Aufgeblähte Belegschaften

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Foto: Mir gefallen große Sachen, denn die sieht man schon von weitem.

Immer wieder, quasi als Endlosschleife, werden bei uns Maßnahmen angekündigt, die unsere Wirtschaft beschleunigen sollen. Dieses Mal heißt es „Reduzierung von aufgeblähten Belegschaften“*, obwohl sich diese Aktion aus der Sicht der Leute, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden, mit einem Wort zusammenfassen ließe, nämlich „Arbeitslosigkeit“. Lange Reportagen im Fernsehen zeigen, dass das Problem mangelnder Effizienz auf die personelle Überbesetzung in Büros, Fabriken und sogar Krankenhäusern zurück zu führen ist. Jeder Arbeitstag soll mit Inhalt gefüllt werden, um Müßiggang zu vermeiden, sagt man uns in den Medien, als ob diese so elementare Grundregel erst vor ein paar Wochen entdeckt worden wäre.

Einige Wirtschaftswissenschaftler warnen davor, dass die Zahl der Arbeitslosen auf mehr als 25 % steigen würde, wenn man all die Leute, die in ihrer Funktion überflüssig sind, nach Hause schickt. Jeder vierte Arbeiter könnte entlassen werden, um die aufgeblähten Betriebe zu sanieren, denn das Land hat nicht die Mittel, inaktive Arbeitskräfte weiterzubezahlen. Eine so große Zahl von Unbeschäftigten würde einen Anstieg von sozialer Unzufriedenheit mit sich bringen. Hundert Tausende von Personen sähen sich veranlasst, illegale Geschäfte zu betreiben. Am Ende greift man auf den Trick zurück, schlanke Belegschaften zu präsentieren, um die Beschäftigungsstatistiken zu manipulieren. Ich überlege, was in diesen staatlichen Institutionen voller Bürokraten passieren würde oder was mit der umfangreichen Liste all der Leute geschähe, die für die Staatssicherheit arbeiten. Gäbe es bei ihnen auch eine Reduzierung der Belegschaft? Wenn ich die wachsende Zahl von Polizisten in Zivil durch die Straßen streifen sehe, dann glaube ich, man sollte bei ihnen anfangen, den so großen Exzess zu beseitigen. Um den schönen Schein zu wahren, wird man wohl die Leute, die außen vor bleiben, nicht Arbeitslose nennen, sondern man wird sie mit der gewissen Subtilität, die schon bei anderer Gelegenheit oft zur Anwendung kam, so etwas wie „Ersatzleute“ oder „Menschen zwischen zwei Jobs“ nennen.

Wenige Tage vor den Festivitäten zum ersten Mai sehen sich viele Kubaner der Gefahr ausgesetzt, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir bei dem Aufmarsch auf der Plaza kein einziges Plakat sehen werden, das eine abweichende Meinung zeigt oder eine Kritik angesichts der Personalreduzierung. Der Präsident der Kubanischen Arbeitergewerkschaft (CTC) selbst sagte, die Versammlung der Arbeiter diene dazu, ihre Unterstützung des revolutionären Prozesses von neuem zu bekräftigen und die so genannte Medienkampagne gegen Kuba zu verurteilen. Die einzige legale Gewerkschaftsgruppierung des Landes zeigt so ihre Funktion als Orientierung gebende Übermittlerin zwischen Machtausübenden und Arbeitern, aber trägt keine Forderungen in umgekehrter Richtung. Wir werden sie vor der Tribüne vorbeiziehen sehen, kurz davor, ihre Arbeit zu verlieren, aber sie werden ein Transparent mit Schmähparolen gegen die Europäische Union und die Vereinigten Staaten tragen. Keiner wird diesen Tag als Chance nutzen können, um echte Forderungen zu stellen, als Zusammenkunft, um vom großen Boss, d. h. dem Staat, zu verlangen, ihn nicht auf die Straße zu setzen.

Anm. d. Ü.
* In der Planwirtschaft gibt es für jeden Betrieb eine Art Personal-Schablone (Plantilla), die genau vorschreibt, welche Arbeitsplätze dieser Betrieb belegen kann. Jedes Abweichen von der Vorschrift bedarf der Genehmigung durch eine höhere Instanz.

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2 Gedanken zu „Aufgeblähte Belegschaften

  1. So ähnlich funktioniert es auch in Kuba, Karl Eduard.
    Ein sozialistisches System (genauso wie der Öffentliche Dienst in Deutschland!) kann nicht wirklich den eigenen Wasserkopf abbauen. Denn da wo das Gesetz der Markwirtschaft (Angebot-Nachfrage) nicht eingriffen kann oder darf, kann es auch keine effektive Umverteilung der Arbeit geben. Sie werden die Leute von A nach B wie Schachtfiguren schieben, sie werden einige von innen in die Landwirtschaft schicken, um dort noch unproduktivere Arbeit zu verrichten, sie werden überall ein bisschen schummeln und tricksen, und am Ende bleibt alles beim Alten.
    Aber das Schlimmste ist das, was Yoani gleich im ersten Satz schildert: uns Kubaner kommt das alles bekannt vor. Die Maßnahmen wiederholen sich, quasi wie eine Endlosschleife und irgendwann sind sie alle da schon gewesen. Ich kann mich gut an vergangene Zeiten erinnern. Vor ca. 20 Jahren hat man schon darüber bis zum Umfallen diskutiert, und eine Hexenjagt fegte über das Land wie ein Zyklon … . Das ist Kuba: eine ewige Wiederholung der hausgemachten Kriegen. Es muss immer ein Krieg her, eine neue Kampagne mit vernichtender Konsequenz und aller höchsten Wichtigkeit. Aber irgendwann wird auch dieser Krieg vergessen und durch einen neuen ersetzt. Und dieser Zyklus wiederholt sich unendlich. Das ist die Dynamik des Stilstands aller Diktaturen. Mittlerweile kennen wir alle Inkarnationen des Böses, und haben gelernt, damit zu leben. Genauso wie wir mit der Dürre, mit den tropischen Krankheiten und mit den Zyklonen. Alles nicht so schlimm – schon da gewesen!

  2. Hier, in Europa, nennt man das Bürokratieabbau und die abgebauten Bürokraten erhalten Anstellung in den Abteilungen, die sich mit Bürokratieabbau befassen. Das könnte die Regierung bei Euch doch auch so praktizieren?

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