Nomadentum im Cyberspace

felafacs
Bild: Plakat zur Tagung der FELAFACS (http://www.felafacs.org/lahabana/index.php)

Ich würde mir wünschen “Generation Y” * hätte die Domain „.cu“ (Cuba), die anzeigt, dass ihr Ursprung innerhalb dieses Landes liegt. Ich gäbe meine und die Hälfte einer anderen Maus dafür, in ein Büro gehen und sagen zu können: „Bitte, Fräulein, ich möchte mein Blog auf einem Server dieser Insel einstellen.“ Aber diese Möglichkeit ist uns Kubanern verboten, da der Staat hier nicht nur der alleinige Eigentümer aller Fabriken, Schulen, Geschäfte und Müllbehälter ist, sondern auch der absolute Schutzherr über die Parzelle, die uns im Cyberspace zusteht.
Nur offizielle Institutionen dürfen eine dieser Webadressen haben, die auf diese “Insel der vom Web Ausgeschlossenen” hinweisen. Der gleiche politische Filter, der bestimmt, ob eine Person ausreisen, ein Auto kaufen oder einen akademischen Grad an der Universität erwerben darf, kommt dann zum Tragen, wenn es darum geht, eine nationale URL zu bekommen. Daher kommt es, dass der Besitz einer einheimischen Domain eher ein Zeichen von Unterwerfung ist als von kubanischer Identität, ein klarer Hinweis auf staatliche Zustimmung, die hinter bestimmten Veröffentlichungen steckt. Deshalb zähle ich mich lieber zu der Gruppe der „Internet-Nomaden“, die es geschafft haben, für sich einen geschützten Ort zu finden weit entfernt von diesen unnachgiebigen Aufsehern.
Ich hätte gern letzte Woche während der Tagung der FELAFACS (13. lateinamerikanisches Treffen zur sozialen Kommunikationsfähigkeit) in dem Palacio de las Convenciones die These von unserer armseligen Situation als Cybernauten entwickelt. Das Treffen hatte die erfrischende Atmosphäre einer Debatte, die entsteht, wenn Ausländer eingeladen sind. Trotzdem waren Leute des eigenen Landes, die eine abweichende Meinung haben, ausgeschlossen. Es wurde ein Referat aus Brasilien vorgestellt mit dem Titel „Generation Y und das Nomadentum im Cyberspace: Reflexionen über Denkweisen in der digitalen Ära“ der Akademiemitglieder Angela Schaun und Leonel Aguiar, das von ihrem Kollegen José Mauricio Conrado Moreira da Silva verlesen wurde. Eine übereifrige Universitätsprofessorin griff den Referenten an, indem sie daran erinnerte, dass GY außerhalb* von Kuba angesiedelt ist. Was sie nicht sagte – und diese Unterlassung ist nichts weiter als eine versteckte Lüge – ist die Tatsache, dass GY nur so überhaupt existieren kann, dass ein kubanischer Bürger nur außerhalb seines Landes einen eigenen Raum zur freien Meinungsäußerung haben kann.
Wie ein Entflohener, der den Geschmack des virtuellen Berges gekostet hat, kann ich nicht mehr zu Halsblock, Peitsche und Fußfessel zurückkehren. Mein Blog wird eines Tages seinen Platz auf einem Server dieser Insel finden und, glaubt mir, er wird dafür keine ideologische Pirouette drehen müssen.

Anmerkung der Übersetzerin:
*Das Blog „Generation Y“ (GY) hat eine .com-Domain und wird in Spanien verwaltet, da den Kubanern der freie Zugang zum Internet verwehrt ist. Yoani Sánchez geht einmal pro Woche in einem großen Hotel in Havanna ans Netz und schickt ihre Einträge an die Administration in Spanien.

Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

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