Die beschuhten Karmeliter*

marti

Aufmerksame Augen, ein Trommelfell, spezialisiert auf das schlüpfrige Geräusch beim Abzweigen von Ressourcen und braune, beinahe erdbraune Uniformen. Das sind die „Braunen“, ein regelrechtes Heer von Inspektoren, die in den Betrieben darüber wachen, dass nicht das wenige, was uns bleibt, noch durch Diebstahl entwendet wird. Sie funktionieren wie ein Schutzcorps, das aber nicht der Verwaltung der Firma unterstellt ist, wo man sie anstellt. Wie Soldaten gehorchen sie einer höheren Struktur von Anordnung und Befehl. Im Gegenzug bekommen sie ein besseres Gehalt, einige Kilogramm Hühnchen jeden Monat und diese appetitliche Zwischenmahlzeit, die sie auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen. Sie bilden die neue Truppe von Wirtschaftsprüfern, in einem Land, in dem die Angestellten nicht an ihrem Verdienst gemessen werden, sondern an dem, was sie für den Schwarzmarkt abzweigen können.
Diese Kontrolleure verbleiben nur für kurze Zeit in jedem Betrieb, um zu vermeiden, dass sie irgendwelche Beziehungen mit den Angestellten eingehen und in die Fesseln der Korruption geraten könnten. In den Tabakfabriken sollen sie die Dreher überprüfen, damit sie nicht unter ihrer Kleidung Blätter oder fertig gedrehte Zigarren hinausschmuggeln. In der Firma Suchel der Gemeinde Cerro beschäftigen sie sich damit, in den Taschen der Arbeiter nach Extrakten von Schampons und Parfums zu suchen. Mitten auf der Landstraße überprüfen sie, ob jeder Buspassagier eine gültige Fahrkarte hat und bei Río Zaza sollten sie verhindern, dass Milchtüten und Tomatenkonzentrat das Gelände illegal verließen. Darauf trainiert, Siegel zu überprüfen, Schlösser zu schließen und die Produktbestände in einem Lager aufzulisten, gelang es ihnen dennoch nicht, die dauernden Abzweigungen zu stoppen. Die Aufgabe, Sphären von Effizienz und Kontrolle zu schaffen, scheint auf einer Insel unmöglich, wo es zur Überlebensstrategie gehört, den Staat zu bestehlen.
Das Problem ist, dass die Regierung zwar weiß, dass die Leute in jedem Betrieb klauen, aber auch begreift, dass ein Klima höchster sozialer Spannungen entstehen würde, schlösse man alle Möglichkeiten zur Unterschlagung. Vor den Warenabzweigungen die Augen zu verschließen, war bis jetzt eine Methode, die Gesetzesbrecher ruhig zu halten, damit sie nicht auf andere, öffentlichere Weise ihre Unzufriedenheit kund taten. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sich dessen bewusst, dass sie durch Zustimmung und Schweigen verhindern, dass ihr Leben durchleuchtet wird und der illegale Broterwerb, von dem sich ihre Familie ernährt, ans Licht kommt. Die Duldung der Veruntreuung war viele Jahre lang eine effiziente Währung im Austausch gegen Fügsamkeit. Daher rühren die Schwierigkeiten, sie auszurotten, ohne das eigene System in die Luft zu jagen. Die „Braunen“ werden nicht vermeiden können, dass auch weiterhin Ressourcen abgezweigt werden, denn die Korruption ist der Lebenssaft, der im Grunde auch die Leute ernährt, die heute Heerscharen von Wirtschaftsprüfern auf die Straße schicken.

PS: Ich empfehle, den Artikel von Esteban Morales „Korruption: Die wahre Konterrevolution?“ zu lesen.

Anm. d. Ü.
* Bei der Überschrift handelt es sich offensichtlich um eine Sprachspielerei. Yoani spielt auf den römisch-katholischen Karmeliterorden an, der sich im 16. Jahrhundert in beschuhte und barfüßige (Bettelorden) Karmeliter spaltete. Zugleich heißt carmelitas in Kuba „die Braunen“.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

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5 Gedanken zu „Die beschuhten Karmeliter*

  1. Sozialistische Losung aus der Deutschen Demokratischen Republik: „Was des Volkes Hände schaffen, soll des Volkes Eigen sein.“ Offenbar wird in Cuba strikt danach gelebt. Wie auch in der DDR danach gehandelt wurde.

  2. Diese „sozialistische Umlagerung“ wurde ja nicht umsonst so genannt! Wenn es scheinbar nichts gibt, aber auf dem „Devisenmarkt“ fast alles zu bekommen ist, dann weiss eigentlich jeder woher die Ware stammt! Ob mit oder ohne staatlicher Kontrolle der „Braunen“! Dem Erfindungsreichtum und der Schnelligkeit dieser „Organisatoren“ konnte bis heute noch kein sozialistischer Staatsapparat viel entgegensetzen!
    Wie sagte damals schon Walter Ulbricht: Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr raus zu holen!

  3. Lieber Nicki, gegen Oppositionelle gibt es schon jede Menge „Inspektoren“. Das sind die sogenannten „Oliv-Grünen“ (verde olivos). Dazu gehören die Staatsicherheit (Seguridad del estado), das ganze Ministerium des Inneres (Ministerio del interior, kurz MINIT) und die Nationale Polizei der Revolution (Policia Nacional Revolucionaria, kurz PNR). Sie tragen alle grün.
    Für jede Art Kontrolle eine Sonderfarbe – Kuba ist bekanntlich bunt! Es gibt übrigens auch „Die Gelben“. Das sind die Inspektoren der Landstraßen, die Spezialisten für den staatlichen Verkehr. Sie sitzen normalerweise unter den Bäumen und kontrollieren die vorbei fahrenden staatlichen Autos. Sie halten sie an und schauen nach freien Plätzen. Und wenn du noch einen freien Platz im Auto hast, und dir keine gute Ausrede einfällt, dann hast du einen zusätzlichen, oft unerwünschten, Fahrgast. Also, nicht die Farben durcheinander bringen, Ordnung muss sein! Die Braunen sollen ihren Job machen, und nicht den Oliv-Grünen die Arbeit weg nehmen. Aber gegen eine kleine nette Denunziation, falls die Braunen was bemerken, wird auch keiner was haben. Denke ich.

  4. Eher können diese Inspektoren auf diese Weise gegen Oppositionelle vorgehen indem sie bei Denen kontrollieren.
    Um etwas aus einen anderen Bericht nachzuzitieren;Das Problem ist,wenn sie was finden wollen,finden sie was.

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