Das iPhone von Rosa Díez

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Vor ein paar Tagen bescherte mir das Internet einmal mehr ein paar erfreuliche Überraschungen. Ich war mitten in einem Behördengang mit dem Versuch, aus Kuba auszureisen, als mein Handy klingelte und eine Stimme mit madrilenischem Akzent mich bat, sich mit ihm zu treffen. Ich wusste nicht, wer dieser Mann war, weil gerade ein Lastwagen vorbeifuhr, als er sich vorstellte. Aber ich sagte ihm zu, dass um 16:30 frischer Kaffee auf ihn und seine Freunde im 14. Stock dieser Betonmasse auf ihn warten würden. Eine halbe Stunde später erhielt ich eine SMS einer Kommentatorin von Generación Y, in der stand, dass schon in allen digitalen Foren die Nachricht kursierte, dass Rosa Díez mich besuchen würde. Nur so konnte ich das Rätsel dieses mir unverständlichen Anrufs lösen, und ich sagte belustigt zu Reinaldo: „Unser reales Leben passiert einige Stunden später als unser virtuelles“.

Schließlich erfüllte sich die Vorhersage aus dem Netz und die Sprecherin der spanischen Partei Union Fortschritt und Demokratie (Unión Progreso y Democracia, UPD) klopfte an meine Tür. Wir sprachen miteinander wie alte Bekannte, die sich nach langer Zeit wieder finden und sich an einer Weggabelung treffen, um sich von den Steinen, den Höhlen und den Sonnenuntergängen zu erzählen. Wir tauschten Energie aus, denn glaubt mir, diese kleine, dünne Frau strahlt einen Enthusiasmus aus, den ich bislang nur in sehr jungen Leuten gesehen habe. Unser Hauptthema war Kuba, diese Insel, auf der es genug Platz für alle gibt, die aber zu einem exklusiven Terrain für diejenigen gemacht werden soll, die einer bestimmten Ideologie folgen. Ich erzählte ihr von meinen Bedenken, aber ich hatte auch Zeit, ihr detailliert meine Hoffnungen darzulegen und meine positiven Prognosen aufzuzählen. Und sie hörte uns zu, ohne uns missionieren zu wollen.

Bevor sie ging, rief Rosa Díez in ihrem iPhone die Website der UPD auf. Auf dem glänzenden Bildschirm erschien eine moderne Website, hervorgehoben in Magenta, die fast täglich aktualisiert wird. In den Wänden dieser kleinen Wohnung, die schon Dutzende von Kubanern vom Internet haben reden hören, als sei es ein mythischer Ort, der unerreichbar ist, hat uns dieses kleine technische Gerät ein Stück Cyberspace geschenkt. Für uns, die wir während der Academia Blogger mit einem Server arbeiten, der das Internet simuliert, wurde es plötzlich möglich, die Kilobytes durch unsere Hände fließen zu spüren. Ich verspürte den dringenden Wunsch, mit Rosa Díez‘ iPhone davonzulaufen, mich in meinem Zimmer zu verschanzen und all die Seiten aufzurufen, die im kubanischen Netz blockiert sind. Eine Sekunde lang wünschte ich, es behalten zu können, um mein eigenes Blog bearbeiten zu können, das in den Hotels und Internet-Cafés immer noch zensiert wird. Aber ich gab es ihr zurück, allerdings sehr niedergeschlagen, das gestehe ich.

Für einen Moment erschien mir die kleine Fahne, die an meiner Tür hängt und für „Internet für alle“ plädiert, nicht mehr so träumerisch. Eine unermüdlich webende Spinne namens Rosa hatte uns den dünnsten aller Fäden des großen weltweiten Netzes gezeigt.

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2 Gedanken zu „Das iPhone von Rosa Díez

  1. Interessant, dass dieses Internetfähige Handy überhaupt funktioniert hat. Das erste Mal, dass ich es höre. Bisher war ich der Meinnung, dass ETECSA das mobile Internet nicht anbietet,

    Oder hat die Spanierin eine gespricherte Webseite nur off-line gezeigt?

  2. Das ist wieder ein menschlich schöner Artikel von Yoani! Wenn ich das lese, kommt mir die Erinnerung hoch. Menschen, die wie ich im Sozialismus aufgewachsen sind, dürften dieses Gefühl noch sehr gut kennen. Es ist ein Gefühl, welches an einen Minderwertigkeitskomplex grenzt. Wir mussten Westler für Dinge bewundern, die überhaupt keine Bewunderung verdient hätten, weil sie eben Dinge waren … Ich kenne weder diese Spanierin namens Rosa Díez noch die Partei, die sie vertritt, aber ich bin mir fast sicher, die Dame kann einer Yoani Sánchez das Wasser nicht reichen, in keiner Hinsicht. Vielleicht tue ich jetzt der spanischen Politikerin großes Unrecht, aber mich ärgert immer noch, dass eine Frau mit dem Intellekt von Yaoni, irgendeine Ausländerin für so etwas Normales wie der Besitz eines internetfähigen Handys bewundern soll. Sie zeigt ihr das kleine Wunder, sie darf es für einen Moment nutzen und dann „Her damit!“. Ich weiß noch, wie es mir ging, wenn Westdeutsche im „Interflug“ von Havanna nach Berlin den Dutyfree-Shop mit einer Selbstverständlichkeit in Anspruch nahmen, wären wir sozialistische Bürger mit dem Augenwinkel zugucken durften … Und wenn man hingehört hat, worüber sich diese bessere Menschen, die Kaugummis kauten und Marlboro rauchten, unterhielten, dann kam automatisch die Frage: Warum die und nicht ich? – Sie sind, wenn überhaupt, Menschen wie du und ich.

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