Von der Milch zum Schutzwall

adolfo_cabrera

Nach der massenhaften Flucht von ausländischen Investoren zeigen die Regalbretter der Geschäfte, wie es wirklich um unsere Finanzen steht. Meine Mutter ruft mich früh an, um mir mitzuteilen, dass es Toilettenpapier auf einem weit entfernten Markt gibt; sie sagt, ich müsse mich beeilen, da es sich schon herumgesprochen hat und es bald aus sein wird. Ich verlasse das Haus und schaue nach rechts und links wie ein Ventilator, um zu sehen, ob auch irgendein Saft aufgetaucht ist, von dem ich morgens Teo ein Glas auf den Tisch stellen könnte. Aber man merkt die Unterversorgung und die Tetrapack-Getränkepackungen der Marke Río Zaza sind aus den Läden verschwunden, der frühere Mischkonzern, der heute in einen Korruptionsskandal verwickelt ist. Der Schwarzmarkt ist zusammengebrochen, es ist ja für niemanden ein Geheimnis, dass sich dieser aus abgezweigten Ressourcen in den Fabriken speist und aus dem Diebstahl während des Transportes der Waren zu den Geschäften.

Sogar die geduldigsten ausländischen Unternehmer, nach Art des Spaniers, der die Firma Vima leitete, haben ihre Koffer gepackt und sind nach Hause zurückgekehrt. Die Zusammenarbeit zwischen der Parfümerie Suchel und iberischem Kapital, bereitgestellt durch Camacho, geht gerade zu Ende und auf den Köpfen meiner Freundinnen zeigen sich graue Strähnen, weil es keine Haarfärbemittel mehr gibt. Die Zeiten, in denen das Land zuerst kaufte und dann zahlte, sind vorbei. Jetzt schleppt es so viele Schulden mit sich, dass es schwierig wird, neues Kapital anzulocken und Kredit zu bekommen. Die Auswirkungen der Krise bekommt man im täglichen Leben stark zu spüren, wo eine Seife inzwischen 30% mehr kostet als noch vor einem knappen Jahr. Die Hausfrauen kratzen sich, vor dem Herd stehend, ratlos am Kopf und rufen, dass der am Ende des Monats ausbezahlte Lohn wie Wasser zerrinnt. Nicht einmal Leute, die mit einer Geldsendung aus dem Ausland gesegnet sind, oder die geschickten Händler des informellen Marktes haben es leicht.

Wenige erinnern sich noch an jene Rede, die Raúl Castro vor drei Jahren in Camagüey hielt, als er die Möglichkeit eines Glases Milch für jeden Kubaner andeutete. Ganz im Gegenteil, die Worte die er am vergangenen Sonntag sprach, riefen uns Schützengräben vor Augen, Schutzwälle, Gewehre und apokalyptische Bilder einer Insel, die im Meer versinkt. Da wir hinter den knappen Nahrungsmitteln her laufen, hatten wir wenig Zeit, um über die Rede im Palast der Konventionen nachzudenken, aber ihre numantinischen* Drohungen lasten schwer auf uns. Wenn man nach dem direkten Wortsinn geht, wird vorhergesagt, dass uns ein feuchtes Loch erwartet, umgeben von Sandsäcken, ein Gewehr, um damit auf irgendwen zu schießen und jene letzte Kugel in der Kammer, die für uns selbst bestimmt ist. Unterdessen wird der General fest auf seinem Posten bleiben und aus der Distanz kontrollieren, ob wir den letzten Befehl zur Selbstopferung auch einhalten.

Anm. d. Ü.
* Bei der Belagerung des iberischen Numantia durch die Römer begingen, als die Lage aussichtslos wurde, viele Familien Selbstmord, andere steckten ihre Stadt in Brand, um sie nicht den Römern übergeben zu müssen.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

Ein Gedanke zu „Von der Milch zum Schutzwall

  1. Als ich vor ca. 3 Jahre meine Eltern auf Kuba besuchte, wurde diese kurze und lakonische Rede von Raúl herausgegeben, worüber Yoani berichtet. Es hieß es auf Kuba: jeder Liter Milch, den unsere fleißigen Kühen im Privatbesitz spenden, muss (!) dem Staat verkauft werden. Schluss mit dem betrügerischen Verkauf von Milch unter der Hand, Schluss mit den Ausbeutern der einfachen Menschen und mit dem Habgier der Zwischenhändlern, Schluss mit den überteuerten Preisen – Wie edel! Ab jetzt, so hieß es damals, kauft der Staat die ganze Milchproduktion den Bauen ab und sorgt für eine gerechte sozialistische Verteilung des weißen Gutes. Es wird ein bisschen dauern – räumten sie ein, bescheiden auf ein Mal in ihrem Idealismus – aber bald wird im Wunderland Kuba Milch fließen, und jeder Kubaner wird einen Liter Milch pro Tag erhalten. So ungefähr wurde die Rede von Raúl in der Presse aufgefasst und durch die Optimisten interpretiert. In wenigen Tagen gab es „auf der Straße“ wirklich keine Milch mehr zu kaufen, und auch keinen selbstgemachten Salzkäse mehr. Kein Bauer traute sich, Milch oder aus Milch Erzeugtes zu verkaufen. Meine Mutter konnte sich auf dem Kopf stellen, sie hat alle ihre Kontaktpersonen angerufen, meine Tanten und Cousinen auf die Suche geschickt, aber Käse für mich konnte sie nicht kriegen. Es war die Stunde null (Hora cero) der Milchproduktion Kubas. Es hieß abwarten, bis die Welle wieder vorbei ist, bloß jetzt sich nicht erwischen lassen … Die Linientreuen versicherten uns immer wieder: Es wir ein bisschen dauern, bis die Milch fließ, wir müssen Einiges zurecht rücken und in die Wege leiten. Habt Geduld! Und wieder mussten wir Kubaner etwas Geduld aufbringen …
    Wie die Geschichte endete? Darüber hat Yoani direkt aus Kuba berichtet. Auf jedem Fall in Milch sind wir Kubaner nicht ertrunken, und Durst haben wir immer noch, mehr als je zuvor. Ich wusste aber schon damals, vor 3 Jahren, wie die Geschichte endet. Denn die kubanische Märchenerzählung immer nach dem gleichen Muster verläuft. Ich bin mit dieser Revolution geboren und im Sozialismus aufgewachsen. Mir kann man keine Märchen erzählen. Ich kenne sie alle.

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