Aus der Not geborene Architektur

Video: Das Gedicht “Wirschaftsplan” von Amaury Pacheco, vom Autor gelesen

Im Morgengrauen entfernten sie die ersten Backsteine aus der Außenwand, um sie auf dem Schwarzmarkt zu je 3 Pesos zu verkaufen. Wie eine Legion von Ameisen nahmen die Ärmsten des Stadtbezirks die alte geschlossene Fabrik in Besitz und fingen an, sie abzubauen. An der Ecke standen einige Kinder Wache, falls die Polizei nahen sollte, während ihre Eltern die Reste des Schutts durchforsteten, um daraus feinen Schotter zu entnehmen. Die geschickten Hände rissen es tagsüber ein und transportierten nachts die Baumaterialien ab, mit denen sie ihre eigenen Häuser bauen konnten. Nach drei Wochen blieben von den riesigen überdachten Hallen nur der Boden und einige Säulen, die sich ins Leere erhoben. Alles, was sich verwenden ließ, war an Orte geschafft worden, wo es dringend gebraucht wurde, und diente dazu, die aus der Not geborene Architektur zu unterstützen.

Auf einer Insel, wo der Versuch, Zement, Steine oder Stahl zu kaufen, vergleichbar ist mit dem Unterfangen, ein wenig Mondstaub zu bekommen, ist es zu einer allgemeinen Praktik geworden, zu zerstören, um aufzubauen. Es gibt Spezialisten, die einen Lehmziegel unversehrt herauslösen können, nachdem er achtzig Jahre in einer Mauer eingebettet gelegen hatte, es gibt Leute mit Erfahrung im Ablösen von Fließen in einer abbruchreifen Wohnung und geschickte „Dekonstrukteure“, die Stahlträger aus eingestürzten Gebäuden herausziehen. Sie nutzen das geborgene Material zur Schaffung ihres eigenen bewohnbaren Bereichs, in einem Land, in dem niemand legal ein Haus kaufen kann. Ihre wichtigsten „Steinbrüche“ sind Behausungen, die eingestürzt sind, oder Fabriken, die der fahrlässige Staat über lange Jahre sich selbst überlässt. Sie fallen über sie her und plündern sie aus mit einer Effizienz, die man gerne bei den schläfrigen Maurern sehen würde, die für Lohn arbeiten.

Einige von diesen geschickten Recyclern sind beim Einsturz eines Daches oder beim Zusammenfallen einer Mauer gestorben, die sie zu sehr an ihrer Basis ausgehöhlt hatten. Aber ab und zu lacht ihnen auch das Glück und sie finden eine Toilettenschüssel ohne Risse oder eine Steckdose, die die Besitzer des Abbruchhauses in der Eile nicht mitnehmen konnten. Kilometer entfernt vom Ort der Plünderung beginnt sich eine kleine Hütte aus Blech und Zink allmählich zu verwandeln. Man hat ihr die Bodenfließen des Gebäudes an der Straßenkreuzung Neptuno und Ágila eingebaut, ein Stück des äußeren Gitters des kleinen verlassenen Palastes in der Straße Línea und sogar ein herausgerissenes Kirchenfenster eines Klosters in Habana Vieja. In dieser Heimstätte, die das Ergebnis der Plünderung ist, träumt eine Familie – ebenso ausgeplündert durch das Leben – von der nächsten Fabrik, die sie demontieren und auf ihre Schultern laden werden.

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

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