Ihnen die Leviten lesen

Video*

Ich bin eine kleine Träumerin. Bis eine Minute vor dem Beginn der gestrigen Feierlichkeiten zum Maria-Moor-Cabot-Preis, dachte ich noch, dass die kubanische Regierung ihre Meinung ändern würde und mich ausreisen ließe. Deswegen hielt ich die Aufnahmen, die ich in der Einwanderungs- und Ausländerbehörde am 12. Oktober gemacht habe, zurück. Als ich heute feststellte, dass ich kein Stück weiter gekommen bin, entschloss ich mich, sie zu veröffentlichen, wobei ich besonders an all jene dachte, die gerade ähnliche Erfahrungen machen.
Meine Gefühle und die Tatsache, dass ich so viel zu sagen hatte, ließen mich mit einer Schnelligkeit sprechen, die für Untertitel schwierig ist, aber ich fühle mich erleichtert, dass ich gegenüber diesen Militärs in Uniform alles gesagt habe, was ich von ihnen und ihren absurden Restriktionen halte.
Entschuldigt die schlechte Qualität des Videos, aber es handelt sich um eine völlig laienhafte Aufnahme, wie alles bei diesem Blog.

* Deutsche Transkription des Videotextes:

(Ein Aushang darüber, was alles erforderlich ist, um ausreisen zu dürfen. …
Einwanderungs- und Ausländerbehörde der Stadtverwaltung von Plaza an der 17. Straße, zwischen J und K, Vedado.)
Yoani (Y): Zur Information: Wer ist vor mir an der Reihe?
Angestellte (A): Yoani?
Y: Nun, ich will wissen, ob das Reiseverbot, das seit einem Jahr für mich gilt, aufgehoben ist. (Ab hier ist die Aufnahme nur akustisch. Entschuldigt die Mängel!)
A: Das Verbot gilt noch immer.
Y: Noch immer? Und wann wird dieses Verbot aufgehoben? Haben Sie eine Ahnung? Ich muss es wissen.
A: Verbot?
Y: Nun, mir nicht zu erlauben, ein Flugzeug zu besteigen, ist ein Verbot.
A: Sie sind noch nicht dazu berechtigt zu reisen.
Y: Aus welchem Grund?
A: Ich kenne den Grund nicht.
Y: Ich habe kein juristisches Verfahren anhängig, ich stehe nicht unter Anklage.
A: Bringen Sie das Problem vor die Staatsbürgerschaft!
Y: Ich bin schon viele Male dort gewesen. Da kennen sie mich schon. Was ich wissen will, ist, ob dieses Verbot unbegrenzt ist. Ob ich eines Tages das Land verlassen kann. Wenn ich es weiter versuche. Was muss ich tun?
Sie wissen, das ist eine Verletzung meines in der Verfassung festgelegten Rechtes. Sie verletzen meine Bürgerrechte, die Möglichkeit zu reisen, mein Land zu verlassen und wieder einzureisen. Das ist sehr ernst. Dass eine Militärinstitution einer Zivilperson ein Grundrecht verweigert, wie das Recht auf Unterricht, auf Nahrung und das Recht zu reisen.
A: Zurzeit können Sie nicht reisen.
Y: Ja, das habe ich schon gehört. Ich wiederhole. Aber ich, was ich will, ist, dass die Person, die die Entscheidung gefällt hat, mir die Antwort persönlich gibt.
A: Ich gebe Sie Ihnen doch gerade.
Y: Nein, Sie geben mir keine Antwort, Sie wiederholen nur das gleiche, was in diesen Papieren steht. Warum kann Yoani Sánchez nicht das Land verlassen? Warum haben Sie solche Angst davor, dass ich außerhalb Kubas bin?
A: Zurzeit können Sie nicht reisen.
Y: Warum wollen Sie nicht, dass ich einen Fuß in ein Flugzeug setze? Wovor haben Sie Angst? Was kann diese Person von 110 Pfund schon tun? Einen Tsunami entfachen? Warum lassen Sie mich dann nicht das Land verlassen?
A: Ich sagte Ihnen schon …
Y: Sie machen sich lächerlich. Nein, aber ich will es wiederholen. Das ist eine Realsatire. Diese Institution, die Sie verkörpern, diese Ausreiseerlaubnis, eines Tages wird das enden. Meine Enkel werden nicht unter diesen Bedingungen leben. Wenn ich ihnen die Geschichte erzähle, wie die Institutionen meines Landes meine Rechte verletzten, mein Recht auf Reisefreiheit, dann werden sie mir nicht glauben. Was werden Sie Ihren Kindern erzählen? Dass Sie sich damit beschäftigten, die Rechte der Kubaner zu verletzen? Ist es das, was Sie ihnen sagen werden? Weil, wirklich, sie tun mir leid, dass Sie das Ihren Kindern in der Zukunft sagen müssen.
Ich, nein, ich habe nie das Recht von irgendjemanden verletzt. Ich will nur mein Recht ausüben. Und wie ein freier Mensch handeln. Warum darf ich das nicht? Warum? Warum verweigern Sie mir systematisch die Erlaubnis? Wer ist die Person, die die Entscheidungen fällt? Sie soll kein Feigling sein und sich zeigen. Und sie soll zu mir sagen, „Yoani Sánchez, du darfst nicht reisen wegen erstens, zweitens, drittens…“ Aber nein…
A: Ich gebe Ihnen doch die Antwort.
Y: Nein, Sie sagen zu mir nur „Nein“. Sie geben mir keine Erklärung. Warum? Ich werde nicht gerichtlich verfolgt. Ich habe keinen anhängigen Fall, ich bin kein Soldat. Ich besitze keine Staatsgeheimnisse. Ich bin nicht einmal eine Ärztin, und Sie haben dem medizinischen Personal für fünf Jahre verboten auszureisen. Sie sollten frei sein. Ich bin nichts davon. Ich bin ein Mensch, der sich dem Schreiben widmet. Warum kann ich nicht raus? Ah … Ich weiß doch, warum ich nicht ausreisen darf, aber ich warte darauf, dass Sie es mir sagen. Weil Sie einen ideologischen Filter haben. Dieses Land ist ein riesiges Gefängnis, mit einer ideologischen Grenze. Mit einer Parteigrenze. Und die Bürger hier werden nach politischen Farben beurteilt. Hier gibt es Bürger erster Klasse, zweiter Klasse und die fünfte Kategorie… Ich weiß nicht, zu welcher Kategorie ich gehöre, aber ich muss in der aller untersten sitzen, nicht wahr? Warum? Wegen des ideologischen Filters.

