Die Nation und die Nation

amaury

Es ist lange her, dass eine Insel unsere Identität noch umfassen konnte. Der Akt des Geborenwerdens und Aufwachsens in diesem länglichen Territorium ist nicht mehr der wichtigste Faktor, um seine Nationalität zu tragen. Wir sind ein Volk, das auf alle fünf Kontinente verteilt ist, als ob uns eine unstete Hand, geleitet von ökonomischen Bedürfnissen und dem Mangel an Freiheit, auf der Oberfläche der Weltkarte verstreut hätte.

Ich weiß, was man da fühlt. Ich weiß, wie hart es ist, in irgendeinem Land zu einem kubanischen Konsulat zu gehen, und man bittet dich dort um deine Unterschrift für die Freilassung von fünf Agenten des Innenministeriums, Gefangene der Vereinigten Staaten, aber sie fragen dich nicht einmal, ob sie dir bei irgendetwas behilflich sein können. Ich habe gehört, wie eine junge Frau in einer Botschaft in Europa weinte, als ein Beamter ihr wiederholt mitteilte, dass sie nicht in ihr eigenes Land zurückkehren dürfe, weil sie die elf Monate der Ausreiseerlaubnis überschritten habe. Ich war auch Zeuge der anderen Seite. Des ablehnenden Bescheids, den viele erhalten, die hier die Weiße Karte beantragen, um in ein Flugzeug zu steigen und dem Inseldasein zu entfliehen. Die Reisebeschränkungen sind für uns zur Routine geworden und viele sind inzwischen der Meinung, dass es so sein muss, weil das Kennenlernen anderer Länder ein Privileg ist, das man uns gibt, ein Sonderrecht, das man uns verleiht.

Diese wenigen Personen, die darüber entscheiden, wer diesen Archipel betritt oder verlässt, haben die Teilnehmer der Tagung „Nation und Emigration“, die seit heute im Palast der Konventionen statt findet, ausgewählt. Ich habe die Diskussionspunkte dieser zwei Tage gelesen und glaube nicht, dass sie die Sorgen und Bedürfnisse der Mehrheit der emigrierten Kubaner repräsentieren. Es fällt auf, dass nicht gefordert wird, die Beschlagnahmung des Besitzes derer, die sich in einem anderen Land angesiedelt haben, zu beenden, noch die Notwendigkeit erwähnt wird, den Exilkubanern das Wahlrecht zurückzugeben. Ich finde auf der Tagesordnung nicht einmal die Ankündigung, den Beschränkungen ein Ende zu setzen, denen viele von ihnen ausgesetzt sind, wenn sie wieder einreisen oder sich auf ihrer eigenen Heimaterde niederzulassen wollen.

Auch der Teil von uns Kubanern, die wir auf der Insel leben, wird nicht mit all unserer Vielfältigkeit und unseren Nuancen wiedergegeben, sondern er zeigt den Stempel des Offiziellen und das Holzschnittartige des von oben Gesteuerten. Beide Ansichten, die von Innen und die von Außen, sind eingeschränkt und gefiltert, um zu vermeiden, dass „Nation und Emigration“ zu einer Veranstaltung wird, bei der man die Liste der Grausamkeiten im Zusammenhang mit Migration abarbeitet, unter denen wir leiden. Die verantwortlichen Personen, die das Treffen organisiert haben, möchten in dem riesigen Saal, in dem sich normalerweise das Parlament versammelt, lieber donnernden Applaus hören als Beschwerden und Kritiken.

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2 Gedanken zu „Die Nation und die Nation

  1. Die „alte Garde“ will es leider so,

    aber das der Applaus leiser, und die Kritiken lauter werden, den Weg habt Ihr schon eingeschlagen!
    Lasst euch nicht entmutigen!

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