Ich werde nach Jequié fahren

virgen

Nach einer Absage versucht es die Mehrheit der Leute, die eine Reiseerlaubnis beantragen, nicht noch einmal. Wenige, sehr wenige beharren weiterhin darauf, nachdem sie schon mehr als drei Mal den knappen Satz gehört haben: „Sie haben keine Reiseerlaubnis“. Nur eine Hand voll Dickköpfe, zu denen ich mich rechne, geht trotzdem wieder zum Einwanderungs- und Ausländeramt (DIE), um die so genannte weiße Karte zu verlangen, obwohl sie ihnen schon bei vier Gelegenheiten verweigert worden ist. Auch wenn es mit jedem neuen Antrag scheint, dass die Möglichkeit in noch weitere Ferne rückt, verspüre ich den Impuls, eines klar zu stellen: schuld an meinem Eingesperrtsein auf dieser Insel soll nicht sein, dass ich nicht alle legalen Wege ausgeschöpft hätte.

Mit dieser Einstellung, das Unmögliche zu versuchen, habe ich mich einem weiteren Behördengang zum DIE im Stadtteil Plaza unterzogen, um in die Stadt Jequié-Bahía in Brasilien zu reisen. Im Juli findet dort ein Dokumentfilmfestival statt, bei dem ein junger Regisseur einen Kurzfilm über kubanische Blogger präsentieren wird. Wenn ich es versäume, dann deswegen, weil ich das sechste „Nein“ in kaum zwei Jahren als Antwort erhalten habe. Wie bei all den vorhergehenden Behördengängen ist das Einladungsschreiben rechtzeitig gekommen, mein Pass ist gültig und mein Strafregister ist immer noch sauber. Theoretisch erfülle ich alle nötigen Voraussetzungen, um die Staatsgrenze zu überschreiten. Ich gebe allerdings immer noch kritische Meinungsäußerungen von mir und das macht mich bereits zu einer besonderen Art von Delinquenten.

Ich habe beschlossen, für diese Reise an so viele Türen wie möglich zu klopfen. Ich schickte sogar einen Brief an den brasilianischen Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva. Wer weiß, vielleicht hat die Regierung meines Landes, die kaum Forderungen ihrer eigenen Bürger zu hören bekommt, offene Ohren für die Worte eines ausländischen Würdenträgers. Meine Freunde deuten an, dass ich bereits ein Teil der „unbeweglichen Betriebsmittel“ geworden sei mit einer Blechnummer auf den Schulterblättern wie diese Möbel, die zum Inventar von staatlichen Behörden gehören. Angesichts solcher Scherze bleibt mir nur, zu schmunzeln und die Verzweiflung mit einem netten Wortspiel abzuschütteln: „ich werde (wegfahren), ja … ich werde mich daran gewöhnen da zu bleiben“*.

Anm. d.Ü.
* me voy heißt hier „ich fahre weg“ und „ich werde (mich daran gewöhnen)“. Dieses Wortspiel ist im Deutschen nicht nachzuahmen.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

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2 Gedanken zu „Ich werde nach Jequié fahren

  1. The Castro brothers’ regime systematically denies the right of Cubans to travel freely. This is only one of many rights denied to them. Cubans can’t legally leave or reenter the country without regime authorization. Cubans who apply to emigrate lose their belongings and homes. Those who fail to escape illegally are sent to prison.

  2. Die Angst vor diesen Behörden steckt uns allen in den Knochen. Ich lebe im Ausland fast 25 Jahre und jedes Mal, wenn ich nach Kuba reise, bekomme ich es mit der Angst. Mir ist bewusst, dass sie die absolute Macht über uns haben, selbst wenn wir ein freies Leben im Ausland führen (wir dürfen einreisen nur mit einem gültigen kubanischen Pass, mein deutscher Pass zählt bei der Einreise nicht), dass sie uns keine Erklärung schuldig sind, dass wir immer lächeln und uns mausen still in jeder Situation verhalten sollen. Denn sie sind uns immer überlegen. Und das Schlimmste, finde ich, ist wenn der Beamte sich „menschlich“ zeigt. Manchmal fangen sie ein privates Gespräch mit dir an. Sie werden überfreundlich und stellen Fragen, die nichts zur Sache tun, sie kleben an dich so ekelhaft. Und du weißt nicht, wie du diese Annährungsversuche deuten soll. Wollen Sie von mir Informationen bekommen? Wollen sie vielleicht bestochen werden? Sind sie vielleicht nur Menschen und haben wahres Interesse an dich? Ich kann mich gut erinnern an einen Bekannten, auch Kubaner, der diese „Plaudereien“ am Immigrationsschalter des Flughafens satt hatte, so richtig satt. Die Beamten fragten ihn oft, wo sei seine Frau, warum kommt sie nicht zu Besuch nach Kuba usw. Ein Mal verlor er die Beherrschung und sagte abrupt: ich habe keine Frau mehr, ich bin schwul und mit einem Mann in Deutschland verheiratet. Man kann sich gut das Gesicht des uniformierten Machos vorstellen. Er stellte keinen weiteren Fragen und ließ meinen Bekannten durch…

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