Aber das wird eines Tages enden. Weil dieses Land nichts zu tun hat mit Ideologie oder mit Partei. Dieses Land existierte vor Ihnen und wird nach Ihnen existieren. Und dann werden Sie Rechenschaft ablegen müssen über all die Rechtsverletzungen, die Sie an uns Kubanern verübt haben. Wirklich, ich bedauere es sehr, aber Ihnen gehört nicht die Zukunft. Die Zukunft gehört uns. Ich bin 34 Jahre alt, ich werde es erleben, ich werde es erleben. Ich werde überglücklich sein, wenn ich frei reisen kann. Und alles, was Sie tun, ist, das Halsband enger zu ziehen. Wenn ich irgendwann einmal einen Fuß außerhalb des Landes setzen kann, werden die Konsequenzen viel größer sein … weil Sie es so bestimmt haben. Jeden Tag lesen mehr Leute mein Blog und das haben Sie bewirkt. Immer mehr Leute bewundern mich und grüßen mich auf der Straße, weil Sie das verursacht haben. Mit Ihren Verboten und Ihrer autoritären Haltung und Ihrer Polizei, die alles überwacht. Das einzige, was sie erreicht haben, ist, das, was ich tue, noch attraktiver zu machen. Wenn ich denn irgendjemandem danken muss, so muss ich den Staatssicherheitsorganen danken, dem Ministerium des Inneren und dem Einwanderungsministerium, die zu dem Phänomen beigetragen haben, dass mein Blog immer größer und größer wird. Wirklich, vielen Dank!

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

4 Gedanken zu „Ihnen die Leviten lesen

  1. Sie trauen sich nicht Yoani rauszulassen und wissen warum, denn es wuerde eine enorme Reaktion ausloesen sie wuerde noch beruehmter werden wie sie schon ist.Aber…. es kommt einem so vor als waere sie eine Ausnahme auf weiter Flur.Ich war ein paar Tage dort und hatte den Eindruck dass die Leute alle nur murren, zu mehr trauen sie sich nicht sie versuchen das Allerschlimmste zu umgehen und einige kleine und kleinste Vorteile fuer sich rauszuschlagen Aber Geduld die Entwicklung zeigt ja dass die in grossen Schwierigkeiten Stecken man kann garnicht verstehen wie das noch klappt.Ein mal werden die auch die Nase vollhaben.Wie soll es dann kommen?Die Leute sind ja garnicht mehr gewoehnt an das was normale Arbeit ist ,,,,,

  2. „Yoani, ich werde nicht müde dein Video mehrmals anzusehen. Ich bewundere deine Vision, dein Mut, dein Können. Ich hoffe, sie tuen dir nicht weh. Obwohl sie, die Unterdrücker, wissen mit wem sie zu tun haben. Die ganze Welt verfolgt alle deine Klagen, nicht nur der G2. Deswegen können sie dir nichts antuen, weil sonst wird so etwas wie ein Sunami hervorgerufen. Sie können alles kontrollieren, aber nicht die Internet. Deine Klagen werden nicht nur im Internet gelesen, sonder sie transzendieren auch zu TV, Radio und Presse. Da kannst du dir gut vorstellen, wie Raulito und Fidelon darunter leiden. Sie wissen nicht, was sie mit dir machen sollen. Wir, die Kubaner im Kuba und im Ausland ünterstützen dich moralisch. Glaube mir, es gibt viele Kubaner, nicht nur draußen im Ausland, auch im Kuba, die von dir schon wissen, deine Arbeit für die Freiheit. Gott sei bei dir in diese schwierige Momente. José Raúl“

  3. Das war mutig! – Mich hätte mal die Reaktion der Zuhörer interessiert; leider ist ja der Rest des offensichtlich mit versteckter Kamera aufgenommenen Films ein Standbild.

  4. Na das war doch mal eine Ansage! Klasse, Yoani. Weiter so! Es müsste nur noch viel mehr „Yoanis“ geben, aber das kommt schon noch. Hoffentlich buchten sie Dich dafür nicht ein.

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