Was hast du getan, als sie kamen, um den Nonkonformisten abzuholen?

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Foto: Während des Anti-Gewalt-Marsches am 6. November 2009

Meine Bereitschaft, Unterschiede zu respektieren wurde mit dem „offenen Brief, der sich gegen die aktuellen Behinderungen und Verbote sozialer und kultureller Initiativen wendet“ auf die Probe gestellt. Der Text kam als E-Mail und beinhaltet die desillusionierte und drängende Aussage einer Gruppe von Intellektuellen und Akademikern. Unter ihnen entdecke ich einige der Namen, die im fernen Jahr 2007, mit gewisser Naivität dazu beitrugen, den Reform-Mythos von Raúl erstehen zu lassen. Zu dieser Zeit sprachen sie von Maßnahmen, die man durchführen müsse, von Anpassungen und Veränderungen, mehr ästhetischer als systemischer Art, die man anwenden müsse. Zwei Jahre später zeigten sie sich fürchterlich alarmiert über die Richtung, die das Land genommen hat. Mit ihren Artikeln stützten sie die Hypothese, dass der kubanische Entwicklungsprozess sich selbst erneuern könne, als ob diese Absurdität, in der wir leben, ein Drehbuch wäre, das von der Mehrheit geschrieben worden sei, und nicht die strenge Richtschnur, die einem einzigen Büro entspringt.

Ich werde nicht eine von denen sein, die andere beschuldigen, sie hätten zu lange gewartet, um sich zu äußern. Ich, die ich fast dreißig Jahre schwieg, habe kein Recht, über die zu urteilen, die die Maske des Konformismus trugen, das passive Gesicht dessen, der sich nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Ich begrüße jeden Vorstoß, der den Fluss der Kritik ans Tageslicht bringt, der in den Grotten unserer Furcht mehrere Jahrzehnte eingesperrt war. Ich werde meine Hand denen entgegenstrecken, ohne ihnen Vorwürfe zu machen, die das Risiko auf sich nehmen, sich zu äußern, weil bei ihnen so die Angst davor schwinden wird, von mechanischem Applaus zu offener Kritik überzugehen.

Der Brief sticht hervor durch Verschiedenes, was unerwähnt bleibt, besonders auf der Liste der Tatsachen, die den “Anstieg der bürokratisch-autoritären Kontrolle“ beweisen. Es fehlen auf dieser Liste die bitteren Ereignisse vom vergangenen 10. Dezember, die Zunahme der so genannten Ablehnungskampagnen, die Züchtigung von verschiedenen Oppositionellen und die Anwendung von körperlicher Gewalt gegen viele von ihnen. Besondere Erwähnung verdient der Gebrauch, den man vom Terminus „Konterrevolution“ macht, indem die Unterzeichner die degradierende und ausschließende Sprache übernehmen, die den Rednertribünen entspringt. Es überrascht zu sehen, mit welch großem Schematismus Professoren, Wirtschaftler und graduierte Universitätsangehörige ihre Mitbürger klassifizieren. Mich erschreckt diese Gesellschaft, die ich in diesem Dokument erahne, wo man offen über Trotzkismus, Anarchismus oder Sozialismus sprechen kann, wo man aber weiterhin die Sozialdemokraten, wie die Christdemokraten, wie auch die Liberalen nicht zu Wort kommen lässt. Wenn das der Lösungsvorschlag ist, dann tut es mir sehr leid, aber das ist nicht das Land, wo ich meine Enkel aufwachsen sehen will.

Ich glaube nicht, dass wir eine Re-Pavonisierung* erleben, da schließlich der Hardliner Luis Pavón nicht die Macht hatte, um eine schreiende und schlagende Menge auf die Straße zu schicken; seine Macht reichte auch nicht dazu, irgend jemanden zu einer Strafe von dreißig Jahren zu verurteilen. Den dunklen Zensoren jener fünf grauen Jahre fehlte die Autorität, um einen Bewachungszaun um ein Haus zu ziehen, ein Telefon abzuhören oder einen unabhängigen Journalisten oder Blogger zu verhaften, ohne ihn auf eine Polizeistation zu bringen. Es ist nicht die Rückkehr der Kultur-Inquisitoren, was wir gerade erleben, sondern das Anziehen der Schrauben eines sterbenden Systems, dem die Argumente ausgehen, der Fall des letzten Schleiers, der das hässliche Antlitz der Autoritätsherrschaft offen legt.

Die Überschrift bezieht sich auf einen Text von Niemöller**, der in dem Brief zitiert wird: „Als sie kamen, um die Juden abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Jude war; als sie kamen, um die Kommunisten abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Kommunist war; als sie kamen, um die Gewerkschafter abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Gewerkschafter war; dann kamen sie, um mich abzuholen, und niemand sagte etwas.“ Um diese Idee mit entsprechendem Text zu versehen, würde ich gerne die Unterzeichner des Dokumentes fragen, ob sie schweigen würden, wenn sie kämen, um einen „Konterrevolutionär“ abzuholen, einen „Wurm“, einen „Oppositionellen“, ob sie unter denen zu finden wären, die bei den Ablehnungskampagnen zuschlagen oder unter denen, die das Opfer verteidigen.

Anmerkung der Übersetzerin:
* Luis Pavón Tamayo war 1971-1976 der Leiter von Kubas Nationalem Kulturrat und betrieb während seiner Amtszeit eine Hetzjagd gegen anders denkende Schriftsteller und Künstler.
** Martin Niemöller 1892-1984, leistete als Theologe Widerstand gegen die NS-Diktatur, war deswegen auch mehrere Jahre im KZ. Im Ausland gilt Niemöller vielerorts als Figur eines ungebrochenen Widerstandes gegen Hitler.

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