Wenn der Fluss rauscht

rio_zaza

Caridad könnte auf einer Landkarte die Provinz Sancti Spiritus nicht finden, wo die Firma liegt, die der Chilene Max Marambio leitete. Sie ist aber bestens informiert über all die Gerüchte zur Schließung der Firma und zu deren Korruptionsskandalen. Sie hat gelernt, Auslassungen in der Presse richtig zu deuten und die Wiederholung von bestimmten Themen als Versuch zu lesen, andere interessantere zu vertuschen. Deswegen gibt sie sich nicht mit der von Zucker umhüllten Pille zufrieden, die ihr die nationale Berichterstattung verabreicht. Dieser vierzigjährigen Frau aus Havanna haben die Gerüchte, die in den letzten Wochen auf der Straße zu hören waren, ein Sprichwort wieder in Erinnerung gerufen, das sie hartnäckig wiederholt: „Wenn der Fluss rauscht, bringt er Steine.“ Ausgerechnet der Name der Fabrik Río Zaza ist fortwährend in den Gesprächen zu hören, obwohl die Staatszeitung Granma nur in einer kurzen Notiz über den Tod ihres Generaldirektors Roberto Baudrand die Tatsache erwähnte, dass die Firma Ziel einer Untersuchungskommission ist.

Bei der Ausbildung von Journalisten sollten bestimmte Lektionen durchgenommen werden. Eine davon, die wir Kubaner nach langem Lesen zwischen den Zeilen verinnerlicht haben, lautet, dass das Verheimlichen einer Nachricht das Interesse für sie erst richtig entfacht, und Mutmaßungen und Spekulationen über Einzelheiten Vorschub leistet. Zur Zeit sind wir dazu aufgerufen, an Aktionen zur neuerlichen Bestätigung des revolutionären Prozesses teilzunehmen und eine Medienkampagne gegen Kuba zu verurteilen, von der bis jetzt kein einziges Dokument veröffentlicht worden ist. Deshalb hegen wir alle die Vermutung, dass sie mit diesem großen Trara irgend etwas Wichtiges verbergen wollen. Die hinausgeschobene Bestätigung, dass irgendetwas in dieser Joint Venture Firma passiert ist, hat bewirkt, dass die ausländische Presse, unabhängige Journalisten und wir Blogger das Thema den offiziellen und unter staatlicher Kontrolle stehenden Reportern entrissen haben. Sie sollen Loblieder singen und nicht vom Schmutz unter dem Teppich erzählen.

Caridad hatte recht mit dem Rauschen, mit dem Bach, der zu einem donnernden Strom anschwoll. Hinter dem Schweigen und den Ablenkungen verbirgt sich etwas, was gewaltig stinkt. Es riecht nach grünen Scheinen, nach Unterschlagungen, es birgt den Gestank nach Korruption, die nicht mehr nur an einer Stelle zu lokalisieren ist, sondern systemimmanent ist. Die Heerscharen von Wirtschaftsprüfern, die in den nächsten Tagen ausschwärmen werden, können dieses Ausbluten nicht aufhalten. Sie bräuchten noch einmal so viele Leute, um die Inspektoren zu überprüfen, die Wächter zu bewachen, die Kontrolleure zu kontrollieren. Die Steine, die der Fluss bringt, sind zu zahlreich und riesig, wir alle hören sie hinter den Parolen rumoren.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

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