Cuba Libre, gefangen gesetzt in Havanna

confiscacion

Ausgerechnet gestern, am Vorabend der Präsentation einer Zusammenstellung meiner Texte unter dem Titel „Cuba Libre“ in Chile, erreichte mich ein Informationsschreiben der Zollbehörde der Republik. Darin bestätigte man mir die Konfiszierung der zehn Exemplare meines Buches, die über DHL verschickt worden waren. Man erklärte mir in den altertümlichen und kurzen Worten der Bürokratie:

Bei der physischen Untersuchung des Päckchens wurde eine Dokumentation entdeckt, deren Inhalt gegen die allgemeinen Interessen der Nation verstößt, weswegen es der Beschlagnahmung zugeführt wird in Übereinstimmung mit der geltenden Rechtssprechung.

Ich versuche mir die Szene vorzustellen, wie die “Spezialisten” hin und herüberlegen, ob man es erlauben solle oder nicht, dass das Buch die Grenzen dieser Insel passiert und in meine Hände gelangt. Würden sie auf seinen Seiten nach irgendeinem obszönen Bild suchen, das gegen die Moral verstoßen könnte? Sie fanden ganz gewiss keines zwischen den Fotos von Propagandatafeln mit politischen Parolen, von morschen Eingeweiden eines verlassenen Automobils und von kubanischen Flaggen, die auf einem Markt zu sehen sind, wo die nationale Währung nicht gilt. Letzteres könnte obszön erscheinen, aber das ist nicht meine Schuld.

Sollten es eifersüchtige Doktoren der Grammatik gewesen sein, die die Sätze von Cuba Libre durchschnüffelten, vielleicht auf der Suche nach einem Fehler oder einer falsch gebrauchten Verbalzeit? Handelte es sich zufällig um militärische Analytiker, die zwischen den Abschnitten meiner Chroniken nach verborgenen Codes forschten, nach Enthüllungen über die Wirtschaft oder geheimen Dokumenten der Staatssicherheit? Nichts davon haben sie gefunden, nicht einmal das Rezept zur Herstellung von Guarapo, dieses fast ausgestorbenen Nationalgetränkes, das man erhält, wenn man Zuckerrohr auspresst.

Ich gebe mich mit der Vorstellung zufrieden, dass die Leute, die verhinderten, dass die spanische Version meiner Texte Hunderte meiner Freunde erreichten, unter denen sie zirkulieren sollten, einfach nur einige Uniformierte mit mehr Disziplin als Lesefähigkeit waren. Wahrscheinlich erhielten sie Anweisungen von den Lauschern, die ständig mein Telefon überwachen; sie könnten sie vielleicht sogar davor gewarnt haben, den Inhalt zu lesen. Wenn drei Jahre der Veröffentlichung im Cyberspace nur dazu gedient hätten, dass meine Stimme bis zu diesen fürchterlichen Zensoren vordringt, dann wäre das für mich schon ein hinreichender Grund, zufrieden zu sein. Etwas von mir verbliebe in ihnen, ebenso wie ihre repressive Anwesenheit meine Chroniken geprägt hat, sie dazu angestoßen hat, den Sprung in die Freiheit zu wagen.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

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5 Gedanken zu „Cuba Libre, gefangen gesetzt in Havanna

  1. Hallo. Mein Spanisch ist leider schwach. Diesen übersetzten text zu lesen war sehr interessant! War 2005 mit dem Auto durch Kuba und noch eine Woche in Holguin. Ich kann wirklich bestätigen, dass man nur einen richtigen Eindruck bekommt in Gesprächen mit Kubanern selbst.(bei meinem schlechten Spanisch ging das da leider nur auf Englisch, bin aber jetzt noch am weiter lernen) War da auch total geschockt wie viel Angst sie haben, Kritik zu äußern, dann Flüstern und sich umschauen, ob nicht jemand zuhören könnte der ein Informant ist! Und ich war auch so verklärt angereist, nur Zigarren, „Che“ und Idealismus im Kopf!
    Danke, für die Übersetzung:)

  2. Sabbi und Oro, danke fürs Feedback. Ich habe Eure Kommentare sehr gerne gelesen und kann alles, was ihr schildert, glatt untersschreiben. Die Erklärung von Sabbi, warum der deutsche Leser so sparsam kommentiert, ist leider Gottes richtig. Da kann ich nur ergänzen: Die Texte von Yoani sind so anspruchsvoll und umfassend, dass oft kein Bedarf mehr zum Kommentieren besteht. So gehts mir auch. Trotzdem schreibe ich. Als deutscher Kubaner werde ich hier regelmäßig schreiben. Das ist mein kleiner Beitrag zur „Völkerverständigung“. Danke für die Aufmunterung!

