Unsichere Prognose

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Foto: Text auf dem T-Shirt: Kuba, weltweit größter Produzent von positiver Energie

„Stillstand ist die Dynamik der Verschlechterung“ sagte mir ein Freund, halb Philosoph, halb Pessimist, als er die Rede von Raúl Castro gestern in der Nationalversammlung hörte. Unsere Hoffnungen hinsichtlich unserer Prognosen waren nicht hoch gespannt im Hinblick auf eine mögliche Ankündigung von Veränderungen, aber irgendwie erwarten wir noch immer bestimmte schon lange versprochene Maßnahmen. Als der zweite Parteisekretär seine offiziellen Worte zum Jahreswechsel von 2009 sprach, schien er jedoch eher auf die Bremse treten, als steuern zu wollen, schien er eher vorsichtig als draufgängerisch zu sein, viel konservativer als mutig.

Unsere Parlamentarier versäumten ihrerseits wieder die Gelegenheit, unbequeme Fragen zu stellen, bei einer Abstimmung zu opponieren oder hitzige Diskussionen zu führen. Vielleicht ließen sie bei dieser Versammlung die letzte Gelegenheit vorübergehen, eine Öffnung von oben anzustoßen und mit diesem Bild vom stummen Chor zu brechen, das sie mehr als drei Jahrzehnte gezeigt hatten. Die Debatten, die im Palast der Konventionen geführt und im Fernsehen übertragen wurden, schienen in einem weit entfernten Land statt zu finden, das über genügend Zeit verfügt, um die notwendigen Veränderungen eins ums andere Mal zu verschieben. Nicht einmal der Euphemismus von der „Aktualisierung des ökonomischen Systems“ enthielt die wichtigsten Forderungen der übervollen Agenda des Volkes.

Aus dieser vierten regulären Sitzung können wir gerade noch den Namen des neuen Jahres* erschließen, ein zurückgehendes Wachstum des BIP, das uns auch so noch aufgeblasen erscheint, und die Androhung künftiger Kürzungen, die niemand bestätigt. Abgesehen von bestimmten Sätzen pragmatischen Tons, die in der Schlussansprache fielen, bilden weiterhin Freiwilligkeit und Anordnungen von oben die Hauptstrategie, um das Land zu regieren. Auf diese Weise verliert die Figur des Parlamentariers immer mehr an Gewicht, denn der Masterplan wird in einem einzigen Büro ausgeheckt und nur von ein paar Unterschriften abgezeichnet. Es würde mich nicht wundern, wenn im Februar oder März ein Packet von Kürzungen und Anpassungen eingeführt würde, über das nicht im Parlament abgestimmt wird, nicht einmal durch Handzeichen der so gutwilligen Deputierten.

Mitte nächsten Jahres wird die Nationalversammlung von neuem zusammentreten, um ihren Beifall zu zollen, ihre übliche Dosis von Komplizenschaft und ihr Schweigen.

Anmerkung der Übersetzerin:
* In Kuba erhält jedes neue Jahr einen eigenen Namen.

2 Gedanken zu „Unsichere Prognose

  1. Lieber Heriberto

    Danke für die Weihnachts- und Nuejahrsgrüsse.
    Ich lese jeden Artikel von Yoani . Es ist für mich aber nicht immer leicht einen Kommentar dazu zu schreiben,was mich aber nicht daran hintert, über diese Artikel mit Andren zu diskutieren.
    So denke ich doch, dass es mehr Leser als Schreiber gibt.
    ——————————-

  2. Dieses Ja Sager Parlament ist ja auch eines der beschaemendsten Tatsachen eines totalitaeren Staates, alle muessen das Maul halten und dann noch applaudieren und die Nationalhymne singen, unter der Nazi Zeit nannte man das Parlament den *Teuersten Gesangverein Deutschlands‘ Wie lange geht das noch so weiter??

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