Universitäre Unabhängigkeit

con_fidel

Hundert Mal hab ich schon gehört, dass der Universitätsbereich, wie ein umfriedeter Kirchhof, nicht von den Dämonen der Unterdrückung heimgesucht werden könne. Ich stellte mir vor, wie diese vor der Eingangstreppe herumflattern, ohne in diesen Bereich der Geisteswissenschaften und mathematischen Formeln eindringen zu können, wo die Studenten geschützt sind. Aber diese vermeintliche Immunität gab es nur in meiner Fantasie, denn die kubanische Geschichte zeigt die Abfolge von Übergriffen, die die Universitäten meines Landes erlitten haben. Unter den Augen der Pallas Athene sind die ideologischen Zuchtmeister unzählige Male in den Bereich eingedrungen, welcher dem Wissen und der Gelehrsamkeit gewidmet ist.

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gingen mehrere Studentenproteste sogar so weit, die Abdankung des Präsidenten zu fordern, was die große soziale Macht zeigte, die von den Pulten ausging. An den Mauern rund um La Colina kann man noch die Wandmalereien der jugendlichen Unangepasstheit sehen, die durch die späteren revolutionären Säuberungen zur Apathie reduziert wurde. Die universitäre Studentenvereinigung (FEU) sprudelt nicht mehr vor Ideen und Aktionen, die mehr als einmal die Stadt aufrüttelten, sondern ist zu einer Repräsentation der Macht gegenüber den Studierenden geworden. Die Organisation hat so ihren Rebellencharakter gänzlich verloren, und ihre Führer werden nicht mehr wegen ihres Charismas oder ihrer Beliebtheit gewählt, sondern wegen ihrer politischen Verlässlichkeit. Der Slogan „Die Universität für die Revolutionäre“ hat dazu beigetragen, dass das Aufziehen einer Maske der sicherste Weg zur Erlangung eines Diploms wurde.

In diesen zwei Jahren, seit Raúl Castro an die Macht kam, gab es immer wieder, und zwar mit zunehmender Tendenz, Hochschulverweise aus ideologischen Gründen an den Zentren der höheren Bildung. Als Sahily Navarro, Tochter eines Gefangenen des Schwarzen Frühlings, nicht mehr in ihren Hörsaal gelassen wurde, da wusste ich, dass die gebeutelte studentische Liga vom Todeskampf zur Nekrose übergegangen war. Wenige Tage später wurde auf die Überreste der FEU der Grabstein des Sektierertums gesetzt, als Marta Bravo von ihrer Professur entfernt wurde, weil sie Reformen im Land forderte. Die Akkorde des Requiems wurden von denen komponiert, welche Darío Alejandro Paulino aus dem Lehramt ausschlossen, nachdem er in Facebook ein Forum zur Diskussion von Fragen des Studiengangs „Soziale Kommunikation“ eröffnet hatte. Mit diesen traurigen Vorfällen wurde die Studentenvereinigung, die ehemals Julio Antonio Mella anführte, endgültig zu Grabe getragen, schuld sind die Drachen des Dogmatismus und der Intoleranz, die sich heute frei auf ihrem Universitätscampus bewegen können.

* In Facebook hat sich eine Gruppe namens „Stoppt die Entlassungen an den kubanischen Universitäten“ formiert, um wenigstens virtuell gegen diese Willkürlichkeiten zu protestieren.

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