Ich hatte ein Halstuch, na und?

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Foto: In der Grundschule mit meinem Halstuch

In allen Schulen des Landes feiert man heute eine Zeremonie, mit der die Kinder der ersten Klasse in die Organisation der Pioniere eintreten. Der Morgenappell dauert länger als sonst, die Eltern begleiten ihre Kinder, während sie ihnen die Halstücher umbinden und sie zum ersten Mal die Parole „Pioniere für den Kommunismus, wir werden wie Che sein“ rufen. Auch ich machte dies bei zwei Gelegenheiten mit, einmal als ich an der Reihe war, mich in die Liste der OPJM* einzutragen und das andere Mal an jenem Tag, an dem ich dabei war, als Teo initiiert wurde. An die beiden Male habe ich so unterschiedliche Erinnerungen, dass sie in völlig entgegengesetzten Dimensionen stattgefunden zu haben scheinen.

In meinem Fall waren es die Jahre des ideologischen Feuers und ich, kaum 93 Zentimeter groß, war entschlossen, mein Leben für das Halstuch hinzugeben, das man mir gerade umgelegt hatte. Ich fühlte mich von der Hand des Vaterlandes berührt, obwohl ich in Wirklichkeit nur in die Reihen einer Ideologie aufgenommen wurde. Das Motto der Organisation, in die ich gerade eingetreten war, schien mir das heilige Losungswort, das alle Türen öffnen würde, obwohl ich damals nicht einmal wusste, dass die Nachsilbe „-ismus“ Substantive bildet, die „Lehre, Sekte, System“ bedeuten. Am schlimmsten hätte ich es gefunden, wenn ich ausgeschlossen worden wäre, wie Lybna, die das „Gelübde“ mit dem Rest der Kinder im Klassenzimmer nicht mitmachen durfte, weil sie eine Zeugin Jehovas war. Auf ihr lag ein Schatten, der noch dunkler wurde, gerade weil sie jenes blaue Tuch nicht um den Hals gebunden trug.

Es vergingen zwanzig Jahre und ich begleitete meinen Sohn an einem Oktobermorgen, um zu sehen, wie er in diese Pionierbewegung eintrat, an die ich schon nicht mehr glaubte. Die Lehrerin schritt die Reihe ab und bat die Kinder, die Parole über Che Guevara zu wiederholen. Teo blieb still und verzog das Gesicht, was den flinken Augen der Direktorin nicht entging. Als man ihn fragte, warum er die Parole nicht gesagt hatte wie der Rest der Schüler, erklärte er in seiner kindlichen Einfalt: „Weil Che tot ist und ich nicht tot sein will“. Ich nahm an, mein Sohn sei gerade im ideologischen Katalog mit dem Schlimmsten der Buchstaben, dem „K“ für Konterrevolutionär versehen worden. Aber nein, die Lehrerin lachte und gab ihm seine erste Lektion in Opportunismus: „Ach, Teo, wiederhol die Parole und fertig, wozu willst du dir Probleme machen?“

*OPJM: Organisation der Pioniere José Martí

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

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3 Gedanken zu „Ich hatte ein Halstuch, na und?

  1. Heute bin ich etwas enttäuscht von Yoani. Wie kann sie, die sie selbst zugibt, nicht an die Pionierorganisation „zu glauben“, ihren Sohn dort eintreten lassen? Offensichtlich war es ja bereits vor 20 Jahren möglich, *kein* Mitglied
    zu sein, wie Lybna, die Zeugin Jehovas beweist. Wie kann man über die Lebensumstände und die ständige Indoktrination „jammern“, aber – wenn man ein Zeichen setzen könnte – schlicht den Kopf einziehen und sein Kind, statt es zu einem selbstbewussten Menschen zu erziehen, einfach der Gehirnwäsche durch das System aussetzen? Wie kann man auf Veränderungen von „oben“ warten und nicht auch von „unten“ Veränderungen vorantreiben? (Und wie passt diese Haltung zu den in vorigen Blogeinträgen beschriebenen, teilweise sehr mutigen Aktionen Yoanis?)

    Ich schreibe das nicht aus theoretischer Sicht: Ich bin 1972 in der DDR eingeschult worden und war nie Pionier. Zunächst hatte ich Angst vor Ausgrenzung, wurde aber von Schulkameraden und auch Lehrern akzeptiert: mein Standpunkt (der natürlich zu Anfang der Standpunkt meiner Eltern war) war klar. Ich vertrat mein Meinung eindeutig und brauchte daher auch keinen Opportunismus.

    Der Titel dieses Eintrags hätte besser lauten sollen: „Ich hatte ein Halstuch, heute schäme ich mich dafür“.

  2. Hallo Heriberto,
    auch ich hatte einst ein rotes, und dann ein blaues Halstuch getragen. Meiner inneren Einstellung, (die ich von meinem Elternhaus mitbekommen hatte), konnte weder das Gefasel der Staatsbürgerkundelehrer, und noch weniger die Propaganda der Parteiführung etwas anhaben! Die Realität kann man (heute wie damals) den Menschen an den Gesichtern ablesen. (Obwohl ihr nicht solche Jammerlappen seid wie wir!!!)
    Ich glaube nicht, das die Situation heute auf Kuba gefährlicher ist, als sie es damals in der DDR war!!!Bei uns wusste keiner ob die Russen einmarschieren oder nicht!
    Das wäre dann eine wirklich kurze Revolution geworden.
    Denkt und vertraut der Jugend, denn es war schon immer „Ihre Aufgabe“ für Veränderungen zu kämpfen,und das werden sie auch tun!!!
    Das System wie Ihr es kennt ist schon schlapp, aber wie schon ein Nobelpreisträger sagte „Yes we can“

  3. Es sind also schon zwei Generationen die das ueber sich haben ergehen lassen muessen.Es vergehen die Jahrzehnte und obwohl es bewiesen ist dass diese Systeme nur mit polizeilichen Mitteln …Stsi Gestapo usw, sich aufrecht erhalten koennen so wird es immer wieder mit einem ideologischen Hintergrund versucht dieses einzufuehren.In der Praxis bedeuten sie keine Verbesserung des Lebensniveaus dr Menschheit.Mit einer Ausnahme …China, wo die geradezu bewundernswerte Kapazitaet eines Volkes verstanden hat den Srandard zu erheben,Aber sonst,,,,Heute stehn wir vor einer Situation die mir gefaehrlich scheint.Das uns bekannte System ist in grossen Schwierigkeiten .Es ist jetzt also wie ein Wettlaufen welches von den beiden Systemen schlapp macht.Jeder sollte versuchen eine Beitrag zu leistn um zu vermeiden dass die Welt in einem neuen Totalismarismus versinkt.Alles klar???

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