Karinas Hof ist nichts Privates

Der böse Wolf oder der Schwarze Mann hießen in meiner Kindheit anders: Die Stadtreform. Ich bin aufgewachsen in einem Haus, für das meine Eltern keine Papiere hatten und jedes Mal, wenn es an der Tür klopfte, durchfuhr uns der Schreck, dass es der Wohnungsinspektor sein könnte. Ich habe gelernt, vor dem Öffnen immer erst durch die Jalousien zu schauen, eine Praxis, die ich noch immer beibehalte, um diesen Spitzeln mit Aktentasche auszuweichen, die uns die rechtliche Angreifbarkeit unseres Heimes vor Augen führten. Die Institution, die sie repräsentierten, war auf meinem Grund und Boden gefürchteter als die echte Polizei. Zahlreiche Konfiszierungen, angeklebte Siegel an den Türen, Vertreibungen und Strafen führten dazu, dass sogar die coolen Jungs im Zentrum Havannas mit den Zähnen klapperten, wenn sie hörten, dass vom Wohnungsinstitut gesprochen wurde.

In den letzten Tagen ist dieses Schreckgespenst meiner Kindheit mit dem zurückgekehrt, was auf dem Hof meiner Freundin Karina Gálvez passierte. Als Ökonomin und Universitätsprofessorin war diese sympathische Frau aus Pinar del Río Teil des Verlagsbeirates der Zeitschrift Vitral und ist jetzt unentbehrliche Stütze des Portals Convivencia. Das könnte man in einer Gesellschaft, in der Zensur und Opportunismus überall wie ein Marabúgewächs* wuchern, als eine große Fehleinschätzung von Karina interpretieren. Obendrein hat sie immer geglaubt, dass das Haus ihrer Eltern, in dem sie geboren wurde und seit mehr als vierzig Jahren lebt, Familienbesitz sei, so wie es auch das Schriftstück besagt, das in der zweiten Schublade im Schrank verwahrt wird. Auf Grund dessen, dass das Bauen auf dem eigenen Hof etwas so Privates sein sollte wie die Entscheidung, sich die Fingernägel wachsen zu lassen, baute sie einen Sitzplatz, zu dem alle Freunde etwas beitrugen. Nach und nach entwickelte er sich zu einem Platz für Diskussionen, zu einem Epizentrum der Reflexion und zu einem unentbehrlichen Wallfahrtsort für die Kreativen und Freidenker von Pinar del Río.

Das ging so bis der Bischof Emérito Ciro González kam, um die Jungfrau der Wohltätigkeit zu segnen, die an diesem heimeligen Platz residierte. Ich erinnere mich daran, dass Reinaldo und ich einen Keramiker suchten, der Flagge und Schild von Kuba für den improvisierten Altar in dem inzwischen berühmten „Hof von Karina“ auf Keramik prägen sollte. Dann kamen die rechtlichen Scharmützel, die Inspektoren der Stadtreform mit ihren Drohungen von Zwangsabriss und Enteignung. Es schien, als ob alles bei einer Geldstrafe oder schlimmstenfalls bei einem Abriss der Bauten bleiben würde. Aber denen, die selbst nichts aufzubauen wissen, macht es besonders Spaß, zu konfiszieren, wegzunehmen, was andere erreicht haben, und etwas zu beschlagnahmen, was sie selbst nicht erschaffen haben. Somit kam gestern, am Dienstag, eine Brigade zum Haus meiner Freundin und verkündete, dass ihr Hof nun nicht mehr ihr gehöre, sondern Eigentum des staatlichen Unternehmens CIMEX, das an das Haus angrenzt. Mit einer in dieser Gegend selten gesehenen Geschwindigkeit errichteten sie eine Barriere aus Metall, die sich in der Nacht in eine Backsteinmauer verwandelte.

Mit ihrer unendlichen Fähigkeit, über alles zu lachen, sagte mir Karina, dass sie auf das hässliche Gemäuer ein paar Hähne malen würden, die den Tagesanbruch verkünden sollten. Auf der anderen Seite wird das Gelände, das ihr immer gehört hat, nun von anderen genutzt. Eines Tages wird sie es zurückbekommen, das weiß ich, denn weder die Stadtreform noch die politische Polizei noch die schnelle Einsatzbrigade, die sich draußen postiert hat, werden verhindern können, dass wir weiterhin sagen und fühlen, dass dies der Hof von Karina ist.

Anmerkung der Übersetzerin:
* Der Marabú ist ein auf Kubas Feldern weit verbreiteter und nur sehr schwer zu bekämpfender Strauch.

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