Twitter: Dieses wilde Tier

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Gestern Abend besuchte mich ein Freund, der in Las Villas lebt. Um in die Hauptstadt zu kommen, muss er erst die Transportprobleme lösen und den ihn umgebenden Bewachungsring überwinden. Er erzählte mir, er sei vor einigen Monaten festgenommen worden und man habe ihm das Handy einige Stunden lang weggenommen, bis ein schlecht gelaunter Polizeibeamter mit dem kleinen Nokia in der Hand erschienen sei. „Jetzt hast du wirklich Probleme“ wiederholte der Oberleutnant der Staatssicherheit immer wieder, der ihn in jener Polizeistation festhielt. Der Grund für diese alarmierende Botschaft war, dass in seiner Telefonliste ein Eintrag unter der Bezeichnung Twitter mit einer Nummer von Großbritannien* stand.

“Keiner kann dich mehr vor 15 Jahren Gefängnis retten“, drohte ihm der Polizist und bekräftigte, es sei ein enormes Verbrechen, jemandem mit einem so seltsamen Namen, der außerdem so weit entfernt wohnt, eine SMS zu schicken. Er weiß nicht, dass der Weg, unsere Tweets in den Cyberspace zu schicken, einfach darin besteht, bloße Textbotschaften über einen Mobilfunkdienst zu versenden. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass unsere kurzen Texte, anstatt in die Hände eines Mitglieds des britischen Geheimdienstes, zu diesem blauen Vogel gelangen werden, der mit ihnen durch den Cyberspace fliegt. Es ist richtig, dass es sich um einen Blindflug handelt und dass wir keine Antworten oder Leserkommentare lesen können, aber wenigstens erzählen wir in 140 Zeichen etwas von der Insel.

Da sie immer an konspiratives Verhalten, Agenten und Verschwörungen denken, haben sie noch nicht kapiert, dass die Technologie jeden Bürger inzwischen zu seinem eigenen Verbreitungsmedium gemacht hat. Es sind nicht mehr die ausländischen Korrespondenten, die eine bestimmte Nachricht vor den Augen der Welt verbreiten, sondern es sind unsere Cyberspace-Flüge mit Twitter, die immer mehr zu Informationsquellen werden. Mein Freund erzählt es mir auf seine Weise:“ Yoani, als wir nach Havanna kamen, hatten wir eine große Operative hinter uns. Ich verfasste schon im Vorfeld eine SMS, um darauf aufmerksam zu machen, falls sie uns verhaften.“ Vielleicht war es das glänzende Display von Nokia oder die Überzeugung, dass zwischen Verfolgtem und Verfolgern etwas Neues passiert, was verhinderte, dass sie ihn in einen Streifenwagen steckten. Wenn sie ihn abgefangen hätten, hätte ein kurzer Tastendruck seinen Schrei im Netz verbreitet und das berichtet, wozu die internationale Presse Stunden gebraucht hätte, um es in Erfahrung zu bringen.

Ich verabschiedete ihn an der Tür und er hielt sein Handy in der Hand wie eine sanft leuchtende Taschenlampe. Ein bereits vorbereiteter Text im Ordner „Entwürfe“ würde ihn vor den Schatten schützen, die auf ihn dort unten warteten.

* Unter den Diensten, die Twitter anbietet, gibt es auch die Möglichkeit für diejenigen unter uns, die keinen Zugang zum Internet haben, via SMS etwas zu veröffentlichen. Das geschieht über eine Servicenummer, an die man die Nachrichten schickt, die dann sofort im Posteingang des Nutzers erscheinen.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

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10 Gedanken zu „Twitter: Dieses wilde Tier

  1. Liebe Anne, ich habe deinen Beitrag sehr aufmerksam gelesen. Ich danke dir unendlich für die schöne Worte. Ich glaube, du hast das Gute, das Große an uns Kubaner gefunden. Die wahre Seele meines Landes erleben leider nicht viele, aber wer sie erlebt hat, ist fürs Leben glücklich. Ich würde mich freuen, von dir ab und zu hier zu lesen. Schön!

