Eine Frage der Hautfarbe

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„Ich nehme dich mit, weil du weiß bist“, sagt der Taxi-Fahrer zu mir, nachdem er gegen Mitternacht sein Fahrzeug mit quietschenden Reifen in der Calle Reina zum Stehen gebracht hat. Von seinen dicken Mulatten-Lippen sprudeln die Rechtfertigungen – eine nach der anderen – warum er zu dieser späten Stunde keine „farbigen“ Kunden annimmt. Er sucht in mir eine Verbündete – in mir, die ich in einem überwiegend schwarzen Viertel geboren und von zimtfarbener Haut fasziniert bin. Ich höre ihm kaum zu. Mich ärgern vor allem Leute, die Ihresgleichen diskriminieren: der Türsteher eines Hotels, der einen Kubaner abweist, aber einen schreienden und gestikulierenden Touristen passieren lässt; die Prostituierte, die für 10 Pesos Convertibles (ca. 7 € 20) mit einem doppelt so alten Kanadier abzieht, um ja nicht das „erbärmliche“ Bild abzugeben, einen Landsmann nehmen zu müssen; der Mann aus Santiago, der, kaum dass er sich in Havanna niedergelassen hat, sich über den Akzent derer lustig macht, die aus seiner eigenen Stadt kommen.

Oft stehe ich früh mit dem Wunsch auf, eine Mestizin zu sein wie Reinaldo oder Teo, denn jedes Mal, wenn die Leute meine gerade Nase und meine helle Haut sehen, glauben sie, ich hätte es leicht gehabt im Leben. Von wegen. Es gibt viele Wege, zum Außenseiter gemacht zu werden, denn neben Rassismus gibt es hier Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft, Stigmatisierung wegen einer ideologischen Zugehörigkeit oder Ausgrenzung, wenn man nicht zu einem Familienklan mit Macht, Einfluss und Beziehungen gehört. Ganz zu schweigen von der Verachtung, die man in einer Macho-Gesellschaft erfährt, wenn man zwei Eierstöcke im Unterleib hat. Deshalb bereitet mir der Vortrag des Taxifahrers so großes Unbehagen, der sein Auto nur wegen meiner blassen Hautfarbe angehalten hat. Ich würde gern aussteigen, aber es ist spät, sehr spät.

„Was machst du beruflich?“, fragt er mich an der Ampel der Straße Belascoaín. Ich bin Bloggerin, sage ich ihm und die Lichter der Avenida Carlos III lassen mich sein von Argwohn und Furcht gezeichnetes Gesicht sehen. „Pass auf, du wirst nicht darüber schreiben, was ich dir gerade gesagt habe“, weist er mich an, wobei sich der zuvorkommende Tonfall, mit dem er mich mitten im Dämmerlicht aufgelesen hatte, merklich ändert. „Ich will nicht, dass du später im Internet irgendwelchen Blödsinn über mich verbreitest“, macht er mir klar und greift sich dabei mit einer Geste der Potenz in den Schritt. Mein glattes Haar ist nun kein Grund mehr, mir zu vertrauen, schon erscheinen ihm meine Augen nicht mehr so mandelförmig und als ich ihm mit meinen schmalen Lippen erkläre, worum es in meinem Blog geht, ist es, als ob ihn ein gefährlicher Verbrecher mit gezücktem Messer bedrohe. Ich stelle also fest, dass er in seiner Weltsicht nicht nur Farbschattierungen stigmatisiert, sondern auch bestimmte Meinungstendenzen, diese Tönungen, die man nicht auf der Epidermis trägt, die aber – auf dieser Insel – Ausgrenzung und Ablehnung hervorrufen.

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