Die Quadratur des Kreises

cerveza
Ein Freund machte mich auf die seltsamen farbigen Punkte auf den Böden der Bier- und Limonadedosen aufmerksam, die in den Cafeterías und Restaurants verkauft werden. Ich betrachtete es genauer, und es stimmte. Der Punkt war auf einigen Dosen rot, und blau oder grün auf anderen. Ich habe weiter gesucht, auch auf den leeren oder halb zerdrückten Dosen im Recyclinghof, und der merkwürdige „Stempel“ war auf einem Großteil von ihnen zu finden. Die Konturen haben nicht die Präzision einer Etikettiermaschine, sondern eher den wackeligen Strich einer Hand, die etwas Verbotenes tut.

Nun, auch wenn es nach einer Kleinigkeit aussieht, hinter diesem bunten Punkt steckt ein lukratives Netzwerk, das die staatlichen Unternehmen dazu nutzt, seine eigenen Produkte zu verkaufen. Die Angestellten in der Gastronomie kaufen die Getränkedosen in den CUC-Läden und verkaufen sie dann – in dem Geschäft, in dem sie arbeiten – mit einem Gewinn von 10 bis 50% des Ausgangspreises. Während ihres Arbeitstages verkaufen sie bevorzugt ihre „eigenen“ Produkte, und verzögern so den Verkauf der staatlichen Dosen. Am Ende des Tages erzielen sie mit der Summe der einzelnen Centavos viel höhere Dividenden, als sie je mit dem symbolischen Gehalt in kubanischen Pesos verdienen.

Also kennzeichnen die farbigen Punkte, wem das Getränk gehört, das verkauft wurde. Die des Managers des Lokals könnten rot sein, die Kellnerin markiert mit blau und der Koch hat sich womöglich für einen orangefarbenen Punkt entschieden. Jeder bekommt seinen Teil, sonst läge ja kein Sinn darin, früh aufzustehen, mit einem überfüllten Bus zu fahren und acht Stunden zu arbeiten, nur um am Ende des Monats umgerechnet 20 USD zu erhalten.
Es gibt auch Schwarzbrauereien, in denen die Biere Bucanero und Cristal hergestellt werden, die genau so aussehen wie die Originale. Kaum einer der langjährigen Biertrinker bemerkt den Unterschied. Diese Nachahmungsindustrien befinden sich in Häusern, die aussehen, als wohnte eine Familie darin und in den Zimmern schnalzt eine hausgemachte Dosenmaschine, wenn sie die Dosen schließt. Diese Produkte werden die vom Staat hergestellten ersetzen, sie werden diesem Großen Boss die unfairste Konkurrenz sein, die es geben kann und außerdem werden sie einen Großteil der Kunden hereinlegen. Ein verworrenes Netzwerk des Fälschens und Wiederverkaufens, das das gestörte System der Zentralisierung untergräbt und die Verdienste auf Tausende von privaten Geldbeuteln umleitet.

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6 Gedanken zu „Die Quadratur des Kreises

  1. Der Link von Barbara ist auch interessant. Es handelt sich hier um das sehr (!) umstrittene Konzert von Juanes in der Plaza de la Revolución in Havanna. Das Konzert fand wenig Zustimmung der Opposition. In Miami wurden die Platten des Kolumbianers mitten auf der Straße demonstrativ zerschlagen, aber in Kuba wurde das Friedenskonzert (Concierto por la paz) als ein Segen Gottes aufgenommen. Endlich ein wenig Unterhaltung für die Kubaner, Schönheit und Ästhetik in diesen grauen Zeiten! Schade nur, dass das Friedenskonzert in der Plaza de la Revolución stattfand, wo systematisch alles andere als Frieden, nämlich Volksverhetzung, gestiftet wurde – so ungefähr die Argumentation von Yoani dazu. Andere fragten sich mit Recht: Warum ein Friedenskonzert auf Kuba? Auf Kuba findet doch kein Krieg statt, Kuba hat ganz andere Probleme, genau gesagt, fehlende Freiheit, Spaltung und Verfeindung der Nation. Viel mutiger wäre es gewesen, ein Freiheitskonzert zu veranstalten, ein Konzert mehr Toleranz, für die Einigung der kubanischen Nation, ein Konzert, wo auch verbotene kubanische Künstler wir Willi Chirino, Arturo Sandoval oder Pedro Luis Ferrer einen Platz hätten … Fast alle kubanische Künstler, die auf diesem Konzert mitgewirkt haben, sind linientreue oder politisch harmlos für die Regierung. Fast! Denn es gab eine Ausnahme: Carlos Varela, der Mann mit dem Hut, der am Ende des Videos zu sehen ist. Er war der einzige, der mit einem schwarzen Hemd auftrat, worauf provokativ stand: Ich habe einen schwarzen Hemd an! Wenn das nicht eine Botschaft ist! Wenn das nicht eine Demaskierung der Friedenshow ist! Carlos Varela hatte darüber hinaus den Mut, sein Lied über die Wahrheit zu singen. Keiner, weder Politiker noch Gott, hat über die Wahrheit das Monopol – so seine Botschaft, sinngemäß. Carlos Varela hätte auch ein Liebeslied aus seiner letzten CD „Siete“ singen können, aber nein, er sang, sein bekanntes Lied über die Wahrheit, eigentlich Sprengstoff in einem Land wie Kuba!

  2. @ricardo: danke für den Link Los Aldeanos. Ich kannte die Band nicht. Yoani erwähnt sie hin und wieder in den Twitters, die auf den spanischen Seiten von Generación Y, aber ich kannte sie nicht. Kein Wunder, der Text ist ganz dicht an die Realität Kubas und ist eigentlich pure Opposition. So etwas wird in Kuba nicht publik gemacht. Künstlerisch möchte weder den Text noch die Musik dazu beurteilen. Hier geht es um etwas anderes, um den Mut, die Dinge so zu nennen wie sie genannt werden müssen. Das ist die Musik, die die kubanische Jugend von heute versteht und braucht. Diese Jugend hat nur Wut, für Dichtung, für den Text zwischen den Zeilen hat sie keinen Sinn mehr. Sie kann nur jaulen (perrear) und brüllen.

  3. @ Nicki: Selbst als Kubaner erlebe ich in meinem Land immer wieder etwas Neues, Unerwartetes. Ich denke, ich kenne alle Tricks, nichts kann mich erschrecken und sehe da, ich werde von Ideenreichtum der Kubaner aufs Neue überrascht. Nichts ist auf diesem Land sicher, nichts ist dort echt. Das muss man wissen, dort gibt es nur eine gefälschte Realität. Selbst das Reale ist dort mehrfach gefälscht und die Suche nach dem Wahren, Realen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Darum schreibt Yoani von der Quadratur des Kreises …

  4. Ich hatte nicht gedacht wie unüberschaubar der schwarze Markt ist. Bisher schien es ziemlich klar,die auf der Strasse feilgebotenen Zigarren sind natürlich illegal hergestellt und in den Läden gibt´s die Echten.
    Casa Particulares müssen äusserlich gekennzeichnet sein und innen muß man sich in eine Liste für die Behörde eintragen und weiß dadurch das es eine legale Unterkunft ist.
    Nach diesem Bericht kann ich mir nun doch nicht so sicher sein ob die „Tropi-Cola“ z.B. nicht so ähnlich wie die Zigarren in irgendeinem Privathaushalt mit geklauten Material hergestellt werden weil da die selben Schicksale dahinter stecken wie von Einem der mich zum Kauf seiner schwarzhergestellten Zigarren überreden wollte um Milch für sein kind zu kaufen.

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