Staubige Aufzeichnungen

autoviejo

Mehrere Tage lang übte ich mit meinem Sohn für seine Abschlussprüfungen der Sekundarstufe. Ich entstaubte meine Kenntnisse über Quadratfunktionen, Formeln zum Berechnen der Gesamtoberfläche einer Pyramide und Faktorteilung. Nachdem ich mich mehr als zwanzig Jahre nicht mehr mit diesen komplexen mathematischen Fragen auseinander gesetzt hatte, reaktivierte ich meine Neuronen, um ihm bei seiner Vorbereitung zu helfen und so die hohen Kosten für einen Nachhilfelehrer zu umgehen. Mehr als einmal während dieser Tage des Studiums war ich kurz davor aufzugeben, einfach weil die Zahlen nicht gerade meine Stärke sind. Aber ich widerstand.

Erst als Teo von seiner schwierigsten Prüfung mit der Aussage, es sei gut gelaufen, zurückkam, fühlte ich mich erleichtert. Viele seiner Klassenkameraden sind nämlich in Gefahr, die Klasse wiederholen zu müssen. Der Grund dafür ist, dass die Schüler auf der Mittelstufe in drei Jahren drei unterschiedliche Prüfungsverfahren über sich ergehen lassen mussten. Es traf sie auch die mangelnde Ausbildung der so genannten Ersatzlehrer und die langen Stunden Videounterrichts. Seit zwei Semestern hat die Gruppe, in der mein Sohn ist, weder einen Englisch- noch einen Informatiklehrer und die Sportstunde besteht aus einer Stunde Herumtobens auf dem Schulhof ohne Aufsicht. Die mangelnden Anforderungen und die schlechte Schulqualität haben dazu geführt, dass die Eltern die unzähligen noch verbleibenden Wissenslücken ihrer Kinder selbst stopfen müssen.

Glücklicherweise gehört die Schule von Teo nicht zu den schlechtesten. Obwohl der Toilettengeruch sich in Wänden und Kleidung eingenistet hat, weil niemand als Putzkraft für den Hungerlohn, den sie zahlen, arbeiten will, gibt es wenigstens nicht so viel Willkür wie an anderen Schulen von Havanna. Auch werden keine guten Noten ge- und verkauft und das empfinde ich als Erleichterung. Diese Praxis trifft man nämlich immer öfter in den Lehranstalten. Die Lehrer, die er hatte, sind trotz ihrer schlechten Ausbildung Menschen von umgänglichem Charakter, und die Elterngemeinschaft versuchte sie zu unterstützen. Im Vergleich mit den Problemen, die eine Freundin mit einer Tochter in einer polytechnischen Schule hat, könnten wir uns, was den moralischen Zustand der Sekundarschule unseres Sprösslings betrifft, glücklich schätzen. Wie sie mir erzählt, ist der Austausch von Sex zwischen den heranwachsenden Mädchen und den Lehrern zur Gewohnheit geworden, um eine Klasse zu bestehen. Jede Prüfung hat einen Tarif und wenige bleiben unbeeindruckt angesichts des verführerischen Angebots eines Handys oder eines Paares von Adidasschuhen im Tausch gegen eine hervorragende Note.

Ich habe bis jetzt das dornenreiche Thema „Niedergang des Schulsystems“ gemieden, weil ich, wie ich zugeben muss, befürchtete, dass mein Sohn unter den Meinungsäußerungen seiner Mutter leiden könnte. Während der drei Jahre, die er in der Unterstufe des Gymnasiums war, habe ich kaum ein paar kritische Äußerungen über den Zustand der schulischen Infrastruktur losgelassen, aber jetzt halte ich es nicht mehr aus. Sie werden die Akademiker von morgen sein, die Ärzte, die unseren Körper auf ihrem Chirurgentisch liegen haben, die Ingenieure, die unsere Häuser bauen, die Künstler, die unsere Seele mit ihrem Schaffen zu nähren suchen. Doch diese furchtbar schlechte Basisausbildung stellt all dies in Frage. Wir wollen uns nicht mehr damit zufrieden geben, dass unsere Kinder, solange sie die Schulbank drücken, wenigstens von der Straße weg sind und somit anderen Gefahren nicht ausgeliefert sind. Zwischen den Wänden der Klassenzimmer können sich sehr gravierende Untugenden, bleibende ethische Schäden und eine Mittelmäßigkeit alarmierenden Ausmaßes entwickeln. Angesichts dieser Situation dürfen die Eltern nicht länger schweigen.

