Das Warten

espera

Meine Mutter pendelt hin und her. Sie verlagert ihr Gewicht erst auf das eine, dann auf das andere Bein, während ich, 7 Jahre alt, mit meinen dünnen Armen ihre Hüften umfasse. Worauf wartet die Schlange? Ich weiß nicht, vielleicht sind wir an einer Omnibushaltestelle, vor einem Geschäft, wo sie Teller verkaufen oder vor einer Apotheke, wo man Aspirin kaufen kann*. Es ist eine lange Menschenreihe in der Sonne und es scheint so, als ob wir nie drankämen.

Sie fächelt sich Luft zu. Sie schaukelt von rechts nach links. Mit dieser Bewegung zeigt mir meine Mutter, fast ohne es selbst zu merken, die Kunst des Wartens, die Übung in Geduld, um mich auf die langen Schlangen vorzubereiten, die mich erwarten.

Anm. d. Ü.
*In einem Staat mit so großer Mangelversorgung stellt man sich an, auch ohne zu wissen, was es zu kaufen gibt.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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6 Gedanken zu „Das Warten

  1. Das Thema Ich-AGs, auf Kuba übertragen, ist wirklich interessant. Es bietet genügend Stoff zum Schneiden (tela por donde cortar), wie man in Kuba sagt. Das, was in Deutschland mit enormem Aufwand und teurer staatlichen Unterstützung versucht (!) wurde, ist in Kuba längst Realität. Und das haben die Kubaner spontan geschafft, aus der Not heraus, ohne Unterstützung des Staates.

    In Kuba betreiben Millionen ihre Ich-AG innerhalb der staatlichen Betrieben. Die Menschen nutzen die „Rahmenbedingungen“, die der Sozialismus bietet, und machen ihre Arbeitsplätze zu eigenen Geschäfte. Ricardo hat gute Beispiele oben genannt. Ich habe einen Onkel, der einen Überlandbus fährt und bezahlt aus eigener Tasche die Reparaturen des Busses. Warum? Ganz einfach: weil er den Bus als Ich-AG für sich benutzt. Wenn er die Ersatzteile nicht selbst „besorgt“, und den Mechaniker auf eigene Rechnung bestellt, würde der Bus stehen bleiben und er kein Geld verdienen können. Ich spreche von einem Mikrokapitalismus, der in den Strukturen des kubanischen Sozialismus floriert. Ohne Zweifel ein interessantes Phänomen für Polit-Ökonomen. De facto haben Kubaner den Sozialismus schon längst abgeschafft, zumindest „arbeitsmarkttechnisch“.

    Von wegen sind Kubaner nicht erfinderisch? Wir sind ein kreatives Volk, das nicht nur aus Scheiße Bonbon macht, sondern auch den Kapitalismus von unten und ohne Einleitung wieder erfunden hat. Der Versuch der kubanischen Regierung, die private Initiative zu fördern, kann ich nicht ernst nehmen. Es kommt ein bisschen zu spät und, wenn ich mich recht erinnere, dieses Liedchen habe ich schon mal gehört … Da lache ich drüber, liebe Claudia.

  2. Danke für die Erinnerung an Ich-AGs, Claudia.

    Die sind in Kuba schon da, mehrere Millionen. Du muss eine Ich-AG haben, um zu übelebn. Der Fahrer eines (staatlichen) LKWs, der Pasagiere mitnimmt und dafür 2 peso pro Kopf kassiert, ist eine Ich-AG. Eine Lehrerein, die privat Englisch unterrichtet, ist es auch. Kubaner sind heute schon viel unternehmerischer als die Deutschen.

    Es gibt auch grosse Unternehmen, die leider den Ich-AGs keine Chance geben: die Militärs. Sie dürfen Hotels verwalten, Rinder schlachten und Importgeschäfte machen. Der Kubaner aus der Strasse darf es nicht.

    Es geht um die Chancengleichheit in dem Wirtschaftleben in Kuba. Wir wollen kein Geld von der Regierung in Havanna, keine Lohnerhöhungen, keine comedores, keine gratis Torte zum Eheschliessung (ja, die gibt’s noch). Nur die Verbote aufheben. Alles.

