„Schutzengel“

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Foto: „Noch ist es legal zu träumen“

Ich sehe überall Polizisten. Ich weiß nicht, ob sie auf meiner Netzhaut eingeprägt sind, oder ob es daran liegt, dass ihre Zahl in den letzten Monaten alarmierend angestiegen ist. Sie fahren in Mercedes- Lastwagen herum, sie stehen zu dritt an den Straßenecken und führen sogar an mehreren Punkten der Stadt Schäferhunde mit sich. Während uns Hunderte von modernen runden Kameras von oben beobachten, kontrollieren uns auf Straßenniveau diese Uniformierten auf den kaputten Gehsteigen. Sie kommen aus dem Nichts und verschwinden, wenn man sie am dringendsten braucht. Sie sind geschickt im Aufspüren eines Sackes Zement, der ohne Papiere transportiert wird, aber tauchen selten nachts in einem Viertel am Stadtrand auf, wo die Zahl der Straftaten steigt und steigt.

Es gibt auch die Leute in Zivil, diese “Schutzengel”, die immer präsent sind in jeder Schlange, in jedem Kulturzentrum oder in jeder Menschenansammlung. Sie sind jetzt nicht mehr so leicht zu entdecken, weil sie ihre Streifenpullover, ihre karierten Hemden und den militärischen Kurzhaarschnitt gegen Verkleidungen eingetauscht haben, die eine Bandbreite haben von Zöpfchen mit bunten Perlen bis zu Unterwäsche, die über dem Hosenbund herausschaut. Jetzt tragen sie Handys, Sonnenbrillen und Ledersandalen, aber man merkt ihnen trotzdem weiterhin an, dass sie fehl am Platz sind mit dem Gesichtausdruck eines Menschen, der nicht in die Situation passt, über die er informiert. Sie gehen zum Filmfestival, aber haben nie einen Film von Fellini gesehen; sie halten sich in den Galerien auf ohne die Fähigkeit zu unterscheiden, ob das, was sie sehen, ein figuratives oder ein abstraktes Bild ist. Man hat ihnen schließlich beigebracht, sich zu tarnen, aber man konnte ihnen nicht den verächtlichen Ausdruck vom Gesicht löschen, den sie angesichts dieser „kleinbürgerlicher Schwächen“ annehmen, die für sie die Kunst und ihre Manifestationen sind.

Dennoch fürchte ich nicht so sehr die Gruppe derer, die nummerierte Metallplaketten um den Hals tragen, noch die verdeckten Ermittler, die Berichte schreiben, sondern den Gedankenpolizisten, den wir alle in uns tragen. Er lässt nämlich die Signalpfeife der Angst schrillen, die uns rät, uns nicht zu trauen, und holt jedes Mal die Handschellen der Abgestumpftheit hervor, wenn sich in uns Kritiken und Meinungen anstauen. Er hat die Akademie der Selbstzensur mit Erfolg besucht und ist ein geschickter Soldat, wenn es darum geht, uns die Wege aufzuzeigen, die uns nicht in Schwierigkeiten bringen. Sein Strafgesetzbuch enthält sicherheitshalber ein paar kurze Artikel: 1. „Mach dir keine Probleme“ und 2. „Was du auch tust, es wird nichts ändern“. Wenn wir eines Tages mit dem Bedürfnis aufwachen, das Dröhnen seiner Stiefel in unserem Kopf zum Schweigen zu bringen, dann erinnert er uns an die Gitterstäbe, an die Gerichtshöfe und an die Unbarmherzigkeit eines Gefängnisses in der Provinz. Er braucht nicht seinen Schlagstock gegen unsere Rippen zu erheben, denn er beherrscht es gut, die Saiten unserer Angst anzuschlagen und Karategriffe anzuwenden, die unseren Körper schon im Vorfeld schmerzend und bewegungsunfähig zurücklassen vor dem Satz „Bleib ruhig, es ist besser zu warten“.

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