  2. Ernesto / sabbi > wirklich spannend eure Berichte zu lesen. Vieles kommt mir so direkt entgegen, kann ich unterstützen und wünschte ich könnte mich mit euch an einen Tisch setzen und diskutieren. Viele meiner Bekannten quälen mich mit den Argumenten : In Kuba kann doch niemand verhungern wie in andern Ländern Südamerikas oder Indiens..die haben doch ihr Büchlein ihre mind. Ansprüche auf Nahrung…aber ich habe es anders erlebt während meines Aufenthaltes. Bitterhart ist es mir vorgekommen zu sehen wie die Leute tägl. um Essen kämpfen müssen. Habs selber erlebt, wenn man nicht mit den Tpouristen mitzieht sondern sich Mitten unters Volk mischt…Ich habe sie alle bewundert und tu es täglich in Gedanken an sie wenn ich vor den vollen Regalen stehe meine gewissen beruhgen muss und denke: In Kuba könnten sie einen grossen Teil davon gebrauchen. Vorallem Milchprodukte für die Kinder und zwar genug… ach und da kommt immer wieder diese Wut auf einen Fidel der, so traue ich mich zu glauben sein Volk sein Land gar nicht liebt. Es kann sich nur um einen grossen Egoisten handeln der schon fast Grössenwahnsinnig seine Ideale leben wollte und total versagt hat…ja völlig versagt, denn das was in Kuba zu sehen ist, das müsste mind. zu einer Kapitulation führen. Ja versagt hat er dieser Fidel und ich finde das ganze Getue um Che auch absolut geschmacklos..besonders wenn man bedenkt wie lange er schon tod ist und diese Kult um ihn. Ich war auf meiner Reise durch Kuba schon fast genervt ob der vielen Che Präsenz…hab dann auch mal ausgerufen und gesagt im xten Museum der Revolution was es eigentlich in diesem Land aus der Gegenwart zu zeigen gäbe..wo denn die Kultur und die Entwicklung der letzten paar Jahre sich äusserten…aber da kamen mir schon ein paar strenge Blick entgegen und ich habe dann beschlossen mein Spanisch für Gespräche mit dem Volk einzusetzen.
    Ich habe das Glück dass ich ein paar tolle Menschen getroffen habe mit denen ich nun wenns für sie möglich ist Mail Kontakt pflegen kann und denen ich halt auch wo und wann immer möglich Kleinigkeiten und Geld zukommen lasse. Wenn ich mir schon nur vorstelle dass Häuser die den Regen durchs Dach durchsickern lassen nicht repariert werden können weil ganz einfach kein Material zu finden, geschweige denn bezahlt werden kann. Und das obwohl die Menschen täglich arbeiten. Grundeinkommen ist im Sozialismus kein wirkliches Thema..das aber wäre sozial! Ja die Kubaner im Ausland sind das Kapital des Landes…und der Staat nimmt wirklich stinkfrech einen grossen Teil. Wie macht ihrs? Sendet ihr Bargeld oder lasst ihr euch vom Staat abzocken? Gibt es eine Möglichkeit das zu umgehen?
    Ich bedanke mich bei euch für eure offenen und ehrlichen Worte…ihr seid wirklich gute Menschen…das muss ich meinen kubanischen Freunden auch immer wieder sagen..die haben soviel Herz…so fühlt man sich trotz weiter Ferne stark verbunden. Und ich kann nur hoffen und wünschen dass dieses Eingesperrtsein bald einmal ein Ende hat…aber das ist dann erst der Anfang einer weiteren Leidenszeit, denn die Umstellung wird auch noch ihren Preis haben.

  3. So ist richtig liebe(r) Sabbi. Aber weiß du was? Ich verrate dir, auch wenn du enttäuscht bist, viele Kubaner haben mittlerweile die Hoffnung auf einen Umschwung verloren. Dazu gehöre leider ich auch. Trotzdem kämpfe ich weiter, und nenne die Dinge so, wie sie nach meiner Auffassung genannt werden müssen. Mir ist wichtig, dass in die Menschen hier eine differenziertere Haltung zum Urlaubsparadies Kuba annehmen, dass sie mit dem oberflächigen Nachplappern von linker Propaganda aufhören. Diese Oberflächigkeit empfinde ich als respektlos meinem Volk gegenüber. Nur weniger wollen wissen, was meine Landsleute wirklich mitmachen. Sie geben sich mit Klischees zufrieden und basta.

