Gefühl das viel zu giftig ist.Zu scharf,zu verletzend.
    Sie erlaubt nur ein Gefühl der Empörung.Das Zusammenleben mit Ruinen ist immer tragisch.
    Immer besteht die Möglichkeit das du dich in ihnen ruinierst. Wie Jean Cocteau sagte:Eine Ruine ist ein Unfall in Zeitlupe.

  8. Verletzte Urbanität ist wahrscheinlich die bessere Übersetzung für den spanischen Originaltitel dieses Artikels (Lesa Urbanidad). Was der deutsche Leser möglicherweise nicht gleich mitbekommt, ist, dass Urbanität in den Sprachen mit lateinischen Wurzeln etwas mit guten Sitten, mit urbanen Manieren zu tun hat. „Normas de Urbanidad“, so heißen bei uns die Regeln des guten Benehmens.

    Diese kleine Dissertation ist wichtig, denn Yoani geht es hier nicht um die Ruinen, die das Stadtbild Havannas heute prägen, sondern in erster Linie um den Zerfall der Sitten, des urbanen Benehmens der Menschen, die über Generationen wie Tiere gehalten wurden.

    Der Zerfall der Häuser ist sicherlich ein Thema für sich. Es ist schlimm genug, dass unsere Hauptstadt als eine riesige Ruine von Ausländern wahrgenommen wird, und als solche sogar gekonnt fotografiert und für Filmkulissen in Szene gesetzt wird. Es ist pervers genug, dass der Westen eine Ruinenromantik gerade da erfunden hat, wo sich nur Misere und menschliches Leid abspielen. Doch das lassen wir für ein anderes Mal … Das ist nicht das Thema heute.

    Yoani berichtet über den Zerfall der Menschen an sich. Menschen, die geboren und aufgewachsen sind in einem Haus ohne Türen und Fenster, die als Zuhause nur vom Salz und Dreck zerfressene Mauern kennen, die das Wort Kinderzimmer noch nie gehört haben und sich darunter nichts vorstellen können, die stinkende Klos als einzigen privaten Raum – und das nur für ein paar Minuten am Tag – kennen, können auch keinen Respekt vom Privatleben der anderen pflegen. Vor solchen Menschen kann man sich fürchten! Menschen, die kein Privatleben erfahren haben, sind extrem gefährlich.

    Wer Kuba besucht hat, weiß, dass das geschilderte Phänomen nicht eine „Randerscheinung“ des Sozialismus in Havanna darstellt, die man mit etwas Mühe und Geld beseitigen könnte. Nein, es handelt sich um ein Problem, welches flächendeckend überall auf Kuba auftaucht, um einen generationsübergreifenden Zerfall der Sitten einer jungen Nation.

    Unter solchen Bedingungen ist der Neue Mensch auf Kuba entstanden, während der alte gründlich ausgerottet wurde. Der Zerfall der bürgerlichen Häuser brachte den Zerfall der Sitten mit. Kaputte Urbanität und vergessener Anstand, die uns den Wiederaufbau des Landes verdammt schwer machen werden!

    Der Kubaner muss zunächst neu erfunden werden.

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