Der Zufall

yoyi

Du hättest ebenso eine Prostituierte, die ihre Gunst verkauft, werden können, wie eine Untersuchungsbeamtin der Staatssicherheit. Die Bedürftigkeiten waren so groß, dass die Hingabe deines Körpers im Tausch gegen ein Fläschchen Shampoon oder einige Seifenstücke eine Möglichkeit war, die sich immer in Reichweite befand. Nur dass deine Figur für dieses Tauschgeschäft zu kränklich war und deine Haut zu weiß für die Ausländer, die auf der Suche nach dem zimtfarbenen Teint der Touristenanzeigen herkamen. Dir fehlte das „gewisse Etwas“, um das eng anliegende Kleid für den Austausch von Sex gegen Geld überzuziehen und sich auf die Umgebung eines Hotels zu stürzen, in der Absicht deine Familie aus der Klemme zu ziehen.

Du warst schon kurz davor, dir eine Uniform überzustreifen, als du nach dem Schulabschluss erwogst, auf die Militärschule Camilo Cienfuegos zu gehen, um einem Zuhause zu entfliehen, wo Verbote und Elend überhand nahmen. Du glaubtest, du seiest bereit, dich in einen Soldaten mit zusammengekniffenen Lippen zu verwandeln, um Zugang zu diesen kleinen Privilegien zu bekommen, die, wie du sahst, Mitglieder der Armee und des Sicherheitsministeriums genossen. Der rechtzeitige Rat eines Freundes ließ dich von dem „Aaaachtung!“ – Geschrei und dem dauernden Knattern eines Maschinengewehres Abstand nehmen. Aber wenn du an jenem Nachmittag von 1990 nicht die Frage gehört hättest: „Was willst du denn zwischen Befehlen und Schützengräben?“, würdest du jetzt vielleicht gerade jemandem in einem abgeschlossenem Raum von Villa Marista* Angst einjagen.

Du hättest Bootsflüchtling werden können, Selbstmörderin, Geliebte eines Ministers, Zensorin oder politische Gefangene, Gendarm oder Opfer. Es war nicht möglich, ohne Blessuren durch jene Krise der Neunzigerjahre hindurch zu kommen, die du erleben musstest, den Zusammenbruch der Vermögenswerte und die unbedeutende Umgebung, in der du aufgewachsen bist. Etwas von dir steckt noch in dem roten Lykrabein, das an einer Ecke steht, und in der Achselklappe eines Rekruten, in all den möglichen Personen, die du hättest werden können und vor denen der Zufall, die Umstände und dein eigener Ekel dich bewahrten.

Anm. d. Ü.
* Zentrale der kubanischen Staatssicherheit, wo politische Gefangene verhört werden.

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2 Gedanken zu „Der Zufall

  1. Durch einen Zeitungsartikel des Zürcher Tagesanzeiger bin ich auf Deinen Bloc gestossen. Schade dass Du nicht in der Schweiz geblieben bist. Hier brauchen wir solch starke Persönlichkeiten, die Mut, Verstand, Entschlossenheit und Intelligenz haben. Kuba ist eine einzige Tragödie. Ich hoffe, dass sich die Situation in Kuba in Bälde ändert. Träume sind zum träumen da.

  2. Aber Du bist (hoffentlich) eine, nach der Zukunft greifende, zuversichtliche, hoffnungsvolle und niemals aufgebende Persönlichkeit geworden

    Dann hat das Bild seine Geheimnisse endlich offenbart!

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