  3. Ich möchte hier auch einmal der Übersetzerin recht herzlich danken, dass ich Dank ihrer Arbeit mehrmals wöchentlich die neuesten Informationen von Yoani über Cuba erfahren kann. So wie ich jeden Tag die Berliner Zeitung im Internet lese, da ich im Ausland lebe, warte ich immer ungeduldig auf neueste Nachrichten von Yoani. Da ich schon viele Jahre nach Cuba fahre, dort meine Familie habe und ausschließlich unter Cubanern dort lebe, kann ich den Inhalt eines jeden ihrer Artikels hundertprozentig bestätigen. Gleichzeitig wundert mich die Naivität und offensichtliche Unkenntnis einiger Schreiber, die Cuba wohl nur aus der offiziellen Presse oder Fernsehen kennen und mit den Augen eines Touristen sehen. Wer ein echtes Interesse an Cuba hat und Cuba richtig und von innen heraus kennenlernen will, kann dies nur erfahren wenn er total individuell durch Cuba reist und zwar fernab jeglicher Touristen bzw. Touristenzentren. Auch dann bedarf noch einiger Jahre und regelmässiger Besuche um tief in das normale Leben einzutauchen. Die Cubaner sind ein sehr herzliches und stolzes Volk und ich bewundere die Geduld mit der sie ihr wirklich nicht leichtes Leben tagtäglich aufs Neue meistern müssen.
    Auch wenn ich vielleicht keinen weiteren Kommentar mehr liefern werde (das Schreiben liegt mir einfach nicht) verfolge ich selbstverständlich jeden weiteren Artikel. Irgendwie fühle ich mich jedesmal so, als wäre ich gerade in Cuba.

  4. Genau dieser Meinung bin ich auch!!!
    Aber mein Aufruf für mehr Kommentare, hatte leider auch nur einen geringen Erfolg.
    Vielleicht liegt es daran, das viele ehemalige DDR Bürger es aus eigener Erfahrung kennen, und es deswegen für überflüssig halten, die Themen zu kommentieren?
    „Man kennt ja so was“, (wenn auch nicht ganz so extrem) aus eigenen Erlebnissen!
    Vielleicht wollen sie auch nur vergessen oder verdrängen? Ehemalige IM’s gibt es ja genug!
    Allerdings vergessen sie dabei, das es nun schon 20 Jahre her ist, und sich die heutige (in der BRD aufgewachsene) Generation, niemals mit diesen Problemen herumschlagen musste. Und wer so etwas nicht kennt, und es nicht erzählt und erklärt bekommt, den interessiert es nicht!
    Und die ehemaligen (und noch heutigen) BRD Bürger, hatten ebenfalls diese Sorgen nicht!
    Also lesen sie es, und aus Mangel an eigener Erfahrung, ignorieren sie es.
    Schade eigentlich!

    Aber wenn ich Iris richtig verstanden habe, lesen täglich zwischen 600-1000 User diesen Block!
    Und da sollte schon,die eine oder andere Meinung in Form eines Kommentars, möglich sein!!!

  5. Ich finde es so schade, das unter den Deutschen dieser Blog nicht die Resonanz finde, die er verdient. Ich wünsche mir ein Paar Komentare mehr zu diesen teifgründigen und durchaus realen Beiträge von Yohni Sánchez. Ich würde hier auch meine Sichtweise auf Kuba, als Kubaner, für die Deutschen veröffentlichen, auf Deutsch und nicht auf Spanisch. Im spanischen Blog habe ich keine Lust zu schreiben, denn da gibt es kein Platz mehr für Reflexion. Wenn ein Beitrag von Yohani über 2000 (!) Kommentare dort erhält, was will man von der Qualität und Intention der Kommentatoren erwarten. Die Deutschen könnten hier eine wunderbare Plattform für Reflexion über Kuba und über sich selbst (DDR-Vergangenheit) haben. Los! Es muss nicht gleich ein Artikel für die Frankfurter Allgemeine sein …
    Wenn du kommentierst, kommentiere ich auch. Und mit unseren Kommentaren würdigen wir auch die Arbeit der Übersetzerin, die fleißig und brilliant oben drauf ist. Tausend Mal danke dafür Iris Wißmüller!

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