Die geächtete Information

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Gerüchte, die sich verbreiten, Gemurmel, das zu offiziellen Verlautbarungen wird und Zeitungen, die mehrere Wochen später das berichten, was das ganze Land schon weiß. Wir sind von einer Informationsbeschränkung zu einer wirklichen „Öffnung“ übergegangen, die parallel zur Zensur der offiziellen Medien läuft. Unser „Glasnost“ erhielt seinen Impuls nicht aus den Büros und Ministerien, sondern entstand durch Mobiltelefone, Digitalkameras und transportable Speichergeräte. Derselbe Schwarzmarkt, der uns mit Milchpulver oder Spülmittel versorgt hat, bietet uns jetzt illegalen Zugang zum Internet und Fernsehsender, die über die verbotenen Parabolantennen zu uns kommen.

Auf diese Weise erfuhren wir von den Ereignissen, die sich in Venezuela letzte Woche zugetragen haben. Mein eigenes Handy stand kurz vor dem Zusammenbruch wegen so vieler Mitteilungen, die mir von den Studentenprotesten und dem Abschalten mehrer Fernsehkanäle berichteten. Ich habe wiederum eine Kopie von diesen kurzen Schlagzeilen an alle meine Kontaktadressen geschickt in dem Netz, das besser als jede Virus-Übertragung funktioniert: ich stecke mehrere an und diese flößen dann ihrerseits den Informationsbazillus hundert Leuten ein. Es gibt keine Möglichkeit, diese Form der Nachrichtenverbreitung zu stoppen, denn sie nutzt keine festen Strukturen, sondern verändert sich und passt sich jedem Umstand an. Sie wirkt gegen Hegemonie, obgleich das kleine Wort im kubanischen Fall abweichende Untertöne annimmt, wo die Tageszeitung Granma, die Fernsehsendung „Runder Tisch“ und der DOR* die Vorherrschaft haben.

Wir erfuhren von den Toten in der psychiatrischen Klinik schon Tage vor der offiziellen Nachricht, über das Los der Hinausgeworfenen vom März 2009 wissen wir durch das „Radio Bemba“** Bescheid und eines Tages werden wir erfahren, dass das „Ende“ gekommen ist, noch bevor die Genehmigung erfolgt, es in der Presse mitzuteilen. Der Informationsstrom hat sich verfünffacht, obgleich das nicht auf eine Regierungsentscheidung zurückgeht, uns mit größeren Informationsmöglichkeiten auszustatten, sondern auf die technologische Entwicklung, die es uns erlaubt hat, die triumphalen Schlagzeilen und die gehaltlosen Nachrichtensendungen zu missachten. Jedes Mal sind wir weniger abhängig von dem vorgekauten und ideologisierten Brei der Fernsehnachrichten. Ich kenne Hunderte von Personen in meinem Umkreis, die Cubavisión und den Rest der Staatskanäle seit Monaten nicht einschalten. Sie sehen nur das geächtete Fernsehen.

Der Bildschirm eines Nokia oder Motorola, die glänzende Oberfläche einer CD oder der niedlich kleine Stift eines USB-Sticks pulverisieren unsere Desinformation. Auf der anderen Seite dieses Schleiers aus Unterlassungen und Falschmeldungen, der in Jahrzehnten entstanden ist, gibt es eine unbekannte und neue Verbreitung, die uns erschreckt und anzieht.

Anm. d. Ü.
* Abteilung der revolutionären Ausrichtung des Zentralkomitees, die die Informationspolitik aller Medien im Land bestimmt.
** Im März 2009 wurden der Vizepräsident Carlos Lage und der Außenminister Felipe Perez Roque aus ihren Ämtern entlassen.
Radio Bemba: Mund zu Mund Propaganda.

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Ein Gedanke zu „Die geächtete Information

  1. Viele kleine Mäuse kann man eben schwerer fangen als eine Große.Diesen Satz,der sich ja leicht auf die heutigen Möglichkeiten der Verbreitung durch Handy und Internet übertragen lässt,sagte mal eine Dissidentin einer illegalen freien Nachsichtenagentur in Havanna,der Habana-Press.Dieser Bericht aber,in dem es beschrieben wurde,erschien etwa im Jahr 2000,und damals stand ihnen nur ein Festnetztelefon ,indem Nachrichten verschlüsselt durchgegeben wurde,zur Verfügung.
    Nachrichten konnten nur durch Weltempfänger gehört werden sofern es nicht durch Störsender gestört wurde.
    Heutzutage kann die Regierung es nicht mehr so einfach machen,Mißhandlung und verfolgung nicht mehr so leicht vertuscht werden.

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