  3. Können denn aus (psychisch) wartenden Menschen erfolgreiche Kleinunternehmer werden wie es nach der „Aktualisierung des Sozialismus“ erlaubt werden soll? Erscheint doch irgendwie unwahrscheinlich – zumindest auf Dauer gesehen, die Energie für ein selbst geführtes Unternehmen aufzubringen und sich dann als einzelner mit einer staatlichen Bürokratie herumzuplagen, die von unabhängig agierenden Menschen keine Ahnung hat.

    Erinnert mich ein bisschen an damals, als man in Deutschland eine Ich-AG gründete, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, eben weil es nichts anderes gab – und dem Staat hat es geholfen, die Arbeitslosenzahlen zu beschönigen. Die meisten sind nach 3 Jahren eingangen als sie mit der realen staatlichen Abgabenlast konfrontiert wurden.
    (Sollen in Cuba nicht min. 20% der Belegschaft entlassen werden???)

    Aber vielleicht irre ich mich und es gibt doch berechtigte Hoffnungen in die dynamischen (individuellen) cubanischen Kleinunternehmer/innen ebenso wie in die standhaften, ideenreichen Menschen wie Yoani u.a. – und wenn sie die Hoffnung auf Erneuerung nicht aufgeben, dann will ich mich ihnen aus ganzem Herzen gerne anschließen.

  4. Weder die vollen Läden für Reichen noch die ewigen Schlange von Kuba sind gut. Das ewige Warten, das Normalität in Kuba geworden ist und unsere Psyche (!) verändert hat, kann ich nicht gut heißen. Unter keinen Umständen! Dass es Länder gibt, wo es den Menschen noch schlimmer als in Kuba geht, weiß ich mittlerweile. Und die Härte des Kapitalismus kenne ich auch … Das rechtfertigt aber lange nicht unsere nationale Katastrophe.

    Entschuldige Ricardo, aber der ständige Vergleich Kubas mit den noch ärmeren Ländern dieser Welt kommt mir wie eine Ablenkungsmanöver vor, die nur der Legitimierung der miserablen Lebensbedingungen auf Kuba dient. Nach dieser Logik kann man nur die Augen zumachen und warten bis der Tod uns alle holt. Bloß keine Anstrengung, keine Veränderung, denn woanders ist noch schlimmer …

    Dieser Gedankengang ist auf Kuba leider sehr verbreitet und zum Teil von der Regierung gewollt. Im Ausland, wenn wir Kubaner über das wahre Kuba erzählen, werden wir oft mit der Warnung über eine noch schlimmere Zukunft nach dem Stürz der Regime „neutralisiert“: Was denkst du, was auf Kuba los sein wird, die bösen Amerikaner warten nur darauf …

    Diese Vergleichslogik ist mir so zuwider, dass ich das Gespräch meistens an dieser Stelle abbreche. Für wie blind hält man mich eigentlich? Glauben sie dass ich ein Wohlstandsbübchen bin, der keine Ahnung von der Welt hat? Oder sollen wir Kubaner das schwere Kreuz des Sozialismus ewig tragen, geduldig und ohne Widerrede, nur weil das Kreuz des Kapitalismus noch schwerer sein mag?

    Wer diese Frage bewusst mit einem „Ja“ beantwortet, legitimiert ein für mich unerträgliches Regime. Mit ihm rede ich nicht mehr. Wer die gleiche Frage unüberlegt mit einem „Ja“ beantwortet, handelt oberflächig und weiß nicht wirklich, was meine Landleute schön über 50 J. mitmachen. Mit ihm bin ich bereit, weiter zu reden.

    PS: Entschuldige lieber Ricardo, dass ich gerade bei dir Luft machen musste. Deine Kommentare lese ich sehr gerne. Sie sind verdammt präzise formuliert. Dieser „Ausrutscher“ nehme ich dir nicht ernst, mi socio.

  5. Man fragt sich was ist besser: schlangen, oder volle Läden für die Reichen. Schliesslich in Rumänien oder auf Haiti gibt es keine Schlangen mehr.

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