Insel ohne Meer

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Von der Mauer des Malecón aus gibt es nicht so viel zu sehen. Eine blaue Fläche, die manchmal aufbraust und ihre schäumenden Wellen auf die angrenzende Avenida wirft. Man sieht keine Segelboote, kaum ein paar dürftig ausgebesserte Boote, die eine offizielle Genehmigung von der Hafenverwaltung haben. Im Sommer springen die Jugendlichen ins warme Wasser, aber im Winter halten sie aus Furcht vor der Gischt und dem kalten Wind Abstand. Ein Boot fährt jede Nacht von Ost nach West; ein Schatten am Horizont, der mögliche Balseros (Flößer) kontrolliert, die Richtung Florida entkommen wollen.

Gerade jetzt befinden wir uns in den Monaten des Jahres, in denen an der Küstenstraße am meisten los ist. Aber alles passiert zwischen dem Korallenriff und der Straße; nicht daran zu denken, dass sich diese Dynamik auf die weite Salzmeerfläche ausdehnen würde, die auf der anderen Seite liegt. Wann haben wir angefangen mit dem Rücken zum Meer zu leben? Wann wurde uns dieser Teil des Landes, der auch zu uns gehört, genommen? Fisch zu essen, eine Spazierfahrt auf einer Yacht zu machen, die Gebäude im Takt der Wellen zu betrachten, die Abstufungen von Blau zu genießen, da wo der Untergrund des Meeres wechselt: Das sind schimärenhafte Unternehmungen in einer Küstenstadt, traurig stimmende Delirien auf einer Insel, die im Nichts zu treiben scheint, nur nicht in der Karibik.

Ich hege die Hoffnung, dass man eines Tages keinen ausländischen Pass mehr vorweisen muss, um ein Boot, sei es auch nur ein Ruderboot zu mieten. Die Segel werden diese Bucht wieder erobern, sie werden uns daran erinnern, dass wir in einem am Meer gelegenen Havanna leben, einer Stadt, die zwischen dem Geschrei der Seeräuber und dem Getöse des Hafens entstanden ist. Der Rotbarsch wird auf unseren Tellern die Clarias und Tencas (1) ersetzen und von der Mauer des Malecón werden wir die Beine zum Korallenriff hinunterbaumeln lassen und eine Reihe von Booten begrüßen, die vom Morro (2) abfahren und wiederkehren.

Anm.d.Ü.
1. Claria, Tenca: schnell heranwachsende Süßwasserfische von minderer Qualität
2. Morro: wie ein Bug geformte Klippe an der Einfahrt zum Hafen von Havanna

Übersetzung: Iris Wißmüller
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5 Gedanken zu „Insel ohne Meer

  1. Schöne Träume: „Fisch zu essen, eine Spazierfahrt auf einer Yacht zu machen…“

    Und Ernesto hat recht: Kubaner können selten gut schwimmen. Auch die jungen, sportlichen nicht. Wenn sie mich zum Salsa einladen – und ich kann nicht tanzen – dann biete ich Schwimmwettkampf an.

  2. Eine Insel ohne Meer – ein sehr interessanter Gedanke von Yoani. Darauf wäre ich nicht gekommen!

    Wann haben wir dem Meer den Rücken gekehrt?

    Meine Oma Cristiana ist in einer kleinen Hafenstadt namens „Tunas de Zaza“ geboren, dort verbrachte sie anfangs des vergangenen Jahrhunderts eine glückliche Kindheit als Apothekers Tochter. Im hohen Alter könnte sie sich noch an die Dampferfahrten am Wochenende mit ihrer Eltern erinnern. Sie erzählte mit Begeisterung aber mit Augen, die leider nicht mehr strahlen konnten, wie die Kinder jenes Städtchens die ausländischen Schiffe am Hafen erwarteten und wie die Matrosen aus Griechenland oder Portugal aussahen … Hin und wieder sind wir in den Ferien zu diesem Ort gefahren. Aber das, was wir dort vorfanden, hatte mit Omas Erzählungen nichts zu tun. Kein Schiff am Horizont, keine Matrosen, nicht mal Fischer konnte man dort antreffen. Eine ausgestorbene triste Stadt, in der Hitze verlassen und vom Gott vergessen, wie jede andere kleine Stadt im Land meiner Kindheit.

    Die Mehrheit der Kubaner hat unser Land nie vom Meer aus gesehen. Wie denn? Wir dürfen keine Boote besitzen, nicht mal eins ohne Genehmigung benutzen! Selbst wenn ein Kubaner sich in einem Touristenhotel einmietet, darf er keinen Gebrauch von Wasserfahrzeugen am Strand machen, es sei denn er lebt bereits im Ausland … Die Piratenfahrten in Fluch-der-Karibik-Manier, die überall in den Hotels angeboten werden, sind für die Inselbewohner Tabu. Es gibt für Kubaner, ganz besonders entlang der Nordküste, so gut wie kein Wasserverkehr.

    In Kuba gibt es so gut wie keine Fischrestaurants und Kubaner, die nach der Revolution geboren sind, kennen Meeresfrüchte meistens nur vom Hören. Die spanischen Touristen können nicht verstehen, warum wir die maritime Küche unseres Vaterlandes Spaniens so einfach aussterben ließen, warum die Meeresfrüchte in der kubanischen Küche kaum vorkommen und wenn, dann spärlich und grottenschlecht zubereitet.

    Kubaner hassen Fisch regelrecht, das ist das Letzte, was man isst! Das liegt eindeutig daran, dass die Bewohner dieser „Insel ohne Meer“ gezwungen wurden, importierte Fischarten zu „fressen“, die ihrem karibischen Geschmack grausam und ekelhaft vorkommen müssten. Dazu gehören fette, im ranzigen Öl konservierte russische Fische, die wir in den 70er jeden Tag, aber wirklich jeden Tag, in den Schulinternaten essen mussten, oder die monsterhaften Amphibien, die nach der Perestroika lebend ins Land geholt wurden, und heute sich im schlammigen Teichen vermehren und aus Unreinheiten ernähren.

    Kubaner können selten gut schwimmen. Schwimmunterricht gibt es auf Kuba generell nicht, die Gründe dafür kann man sich ausmalen, und wer nicht direkt am Wasser geboren ist, lernt von seinen Eltern lediglich das Plantschen im pisswarmen Wasser des Sommers.

    Kubaner haben Angst vor Fischen. Wenn am Strand von Varadero ein Schwarm von Sardinen plötzlich auftaucht, springen alle aus dem Wasser heraus. Nicht nur die Kinder und die Frauen verlassen flugartig das Wasser, nein auch kubanische Machos haben offensichtlich mit kleinen Fischen nichts am Hut.

    Seltsame Insel, auf der ich geboren bin!

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