Fischaugen

Sie sind da, um uns zu beobachten und uns aufzunehmen. Dutzende, Hunderte von Kameras, verteilt auf die ganze Stadt, so als ob die Lastwagen voller Polizisten nicht schon genügen würden, die CDR* in jedem Viertel und die Sicherheitsbeamten mit ihren karierten Hemden. Sie sind mit einer Effizienz installiert, die man selten bei irgendeinem Projekt zum Wohl der Bevölkerung sieht. Die hoch entwickelten Geräte tauchen ebenso in einer Straße auf, wo die Hälfte der Häuser am Einstürzen ist, wie in den modernen Tourismusenklaven oder in der luxuriösen 5. Avenue. Sie erfassen jemanden, der mit Rindfleisch handelt, der Drogen verkauft oder eine Goldkette entreißt. Aber sie beobachten auch diejenigen, die keine Waffen unter dem Bett, sondern Meinungen in ihrem Kopf haben.

Am Anfang, als diese “Fischaugen” überall installiert wurden, schufen sie unter den Habaneros ein Gefühl der Lähmung. Ich weiß noch, wie ich die blinden Flecken suchte, wo ihre Glaslinsen mich nicht erfassen konnten. Später wurde ich etwas lockerer und lernte, mit ihnen zu leben, allerdings verspürte ich immer noch diesen Kitzel im Nacken, den das Wissen, beobachtet zu werden, hervorruft. Unter den Spekulationen, die um diese Filmapparate kreisen, gibt es auch folgende: sie besäßen ein anthropometrisches Erkennungsprogramm für Gesichter, die schon in einer Datenbank gespeichert seien. Aber solche Bemerkungen könnten genauso gut zum Phantasiebereich gehören, der sich um alles Neue rankt.

Diese Kameras in der Öffentlichkeit, eine Materialisation der orwellschen Fernsehbildschirme, haben eine neue Kinowelt ins Leben gerufen. Obwohl sie grundsätzlich automatisch funktionieren, haben einige Leute ihren Inhalt in die alternativen Informationsnetzwerke eingespeist. Dutzende von Bildern entspringen den Polizeiarchiven und zirkulieren jetzt in diesem Moment mit Hilfe der USB-Sticks. Videos, in denen man sieht, wie wir gegen das Gesetz verstoßen und überleben, stehlen und rebellieren. Minuten von polizeilicher Gewaltanwendung, von Autounfällen und Prostitution zwischen sehr jungen Burschen und Touristen, die doppelt so alt sind. Ein kompletter Querschnitt von beeindruckenden Sensations- und Gewaltfilmen, der seit Wochen von einem Bildschirm zum anderen wandert, von Handys zu DVD- Spielern überspringt.
Ohne es zu beabsichtigen, hat die Polizei uns das härteste Zeugnis, das man über unsere Gegenwart ablegen kann, zur Verfügung gestellt. Eine Szenenfolge, die ohne Zweifel in dem visuellen Gedächtnis dieses Landes gespeichert bleibt.

Anm. d. Ü.
* Comité de Defensa de la Revolución. Komitee zur Verteidigung der Revolution, 1960 gegründete kubanische Massenorganisation, die sowohl soziale Aufgaben als auch Spitzelaufgaben übernimmt.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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4 Gedanken zu „Fischaugen

  1. Ich sehe das genau so wie Ernesto. Im übrigen hat man es ja bei der Stasi gesehen, wohin die Informations-Sammelwut letztendlich führt- in den eigenen Untergang, denn kein Apparat kann sie wirklich auswerten. Da finde ich diese Art der privaten Verwertung ja noch nict mal soooo schlimm…

  2. Ehrlich gesagt, ich habe das Video auch nicht verstanden. Aber ich glaube, das ist auch nicht so wichtig. Viel interessanter ist der Fakt, dass diese Aufnahmen einfach so in der Bevölkerung kursieren, von Handy zu Handy springen und auf USB-Sticks quer durch das Land surfen können. Ich will mir nicht ausmalen, was in Deutschland los wäre, wenn jemand die Aufnahmen der Videoüberwachung eines Parkhauses oder einer regionalen Sparkasse als „Videoclip“ verkaufen würde. Aber was soll der Vergleich? Kuba spielt in einer anderen Liga, und zwar in einer, wo keine Wunder mehr gibt und nur die Gesetze der Groteske gelten.
    Möglicherweise wird mit den Alltagsvideos – als realshow – sogar gehandelt! Mich würde das nicht wundern. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Sicherheitsmänner die geilen Videoclips für ein paar centavos verkaufen und damit ihr eigenes Unterhaltungsgeschäft betreiben. Wer Kuba kennst, weißt dass viele, fast alle, die staatlichen Geschäfte als private Geschäfte nutzen. Die Sicherheitsmänner haben begrenzte Möglichkeiten ans Geld ranzukommen. Sie verdienen überdurchschnittlich gut und oft verkaufen sie an Dritten die Extraportion Essen, etwa die fetten Hähnchen, die sie vom Staat für ihre Dienste bekommen, aber sonst sind sie in Sachen Geld verdienen relativ schlecht dran. Der Handel mit den Videoclips kann gut für sie als „zweites Standbein“ funktionieren.
    Aber was noch interessanter: Was werden Kubaner mit den Kameras machen, zu was werden sie durch die Leute umgebaut, welche Teile davon werden künftig im Schwarzmarkt auftauchen, und vor allem in welcher Gestalt werden sie erscheinen? Ich bin mir sicher, da werden wir Kubaner mit Kreativität wieder glänzen. In 2 bis 3 Jahre sind all diese Highttech-Importen „außer Betrieb“. Da nehme ich Gift drauf! Sie werden an Klimaunerträglichkeit und am Ersatzteilemangel erstmal aussterben, dann werden sie geklaut, zerlegt und die Teilen einzeln weiter als wer weißt was verwendet. Aus den Linsen werden womöglich Dolce & Gabbana Sonnenbrillen entstehen, oder sie werden als Rohstoff für die Herstellung vom Touristenkitsch verwendet. Achten Sie darauf, wenn Sie in 2-3 Jahre nach Kuba fliegen und durch den Touristenmarkt in Varadero spazieren gehen: In meinem Land geht nichts verloren und alles, was geklaut wird, tauch irgendwann wieder auf …

  3. Mit den Überwachunskameras haben wir auch im Kapitalismums zu tun. Allerdings hat hier niemand versprochen einen NEUEN MENSCHEN (hombre nuevo) zu erzeugen, jemanden der auch ohne Überwachung sich anständig verhält.

    Wir dürfen wir mit Rucksack ins Supermarkt. Die kubanischen „hombres nuevos“ dürfen es nicht.

  4. Ich habe den Videoclip nicht verstanden. Bisher fasse ich es so auf das es ein öffentlicher Bus ist und links die Leute an der Sperre warten bis sie zum Einsteigen durchgelassen werden,also wahrscheinlich ein Busbahnhof.
    Dann drängelt sich noch Jemand ohne Erlaubniss durch die Sperre um mitfahren zu können zumal sich die Wartezeit auf den nächsten“Guagua“ in die unbestimmbare Länge ziehen kann.
    Die Ordner stoppen ihn,er geht zur hinteren Tür,dann entwickelt sich diese Prügelei.

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