Das Stigma des Wohlstands

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Nach Erfolg zu streben bedeutete für Kubaner meiner Generation an einer schrecklichen ideologischen Verwirrung zu leiden, gleichgültig ob man sich im persönlichen Bereich hervortun wollte, oder im beruflichen und wirtschaftlichen Umfeld. Man erzog uns dazu, bescheiden zu sein und man legte uns die Regel auf, bei Entgegennahme irgendeiner öffentlichen Anerkennung selbstverständlich hervorzuheben, dass es ohne die Hilfe der uns umgebenden Genossen unmöglich gewesen wäre, ein solches Resultat zu erzielen. Genau so verhielt es sich mit dem simplen Besitz eines Gegenstands, mit dem Genuss einer Bequemlichkeit oder mit dem „ungesunden“ Streben nach Erfolg.

Die Neigung, sich mit anderen messen zu wollen, bestrafte man mit einer Etikettierung, die aus unserer Akte sehr schwer wieder los zu bekommen war, nämlich der Anschuldigung „überheblich“ und „unbescheiden“ zu sein. Der Erfolg musste eine gemeinsame Sache sein oder zumindest so erscheinen, Ergebnis der Anstrengung aller unter der klugen Leitung der Partei. So lernten wir, dass man sein Selbstwertgefühl kaschieren und seinem unternehmerischen Enthusiasmus Zügel anlegen musste. Das Mittelmaß hatte in dieser Gesellschaft Hochkonjunktur, die schließlich den mutigsten Individuen die Flügel stutzte, während sie den Konformismus förderte. Das waren die Zeiten, in denen man materielle Besitztümer verbarg, in denen man zeigte, dass wir alle Kinder von aufopferungsvollen Proletariern waren, und behauptete, die Reichen abgrundtief zu hassen.

Einige von ihnen taten so, als ob sie die Gleichmacherei begrüßen würden, aber in Wirklichkeit häuften sie Privilegien an und sammelten Reichtümer, während sie in ihren Reden die Menschen immer wieder zur Genügsamkeit aufforderten. Das waren Leute, die in ihren Autobiografien unaufhörlich sagten, dass sie einer armen Familie entstammten, und dass es ihr Hauptanliegen sei, dem Vaterland zu dienen. Mit der Zeit entdeckten ihre Arbeitskollegen aber, dass sich hinter der Fassade des Asketen jemand verbarg, der Staatsressourcen abzweigte und zunehmend materielle Besitztümer anhäufte. Auch heute noch sitzt die Maske der Bescheidenheit auf ihren Gesichtern, obwohl ihre massigen Bäuche genau das Gegenteil besagen.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

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2 Gedanken zu „Das Stigma des Wohlstands

  1. Ernesto, deine Erinnerungen kommen mir bekannt vor und ich teile deine Meinung voll und ganz. Aber im heutigen wiedervereinten Deutschland ist es größtenteils nicht besser. Kaum jemand möchte Verantwortung übernehmen, seine Meinung oder seinen persönlichen Standpunkt äußern. Anstatt „wir“ heißt es heute nicht „ich“ (habe einen Fehler gemacht), sondern „man“. Und für abhängig Beschäftigte heißt es im Job auch jetzt wieder: „Mach dich lieber klein, hab dich dumm und du kommst weiter!“

  2. Hier hat Yoani ein allgemeines Problem des Sozialismus angesprochen. Auch in der DDR war es nicht viel anders mit der Bescheidenheit und dem proletarischen Gehabe. Man hat uns quasi eine instinktive Struktur der Psyche (Herbert Marcuse) verliehen, die unsere Individualität in jeder Situation unter Kontrolle hatte. Bloß nicht auffällig werden! – Dieses Signal haben wir empfangen, als Selbstschutz, wenn wir merkten, ein Ausbruch unserer Persönlichkeit ist im Kommen …
    Intellektualismus? Ganz schlimm, gleich zu setzen mit Individualismus und letztendlich mit Kapitalismus! Mach dich lieber klein, hab dich dumm und du kommst weiter!
    Als Student und später als Dozent habe ich mich immer gewundert, dass in der wissenschaftlichen Sprache die erste Person des Singulars untersagt war. Immer war die Rede von „Wir“: „Wir meinen zu wissen“, „Wir wagen, zu behaupten“ usw. Niemals: „Ich denke“, „Ich beweise“ oder andere Ich-Behauptungen.
    Wer sind „Wir“? – Habe ich mich immer gefragt. Ist diese falsche Rücksichtnahme nicht unglaubwürdig, lächerlich sogar? Manchmal benutze ich die Wir-Form sogar mit Absicht, mit einer versteckten Ironie, um die ewigen Mitläufern bloß zu stellen, die nichts zum Erfolg beigetragen hatten.
    Ich musste 30 Jahre lang in der falschen Bescheidenheit des Sozialismus üben. Die Rolle fiel mir unwahrscheinlich schwer, aber am Ende hatte ich sie drauf gehabt, und gehasst … Ich hatte richtig satt dieses ewige Sich-klein-machen, sich für dümmer verkaufen als man ist, diese gespielte Naivität. Heute habe ich die gehasste Maske abgelegt. Ich bin so klug oder so dumm wie ich es bin. Passt es den Anderen oder nicht.

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