Das Vermächtnis

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Es kommen schwierige Zeiten auf uns zu. Ich bin eigentlich optimistisch, aber es breitet sich in mir eine Unruhe aus, wenn ich an die kommenden Jahre denke. Es gibt zu viel angestaute Frustration. Sie haben in uns systematisch die Ablehnung anderslautender Meinungen gesät, und das lässt sich nicht in kurzer Zeit rückgängig machen. Gestern, als ich eine Hausfrau sah, die in vulgärer Form schrie: „Die Würmer proben den Aufstand!“ – sie meinte die „Damen in weiß“ (Damas de Blanco) – wurde mir klar, wie lang der Weg der Toleranz ist, der noch vor uns liegt. Lernen zu diskutieren, ohne zu beleidigen, in einer vielfältigen Gesellschaft miteinander zu leben und die Unterschiede zu respektieren, werden Pflichtfächer in unseren Schulen sein müssen. Es wird ein langer Prozess werden, allen verständlich zu machen, dass Vielfalt keine Krankheit ist, sondern die Heilung.

Ich fürchte, dass unsere Schreie chronisch werden und die Ohrfeige der schnellste Weg bleiben wird, um den anderen zum Schweigen zu bringen. Der Gedanke lässt mich erschauern, dass Kuba ein Land bleibt, in dem weiterhin Menschen für ihre politische oder ideologische Richtung physisch oder juristisch angegriffen werden können. Was für ein trauriges Land werden wir haben, wenn es für die Staatsgewalt normal bleibt, jemanden zu bestrafen, der der offiziellen Meinung widerspricht. Mir kommt eine Gesellschaft, die passiv bleibt, wenn friedfertige Frauen mit Gladiolen in ihren Händen verfolgt und belästigt werden, wie es gestern der Fall war, schon jetzt ziemlich krank vor. Aber dabei blieb es nicht in diesem Sektenwesen, sondern sie versuchten, sich zu rechtfertigen und dafür wurde eigens ein Drehbuch für die langweiligste Sendung des kubanischen Fernsehens angefertigt: den Runden Tisch (Mesa Redonda). Die Fernsehzuschauer konnten jedoch – nach zwei Stunden stoischen Zuhörens – feststellen, dass ihnen aufgrund der fehlenden Argumente nur noch Beleidigung, Verleumdung und Wortakrobatik geblieben waren.

Warum haben sie nicht den Mut, an dieses langweilige Set, an dem sie jeden Abend nur Monologe halten, wenigstens ein paar der Personen einzuladen, die anders denken? Der schüchternste und gemäßigste der Nonkonformistischen, die ich kenne, würde sie mit ein paar Fragen entblößen, und mit einigen kurzen Sätzen würde er ihre Verschwörungstheorie zum Einsturz bringen. Aber sie trauen sich nicht. So geschützt sie von der Macht sind – es gibt keinen schlimmeren Komplizen für einen Journalisten – und ihre Worte und Stifte von Vergünstigungen und Privilegien untermauert werden, wissen sie wohl, dass sie der Artillerie der Kritik nicht standhalten könnten. Deshalb rühmen sie die Schläge, hetzen mit Schlachtrufen auf und zeigen ausgewählte Videos, um zu beweisen, dass das Andersartige zerschlagen werden muss. Und so schüren sie den Fanatismus, diesen Keim, der sie selbst zu überleben droht: Das Vermächtnis aus Hass und Misstrauen, dass uns dieses System versucht zu hinterlassen.

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