  4. Danke Ernesto, für Deine ehrlichen und ergreifenden Worte!
    Also machen wir weiter so, und hoffen und warten auf den Umschwung auf Kuba! Unterstützen wir Yoani und all die anderen Mitkämpfer!

  5. Sabbi: Zum Thema „Geld und Sachen nach Kuba schicken: ja oder nein“ kann ich nicht viel Kluges sagen. Das Dilemma haben wir alle. Die meisten von uns Kubaner entscheiden sich trotzdem für die finanzielle Unterstützung ihrer Familien. So tue ich das auch, obwohl ich weiß, dass eine der wichtigsten Einnahmequelle der Regierung das Geld aus dem Ausland ist, welches von Menschen verdient wird, die das Land wegen dieser Revolution verlassen mussten. Das ist der genialste Schachzug Fidels: Er hat uns raus geschmissen, wir hassen ihn mindestens genauso wie er uns alle hasst, und wir bringen ihm das Geld nach Hause. Die Kubaner im Ausland sind das Kapital des Landes, das ist das Einzige, was die wirklich haben. Trotzdem können wir nicht zusehen, wie unsere Eltern und Geschwister in der Misere leben, während wir, zwar mit schlechtem Gewissen, im Wohlstand ständig am Körpergewicht zunehmen. Ich bin nicht bereit, meine Eltern dem Kampf gegen Fidel zu opfern. Sie waren die besten Eltern dieser Welt und sie sind heute alt und zerbrechlich. Ich bin ein politisch aufgeklärter Mann, aber vor allem ein guter Sohn, ein Mensch eben.

  6. Oscar: vielen Dank für den Link „penúltimos días“. Ich kannte diese Seite nicht. Sie ist recht interessant, ich werde sie öfters besuchen. Was das Telefonieren ins Ausland über Handy betrifft, da kann ich dir eine merkwürdige Geschichte erzählen. Meine Schwester hat neuerdings ein Handy für absolute Notfälle. Als ich im Februar auf Kuba war, wollte ich ihre Nummer natürlich haben. Wir saßen bei unseren Eltern in der Küche und ich ließ mich von ihr „anklingeln“, so dass ich die Nummer nicht per Hand eintragen musste. Und weißt du was passierte? Die Nummer, die auf dem Display meines deutschen Handys angezeigt wurde, war eine ganz andere, als die Nummer meiner Schwester. Ich konnte meinen Augen nicht glauben, wir versuchten es noch ein Mal, und ein drittes Mal. Vergeblich, angezeigt wurde nur die komische Nummer, die keiner von uns kannte. Möglicherweise, wollen sie verhindern, dass aus dem Ausland Rückrufe kommen, dass die Kubaner-Nummern einfach so ins Ausland landen. Wer weißt? Vielleicht hat das nur mit der Technik zu tun, aber ich kann mir gut vorstellen, dass dahinter eine politische Überlegung steckt. Es wäre nicht das erste Mal.

  7. Ernesto, es war mehr ironisch gemeint! Denn ich glaube auch, das der Kubanische Staatsdiener mit einem Handy umgehen kann! Sonst wüsste er ja auch nicht, wie man die gesendeten SMS einsehen kann!
    Aber bei den Preisen und dem beschränkten Netzzugriff, wird es schwer für alle Kubaner, diese Möglichkeit zu nutzen. Deshalb die Bemerkung das der Papa Staat auch seinen eigenen Spionen nicht alles bezahlen will (oder kann).
    Yoani betont ja auch, das sie sich in ein Hotel für Touristen einschleichen muß, um ins Internet zu kommen!
    Aber wie soll ich mich verhalten???
    Mehr Geld ins Land bringen, und damit dem unersättlichen Staat sein Leben zu verlängern?
    Das bedeutet Geld und Geschenke an Bekannte zu schicken, die darum bitten, weil sonst das Leben nicht mehr zu ertragen ist.
    Oder alles beenden, um den Weg in die erhoffte Freiheit zu beschleunigen.
    Ich habe für beide Ansichten „Freunde und Feinde“ gefunden.

    Aber Deine Meinung zu diesem Thema würde mich sehr interessieren!

