Canistelfrucht und Eldorado

canisteles

Meine Großmutter erzählte mir davon mit der gleichen Verzückung, mit der Jahrzehnte vorher ihre Eltern ihr vom alten Traum von El Dorado erzählt hatten. Sie verriet mir, dass ihr Fruchtfleisch zwischen gelb und orange sei, beim ersten Bissen trocken, aber angenehm und mild, wenn man es erst einmal im Mund habe. Ihr Lieblingsspiel bestand darin, mir die Canistelfrucht zu erklären, eine mühsame Aufgabe, da es nichts Schwierigeres gibt, als einen Geschmack zu verstehen, den man nie probiert hat. „Ana, wonach schmeckt es?“, fragte ich sie, weil nur der Vergleich mir helfen konnte, das Aroma dieser Frucht zu erahnen, die nicht zu meinem Leben gehörte. „Wie eine Mameyfrucht, aber leckerer“, war der sparsame Satz, den ich ihr entlocken konnte, bevor sie verstummte.

Viele meiner Generation kennen bestimmte Geschmäcker nur vom Hörensagen, beschrieben von Leuten, die in ihrem Geschmacksgedächtnis die Mispel, den Caimito, den Marañón und die Guave aufbewahren. Diese Fähigkeit, unsere Geschmackspapillen mit etwas zu aktivieren, was wir nie zwischen den Zähnen hatten, half uns während der härtesten Jahre der Sonderperiode*. Auf einem Stockbett aus verrostetem Eisen eines Schülerwohnheimes in Alquízar berichtete ich einer Gruppe von Mädchen, wie jene Früchte waren, die sie nie probiert hatten. Die Geschichte wurde jede Woche in einer improvisierten Gesprächsrunde wiederholt, in der die wichtigsten Themen „Sex und Essen“ waren. Letzteres war eine wirkliche Obsession von allen Teenagern dort.

Die Zeit verging und vor einer Woche tauchte meine Mutter mit drei Canistelfrüchten bei uns zu Hause auf. Sie hatte sie bei einem Bauern gekauft zu einem Preis, der den Arbeitslohn eines ganzen Tages überstieg. Ich dachte zuerst an Ana, die vor mehr als zwanzig Jahren starb und die in den letzten Jahrzehnten ihres Lebens die goldene Kugelform nicht wieder gesehen hatte, die sie so sehr vermisste. Teo war es, der den ersten Bissen nahm, er machte eine seltsame Gebärde, bevor er behauptete „Es schmeckt wie eine Mameyfrucht“. Danach kehrte er in sein Zimmer zurück, ohne die Unentschiedenheit auf meinem Gesicht zu sehen: Probiere ich sie oder nicht? Und was ist, wenn sie nicht dem ähnelt, was man mir erzählt hat? Glücklicherweise war sie dann doch, während wir zwei sie verspeisten, wie jene Canistelfrucht, von der mir meine Großmutter erzählt hatte.

Anmerkung der Übersetzerin:
*Die Sonderperiode wurde von Fidel Castro 1990 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausgerufen. Der Wegfall der Unterstützung Kubas durch die Sowjets führte unter anderem zu Nahrungsmittelknappheit.

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