Die Verrückten und die Spitzbuben

mazorra_1959
Fotos aus: http://cubalagrannacion.wordpress.com/2010/01/17/el-hospital-de-dementes-de-mazorra/

Die Verrückten sind leichte Beute für die Spitzbuben, die ihnen an den Straßenecken schmerzliche Sätze zurufen, um ihr Delirium noch zu vergrößern. In meinem Viertel hatten wir einen mit zwei Papierschiffchen, der Stunden mit einer seltsamen Regatta zubrachte, die nirgendwohin führte. Seine Mutter hielt ihn mit Benadrilin und Diazepam ruhig; besser, als ihn in das Irrenhaus Mazorra, die psychiatrische Klinik von Havanna zu schicken.

Vor dem geistigen Auge jener Frau standen die Bilder der Nervenheilanstalt in der Boyeros Straße mit ihrem angehäuften Schrecken und ihrer armseligen Ausstattung. Die Patienten fast nackt, die Wände mit menschlichen Exkrementen beschmiert und das Fehlen von Beaufsichtigung waren das Szenarium für schlimmste Gräueltaten. Die Fotos waren in den Zeitschriften in jenem fernen Jahr 1959 veröffentlicht worden. Danach kamen Reportagen im Fernsehen, saubere Bettlaken, Beschäftigungstherapie und sogar politische Propagandatafeln, die das Antlitz des früheren Schreckens veränderten. Nur dass die Verrückten, wie ich schon sagte, leichte Beute für Spitzbuben sind.

Seit den Neunziger Jahren mit dem Eintritt der Sonderperiode wirkte sich die Umleitung von Hilfsmitteln verheerend auf Mazorra aus. Die Nachbarn der angrenzenden Straßen waren gut versorgt durch den Schwarzmarkthandel, bestehend aus Wolldecken, Milch, Essen, Kleidung, Handtüchern und Medikamenten, die aus dem Hospital kamen. Die dort Eingewiesenen hielten es für einen Teil ihres Leidens, dass jeden Tag mehr Glühbirnen in den Sälen fehlten, wie in dem Film „Das Haus der Lady Alquist“. Man stahl ihnen alles Unverzichtbare und niemand bemerkte die zerbrochenen Fenster, die verstopften Toiletten und die durchgebrochenen Betten. Diesmal bekam kein Journalist die Erlaubnis, über das Elend zu berichten.

Die offizielle Presse konnte jedoch den Tod von 26 Patienten, einige behaupten, die Zahl belaufe sich auf fast 40, wegen Unterkühlung und Leiden infolge von Vernachlässigung nicht verheimlichen. Sie kamen an einigen kalten Tagen im Januar ums Leben, während sie sich an einander drückten, Körper an Körper, ohne dadurch das Ende vermeiden zu können. Die Spitzbuben aber bauten sich Häuser mit den Dividenden des Raubes und glaubten, dass nie jemand ihre Hinterziehungen entdecken würde. Heute wird nach den Verantwortlichen in dem Krankenhaus unter großem Polizeiaufgebot gesucht, damit sich keine Neugierigen nähern. Es sind noch keine Bilder herausgekommen, aber mich quält die Vorstellung, wie sehr diese Patienten in ihrer Hilflosigkeit jenen Gesichtern auf den Fotographien aus der Vergangenheit gleichen werden.

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3 Gedanken zu „Die Verrückten und die Spitzbuben

  1. Es wird das Regime fallen, die alten Seilschaften werden an der Macht bleiben, das Volk wird weiter ausgebeutet werden.
    Diese Nachrichten erinnern SEHR an Rumänien und Bulgarien.
    Auch dort waren die Umstände der pflegebedürftigen, hilflosen Menschen ähnlich.
    Nur, dass in Osteuropa 20 Jahre vergangen sind, ohne dass sich was geändert hat.
    Zwei, drei Generationen hat dieses kommunistische System dann auf dem „Gewissen“.

  2. Die Bilder dieses Blogs erinnern mich an Jene aus den rumänischen Waisenhaus Cighid,die kurz nach dem Ende der Ceausescu-Diktatur an die Öffentlichkeit kamen.Diese Bilder zeigten im ähnlicher Weise den Verfall eines Versorgungssystems das mit allgegenwärtiger Verelendung Hand in Hand ging. Mir kommt es deshalb noch eher vor,das auch Cuba einen schlimmen Ende zustrebt was ich nun ehrlich nicht hoffe.
    Nur,wenn die anfängliche Errungenschaft der Revolution,eben die kostenlose und ausreichende Versorgung der Kranken,sowie überhaupt der Schwächsten der Gesellschaft,in Lauf der Zeit solche Mißstände und Mängel bekommen hat lässt sich dieses Aushängeschild der Castro-Regierung nicht mehr aufrechterhalten.
    Schafft es die Regierung wirklich nicht die Situation der psychisch Kranken zu bessern anstelle die üblichen Vertuschungsmethoden ,Neugierige durch Polizeipräsenz zu vertreiben, anzuwenden?
    Wieviel Devisen werden dagegen für Propaganda verwendet?Viele,auch in Deutschland,lassen sich auch damit berauschen die in Cuba den Traum einer besseren,weil sozialistischen,Gesellschaft sehen.
    Wenn mir Jemand etwas vom kubanischen Gesundheitssystem vorschwärmt werde ich besser das Beispiel des obigen Berichts nehmen.

  3. in dem blog penultimos dias erwaehnt Yoani mit grosser Sympathie die Person von Josef Biechele dessen Name mir bis jetzt unbekannt war.Ich nehme an dess er Deutscher ist und wuerde gerne mehr ueber ihn erfahren

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