  8. Ich stimme 100% zu, auch das angeführte Argument der Linken hab ich schon öfters gehört und ist purer Sarkasmus, denn Yoani hat kein normales Leben mehr, nur weil sie es wagt die Wahrheit zu schreiben. Gott sei Dank hilft auch die internationale Bekanntheit, dass sie noch nicht verhaftet worden ist, aber der Kubanische Staat ist dafür bekannt lange zuzuschauen und plötzlich zuzuschlagen in einem Moment in dem man gerade nicht damit rechnet.

    Zum Thema Mobiltelefon: Eine Minute, egal ob man anruft ODER ANGERUFEN WIRD AUF DEM MOBILTELEFON, d.h. es zahlt auch der Empfänger, nämlich 50 Cent. Nach 30 Minuten Anruf/Empfang ist der Monatslohn vertelefoniert. Das ist dem zutiefst kapitalistischen Staatsmonopol zu verdanken.

    Dieser Link ist auch von der Insel aus zu öffnen. Nur hat dort nur eine ganz kleine Schicht die Möglichkeit dazu ins Internet zu gehen, das sind meist die jenigen die die Revolution die Füsse küssen. Ich bin sicher, dass die Stasi ohnehin davon weiss, daher kann man ihn hier bedenkenlos einstellen.

    http://www.penultimosdias.com/category/colaboradores/yoani-sanchez/

  9. Sabbi ich glaube, der Oberleutnant weiß sehr wohl, was ein Mobiltelefon ist, und vor allem, was man damit anstellen kann. Schade nur, dass die Anzahl der Handys in Kuba so begrenzt ist, dass die Gebühren so irrsinnig teuer sind und dass das Chatten im Internet so gut wie unmöglich auf dieser Insel ist. Wenn so etwas in Kuba Alltag wäre, würden wir Kubaner viel weiter sein. Siehe Iran! Aber nein, die Regierung scheut Handys und Internet wir Teufel das Wasser, und die wissen auch warum!

    Und ich muss dir sagen, Twitter & Co. würden in Kuba eine ganz andere Arbeit leisten als hier. Die würden dort nicht nur für die Unterhaltung und für „jede Menge Spaß und Fun“ sorgen. Nein, sie würden dort zur alternativen politischen Meinungsbildung beitragen! Und genau das ist der Punkt: in meinem Land kann keine offene Diskussion geben, keinen Prozess der Meinungsbildung, solange ein absolutes archaisches Monopol der Medien herrscht. Yoani kann ins Ausland ihre Beiträge via Handy schicken, das ist nicht soooo gefährlich. Damit können sie mehr oder weniger leben. Wenn Kubaner auf der Insel die Möglichkeit hätten, ihre Berichte zu lesen und sich dazu eine Meinung bilden, dann würde die Sache gaaanz anders aussehen. Dann hätten sie ihr längst das Handy weg genommen, es auf dem Boden geschmissen, mit den Füßen kaputt gehaut und sie ins Gefängnis gebracht. Basta! Aber nein, diesen verdammten Blog kann man nur im Ausland lesen, auf die politische Meinungsbildung auf Kuba hat er keinen Einfluss, und die Yoani leistet nebenbei gute Arbeit: sie liefert den Linken dieser Welt den Beweis, dass Kuba nicht soooo weltfremd und geschlossen ist, dass Oppositionelle über Freiheiten verfügen, sie können ja reden und schreiben. Also, was habt ihr?

    Also, keine Kommunikation innerhalb der Insel, dann ist alles gut. Uns bleibt nur die Mundpropaganda, und die ist bekanntlich nicht so schnell und effektiv, wie man sich manchmal wünscht. Dazu kommt, dass wir uns innerhalb unserer Insel nur mit enormem Aufwand bewegen können. Der Freund von Yoani, der aus Las Villas kommt und sie in Havanna besucht hat, hat eine Weltreise hinter sich gebracht. Ich weiß, wovon ich rede.

  10. So etwas kommt dabei heraus, wenn man nicht über den eigenen Rand hinausschauen will! Alles ist gegen den Staat und die Partei! Alles was man nicht versteht ist Spionage oder sonst etwas! Irgend jemand sollte dem Oberleutnant alles erklären. Aber ob er es verstehen würde? Ich wage es zu bezweifeln! Es gibt zwar viele Extras für solche Leute gibt, aber ich glaube Mobiltelefone gehören (noch) nicht dazu. Und das ist auch gut so!

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