Endspiel

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Zurzeit findet hier ein Theaterfestival statt und das hilft, dem langweiligen Fernsehprogramm zu entkommen und den beschränkten Möglichkeiten, sich abends in Havanna zu zerstreuen (übrigens fast alle in konvertiblen Pesos). Geleitet vom Drama und der Komödie, versuchen wir, die Alltagsprobleme zu vergessen, die Sorgen und die Zweifel, die uns dieses Drehbuch des Absurden, nach dem wir leben, aufbürdet. Aber in diesen abgedunkelten Sälen gelingt nicht immer die Flucht, sondern es lässt sich dort manchmal der Schlüssel finden, um auf unsere eigene Realität zurückzukommen und sie neu zu interpretieren.
Am Samstag zeigte man im kleinen Theater Argos, an der Ecke zwischen den Straßen Ayestarán und 20. Mai, Samuel Becketts Bühnenstück „Endspiel“. Wir gingen früh hin, um noch einen Sitzplatz auf den rustikalen Holzbänken zu bekommen. Glaubt mir, fast zwei Stunden auf einem harten Brett ohne Rückenlehne auszuharren, hält man nur aus, wenn es sich um eine wunderbare Inszenierung handelt. Nun, die von vorgestern Abend war vor der Art, die einen Krämpfe und Nackenschmerzen vergessen lässt. Nicht weil sie Unterhaltung und Gelächter bot, sondern weil sie bei uns diese Beklemmung hervorrief, die uns in Atem hält, dieses menschliche Unbehagen, das uns alles, was uns fehlt, klar vor Augen führt.
Ein blinder alter Mann, mit dem es bald zu Ende geht, hat eine von Misshandlung und Unterwerfung gekennzeichnete Beziehung zu seinem Diener, den er durch Rituale und Erpressung unterdrückt. In seinem Rollstuhl will der launenhafte Kranke alles, was passiert, kontrollieren und benutzt die Augen seines Untergebenen, um Bescheid zu wissen. Eine krankhafte Dankbarkeit und die Unfähigkeit, sich andere Lebensumstände vorstellen zu können, bewirken, dass Clov an seinen Herrn Hamm gebunden ist und dass der Tag seiner Unabhängigkeit immer wieder hinausgeschoben wird. Von einem schmutzigen Fenster aus sieht man das Meer, ein Symbol für alles Verbotene, das es außerhalb gibt, für alles, was uns zu erleben verwehrt ist.
Wir gingen danach zu Fuß nach Hause, überwältigt von der Unruhe, mit der uns diese Inszenierung erfüllt hatte. Zu stark war die Wirkung der schwarz gestrichenen Wände, der Schreie des Despoten, die Aufmerksamkeit verlangten und uns mit ihrer so großen Rohheit und Vertrautheit „das Wesen von Machtbeziehungen“ klar machten, „ihr Mysterium und ihre Rituale von Schuld, Erpressung, Zwang, Verzeihung, Manipulation …“*.

* Das sind die Worte von Carlos Celdrán, dem Leiter des Argos-Theaters, im Programmheft zum Stück „Endspiel“, gespielt von Pancho García, Waldo Franco, José Luís Hidalgo und Veronica Díaz.

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

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4 Gedanken zu „Endspiel

  1. Den Kopf in den Sand stecken und abwarten?

    Säbelrasseln gehört zum Staat dazu!
    Seine Ratlosigkeit ist in solchen Fällen (wo der Bekanntheitsgrad und die internationale Aufmerksamkeit ein einfaches „verschwinden lassen“ nicht mehr gestatten) ebenso groß.
    Aber!
    Die Welt hat ein Auge auf Kuba gerichtet, und es gibt kaum noch eine „Geheimsache“die nicht am nächsten oder übernächsten Tag im www. erscheint.
    Denken wir an das Schlimmste, und hoffen an das Beste!
    Ich bin fest davon überzeugt das, Yoani und Ihre „Mitgefangenen“, bald wieder auf freiem Fuß sind!!!
    Und wenn nicht?

    Dann ist das www. ein sehr effizientes Druckmittel

  2. hallo, soeben hoere ich was mit Yoani und Freunden passiert ist, das ist nur ein Zeichen der Verzweiflung von diesen Typen sie wollen Yoani mundtot machen ….vielleicht noch was Schlimmeres….. Um Schlimmeres zu verhueten ist es absolut notwendig dass eine weltweite grosse und starke Reaktion darauf kommt und dass das nicht so weiter gehen kann. Ich hoffe dass das in irgend einer Forma passieren kann und organisiert wird.Bin bereit da mitzumachen.

  3. Iris hat diesen Artikel sehr gut uebersetzt .Das ist ja nun mal so dass in aussergewoehnlichen Síuationen die geistigen und interlektuellen Auseinandersetzungen viel mehr getaetigt werden, in der Sowjetunion, in der DDR usw. war in oppositionellen Kreisen ein enormer Austausch von Ansichten und Meinungen man wusste ja nicht wies weiterging.Dankbar werden die wenigen Moeglichkeiten sich mal was anderes als das taegliche ofizielle Gequatsche anhoeren zu muessen ausgenutzt so auch diese interessanten Theaterstuecke die oft in direkter Beziehung zur Situation stehen.. .Bei den Nazis konnte Don Carlos von Schiller nicht aufgefuehrt werden, der Satz Sire geben sie Gedankenfreiheit!!! wurde immer mit grossem Applaus begruesst..So ist es nunmal!!!

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