Der Kanditat des Wechsels

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Silvio wurde unter Jubelschreiben von der Versammlung zur Nominierung des Delegierten seines Bezirks nach Hause begleitet. Er hatte nur 15 von insgesamt 120 Stimmen erhalten, aber sein Sieg war der Sieg der Ameise, die es schafft, die Mauer auszuhöhlen, der Triumph des leisen „Piep“, das man inmitten eines großen Geschreis trotzdem hört. Obwohl sie ins Rathaus von Punta Brava auch Personen mobilisiert hatten, die nicht im Wählerregister standen, kam der offizielle Kandidat nur auf 45 Hände, die sich zu seinen Gunsten hoben. Die Enthaltung war die Art, mit der 50% der Versammelten ihre Ablehnung – oder ihre Gleichgültigkeit – gegenüber einem Wahlverfahren äußerten, das kaum Einfluss auf das wirkliche Leben hat.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem Silvio Benítez zum ersten Mal davon sprach, sich in seinem Bezirk zu den Wahlen zur Versammlung der „Macht des Volkes“ aufstellen zu lassen. Nicht einmal seine engsten Freunde wagten zu hoffen, dass er tatsächlich nominiert würde geschweige denn es schaffen würde, von jemandem – außerhalb seiner Familie – öffentlich vorgeschlagen zu werden. Die Frustration a priori, die schon vorprogrammierte Enttäuschung haben sich zu weit in unsere Leben vorgedrängt. Deshalb fühlen wir uns schon besiegt, bevor wir überhaupt anfangen zu planen, wie man das Land verändern könnte. Das Floß, das durch das Meer gleitet oder das mitwissende Schweigen sind immer noch die meistgenutzten Strategien, mit denen man seine persönlichen Probleme löst, weil „das Problem“ auf nationaler Ebene ein dauerhaftes zu sein scheint.

Aber an jenem Abend war in Punta Brava die Fernsehserie nicht spannender als die abgenutzte Maschinerie der Wahl „des Besten und Begabtesten“. Die Straßen füllten sich vor Neugier darüber, ob „der Kandidat des Wechsels“ gewinnen würde. Silvio hatte ihnen ein anderes Programm versprochen, eines, das nicht von der Ideologie getrieben war, sondern von der Bürgerverwaltung. Und obwohl er es nicht schaffte, seinen Namen auf die Liste der über 15.000 Delegierten im ganzen Land zu setzen, so konnte er wenigstens die Hälfte der Wähler in seinem Bezirk dazu bringen, sich zu enthalten. Ohne sich zu trauen, für ihn zu stimmen, behielten viele seiner Nachbarn die Hände in ihren Hosentaschen, strichen über die Köpfe ihrer Kinder oder hielten sich an ihren Zigaretten fest, als sie aufgefordert wurden, die Hand zur Abstimmung zu heben. Seinen Triumph verdankt er diesen hängenden Armen, all diesen Mündern, die es nicht wagten, seinen Namen auszusprechen, aber ihn auch nicht verleugneten.

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