Camila und ihr Weidenkörbchen

flor

Lange Zeit gab es bei uns das Neujahrsritual, uns mit mehreren Freunden im Haus von Camila zu treffen. Wir saßen auf dem Boden und mitten im größten Palaver legten wir ein Stück Papier in ein Weidenkörbchen mit unserem Namen, einem persönlichen Wunsch, einem guten Vorsatz und einer Voraussage für das kommende Jahr. Viele von uns kamen zu dem Treffen mit vorüberlegten Antworten, aber in manchen Jahren war es besonders schwer, etwas vorherzusagen oder sich etwas zu wünschen, mitten in der Ungewissheit der Krise. Gleichwohl machten wir uns daran, uns ein bisschen unser Leben auszumalen, uns etwas vorzunehmen oder zu erraten, was uns geschehen könnte.

Bevor dieser alljährliche Abend endete, wurde das, was wir beim Treffen vor zwölf Monaten geschrieben hatten, vorgelesen und mit dem verglichen, was wir gerade in den Korb gelegt hatten. Diese Lektüre war eine wahrhaftige Gewalttour durch gute Vorsätze und unvollendete Pläne, auch wenn wir dabei nur darauf aus waren, zu lachen und weiter neue Phantasien zu entwickeln. Nur wenige Male lag ich richtig mit der Vorhersage dessen, was auf meiner Insel geschehen würde, wogegen ich glaube, einen guten Teil meiner Vorsätze für mich selbst erfüllt zu haben, mehr aus persönlichem Eigensinn, als aufgrund wirklich günstiger Voraussetzungen, dies zu erreichen. Unter den Teilnehmern dieses Festes wiederholte sich in auffallender Weise der Wunsch, sich in einem anderen Land anzusiedeln, mit ziemlichem Abstand gefolgt von Herzensangelegenheiten und der Sehnsucht nach einem eigenen Dach überm Kopf.

Bei jedem Treffen rings um das Körbchen registrierten wir, dass die Zahl derer, die es schafften zu emigrieren, größer wurde. Das so genannte „Fest der Zettelchen“ wurde so zu einem Durchgehen der Liste der Abwesenden, zu einer Bestandsaufnahme der Illusionen eines ganzen Freundeskreises, der es angesichts fehlender Aussichten vorzog, die Anker zu lichten. Selbst Camila, unsere süße Gastgeberin, ging Tausende von Kilometern weg von ihrem kleinen Häuschen in Ayestarán. In diesen Tagen kann es sein, dass sie den Berg von Vorsätzen und Prophezeiungen noch einmal durchgeht, den wir Jahr für Jahr in ihrem Wohnzimmer schrieben und anhäuften. Ich weiß ganz genau, dass sie diese gelblichen Blätter als Zeugnis einer zerstreuten Generation aufbewahrt, als klaren Beweis dafür, dass wir nicht aufhörten zu träumen, nicht einmal in den härtesten Zeiten.

Herzlich umarmen möchte ich an diesem Jahresende alle diese „Mikadostäbchen“, die über die Welt verstreut sind, die Kommentatoren dieses Blogs, die kubanischen Blogger drinnen und draußen, von der einen oder der anderen Richtung, die Übersetzer der „Generación Y“, die freiwillig meine Texte so vielen zugänglich machen, diejenigen, die von mir am Telefon diktierte Texte niederschreiben und sie dann auf Twitter veröffentlichen, diejenigen, die meine Posts an Tausende von Mailadressen in aller Welt schicken, die mich zuhause anrufen, um mir das zu erzählen, was mir mein Handicap als Surfer nicht zu erfahren erlaubt. All denen alles Gute, Glück und Beständigkeit für dieses Jahr 2010, das in einigen Tagen beginnt.

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3 Gedanken zu „Camila und ihr Weidenkörbchen

  1. Herzlichen Dank Yoani für die guten Wünsche für das neue Jahr! Dir, Deiner Familie und Deinen Freunde ein frohgestimmtes, mutiges und gesundes 2010!
    Den Jahreswechsel 1998/1999 durfte ich zusammen mit meinen Hamburger Freunden Tobi und Udo in Deinem Haus verbringen, wo wir das Vergnügen hatten, einige Deiner Freunde und Familienmitglieder kennenlernen zu dürfen. Es war ein großes Erlebnis und ich zehre noch immer von tiefgehenden Erfahrungen während beeindruckender aber viel zu kurzer Wochen in Deinem Land.
    Wahrscheinlich haben wir uns damals landeskulturell und politisch leider unerfahren gegeben und Dich enttäuscht. So unsere nachträglichen Vermutungen. Denn der anfängliche doch freundliche und engagierte Kontakt wurde eher geschäftlich beendet.
    Alles Gute nochmal! Ich bin erst kürzlich auf Deinen fantastischen Blog aufmerksam geworden und bin seither äußerst angetan! Elmar

  2. Danke. Und Dir und Deinen Freunden wünsche ich ein Jahr ohne Schläge und Misshandlungen. Dass Euch alle der Mut nicht verlässt und Ihr weiterschreiben könnt und dass Ihr nicht im Gefängnis landet.

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