Übersetzung: Iris Wißmüller
1096 clicks in den letzten 24 Stunden

Advertisements

Ein Gedanke zu „Staubige Aufzeichnungen

  1. Eigentlich bin ich auf meine Schulbildung ziemlich stolz. Ich vergleiche gern meine Schule mit der meiner Tochter, die ein Abitur in Deutschland mit hervorragenden Noten gemacht hat. Und ich muss sagen: die Kubanische Schule, meine Schule, schneidet fast immer besser ab. Vielleicht liegt das daran, dass ich schon in dem Alter bin, wo man alles von früher sowieso besser findet. Aber Fakt ist: am Ende der Gymnasialzeit hatten wir eine Vorstellung unserer Welt. Wir konnten mitreden und erzählen, und dafür mussten wir nur halb so viel pauken und auswendig Gelerntes rezitieren wie meine Tochter. Wir mussten nicht so viel Fleiß beweisen, wie meine Tochter in der deutschen Schule. Über unsere Kenntnisse der Naturwissenschaften und Fähigkeiten in der Mathematik kann ich nicht urteilen. In diesen Fächer war ich legendär schlecht. Aber was Literatur, Geschichte, Englisch und Geografie betrifft, konnten wir eine Menge. Als junger Mensch durfte ich mit DDR-Studenten Bekanntschaft machen. Ich habe darüber gestaunt, wie wenig sie über ihre eigene Literatur kannten, geschweige denn über die Weltliteratur, oder über unsere spanische. Faust und den heroischen Brecht – das konnten sie! Aber Faust hatten wir auch in der Schule … und Brecht übrigens auch! Doch ich habe den Eindruck, dass an dieser Misere nicht nur die damalige Ideologie schuld war. Meine Tochter hat zu West-Zeiten die Schule besucht und ihre humanistische Bildung lässt, gelinde gesagt, zu wünschen übrig …

    Wenn ich mich aber zurück besinne und an meine Schulzeit in der 70gern denke, merke ich sehr wohl, dass die Probleme, die heute Yoani anspricht, schon damals begonnen hatten. Meine Generation hat anfangs noch von der alten Garde profitiert. Wir kannten richtige Lehrer noch. Aber die improvisierten Lehrer, die im Schnellkochtopf schnell zubereitet sind, haben wir auch gekannt.

    Im Laufe der Jahre hielten die Jugendlichen in die kubanische Schule Einzug, die kaum 5 Jahre älter als wir waren, und den Lehrer vor der Klasse spielten. Sie studierten Lehramt in den zahlreichen Pädagogischen Instituten, die die Revolution damals überall gebaut hatte. Weil Lehrermangel auf Kuba herrschte, mussten sie wie richtige Lehrer in der Schule unterrichten.

    Wo bleibt die Autorität bei so einem geringeren Altersunterschied? Die notwengige Aura des Lehrers? Hinzu kommt, dass diese Kinder (unsere Lehrer) oft mit uns zusammen in den Schulinternaten auf dem Lande lebten, im gleichen Wohnheim wie wir hausten, und nicht selten im gleichen Schlafsaal wie wir schliefen. Auch Ihre Hemden, Zahnpasta, Schuhe, Schulbücher und Stifte wurden von den Schülern geklaut, und sie mussten auch uns beklauen, um den Verlust ihrer Sachen zu kompensieren. Sie mussten den gleichen Mist wie wir fressen, hatten den gleichen chronischen Hunger, der uns alle böse und erfinderisch machte … Sie hatten geradeso die Pubertät hinter sich, während wir mitten drin waren. Sie waren in die gleichen Mädchen oder Jungs wie wir verliebt. Jeder, der denken kann, kann sich den Rest denken …

    Der Verfall der Sitten in der kubanischen Schule, der Verlust der Autorität des Lehrers und der Tausch der Noten gegen Fleisch haben damals schon begonnen. Das, was Yoani erzählt, ist nicht von heute. Die Befürchtung, die sie hat, dass in den Schulen sich was Schlimmes entwickelt, kann ich nicht so recht verstehen. Es ist alles längst verdorben und zu retten gibt es mittlerweile wenig. Was dies betrifft bin ich radikaler als Yoani.

    Die berühmte Freizügigkeit der Kubanern in Puncto Sex, die Käuflichkeit der Gefühle, die die Ausländern an uns so lieben, lassen sich durch unser kollektivistisches Schulsystem erklären. Ich bin fest der Überzeugung, dass die Schulinternate der Revolution, die mittlerweile als Fehlentscheidung abgeschafft wurden, unsere Sitten grundlegend verändert haben. Zum Negativen. Der heutige Kubaner ist ein trauriges Produkt dieser Einrichtungen. Dort sollte eigentlich Der Neue Mensch geerntet werden, in ideologischer Monokultur, frei vom Einfluss des Bürgertums und der Familie. Nun haben wir ihn.

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s